# taz.de -- Wahlgewinner Magyar: Ungarns Machtwechsel nimmt Form an
> Staatspräsident Sulyok will Wahlgewinner Péter Magyar mit der Bildung
> einer neuen Regierung betrauen. Diese dürfte bereits im Mai stehen.
(IMG) Bild: Peter Magyar hat Visionen
Es war eine dieser Szenen, die nur das Leben schreibt. Ungarns [1][großer
Wahlgewinner] Péter Magyar steht auf dem Balkon des Budapester
Sándorpalasts, des Amtssitzes des Staatspräsidenten. Er winkt hinüber zum
Karmeliterkloster, dem Amtssitz Viktor Orbáns, des scheidenden
Ministerpräsidenten.
Doch Orbán, ganz in sein Handy vertieft, winkt nicht zurück. Wenig später
spöttelt Magyar unter einem Video über die Situation: „Was Viktor Orbán
wohl gerade so intensiv am Handy liest? Seine Abschiedsrede, die
Sportnachrichten oder eine Erklärung von Donald Trump?“ Mit Letzterem meint
er eine überfällige Reaktion auf die Niederlage Orbáns, denn der
US-Präsident hatte diesen nach Kräften im Wahlkampf unterstützt, dabei aber
aufs falsche Pferd gesetzt.
Magyar hat gut lachen. Am dritten Tag nach seinem Wahltriumph trifft er
Staatspräsident Tamás Sulyok. Der weitere Fahrplan steht auf der Agenda,
denn Ungarn steht vor einem historischen Machtwechsel. Das Klima ist nicht
das beste: Unmittelbar nach seinem Wahlsieg hatte Magyar den Rücktritt
Sulyoks gefordert, da er nur eine Marionette Orbáns sei. Tatsächlich hatte
Orbán Sulyok 2024 ins Amt gehievt, als dessen Vorgängerin wegen eines
Begnadigungsskandals in einem Pädophiliefall [2][zurücktreten musste].
Jener Skandal, der [3][Magyars Aufstieg] erst ermöglicht hatte.
## Verhandlungen zwischen den Parteien starten am Freitag
Am Ende werden es doch konstruktive 40 Minuten. Sulyok werde Magyar mit dem
Regierungsbildungsauftrag betrauen, heißt es nach dem Treffen. Die
konstituierende Sitzung des neuen Parlaments findet voraussichtlich in drei
Wochen statt, jedenfalls nicht vor dem 4. Mai. Dann wird Magyar von seiner
Parlamentsmehrheit zum Ministerpräsidenten gewählt und bildet eine
Regierung, die nach der Vereidigung durch den Präsidenten ihre Arbeit
aufnimmt. Ab diesem Freitag sollen Verhandlungen zwischen den Parteien über
den parlamentarischen Fahrplan beginnen.
Am Mittwoch empfängt Sulyok auch den Nochministerpräsidenten Orbán sowie
László Toroczkai, den Anführer der rechtsextremen Mi Hazánk, die ebenfalls
im künftigen Parlament vertreten ist. Orbán äußert sich nicht zu dem
Treffen. Auf einem veröffentlichten Foto lächelt Sulyok, während der
Wahlverlierer ernst blickt.
Auch der Präsident selbst steht zur Disposition. „Ich werde darüber
nachdenken“, sagt Sulyok über Magyars Rücktrittsforderung. Falls es nicht
zu einem freiwilligen Abgang kommt, würden sich andere Wege mit demselben
Ergebnis finden lassen, droht Magyar. Ein etwaiger Rücktritt würde wohl
erst nach Vereidigung der neuen Regierung erfolgen, um keine
Verfassungskrise zu riskieren. Offen bleibt, ob ein künftiger Nachfolger
wie bisher vom Parlament oder per Direktwahl vom Volk gewählt werden soll.
## Magyar will Justizreform angehen
Es ist eine von vielen Fragen, die Magyars Partei Tisza nun klären muss.
Denn seine Regierung steht vor der Aufgabe, Orbáns illiberalen Umbau
rückgängig zu machen. Dazu zählt auch eine Justizreform: Das von Orbán
unter seine Kontrolle gebrachte Verfassungsgericht soll wieder unabhängig
werden. Magyar kündigt zudem an, die Amtszeiten des Ministerpräsidenten auf
zwei zu beschränken. Orbáns Chancen auf ein Comeback wären damit passé.
Orbáns Fidesz hatte bereits von 1998 bis 2002 sowie von 2010 bis 2026
regiert.
Gravierende Änderungen kündigt Magyar auch im Medienbereich an. Unter Orbán
wurden Dutzende Zeitungen auf Regierungslinie gebracht, der
öffentlich-rechtliche Rundfunk zum Propagandasprachrohr umgebaut. Dort war
Magyar Mittwochmorgen erstmals seit 18 Monaten zum Interview eingeladen,
erst auf Kossuth Rádió, danach im Fernsehsender M1. Den gesamten Wahlkampf
über war der Oppositionsführer dort nicht zu Wort gekommen.
Die Interviews verliefen hitzig. Thema war auch Magyars Plan, die
Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wiederherzustellen und
bis dahin die Nachrichtensendungen zu suspendieren. Die M1-Moderatorin warf
Magyar vor, das würde gegen das Rundfunkgesetz verstoßen. Magyar
protestierte: Wer seiner Partei Gesetzesverstöße vorwerfe, erinnere ihn an
einen Dieb, der sich beim ihn stellenden Polizisten beschwert.
Dass ausgerechnet der Staatssender als Hüter des Rundfunkgesetzes auftritt,
quittiert Magyar mit sichtbarem Unverständnis. In die laufende
Berichterstattung werde die neue Regierung jedenfalls nicht eingreifen –
anders als Orbáns Kabinettschef Antal Rogán das getan habe.
15 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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