# taz.de -- Warum der Wal so besonders ist: Kein Herz für Sardinen
> Unsere Autorin ist in ein Gespräch über die Wertigkeit von Tieren und
> Menschen verwickelt. Am Ende geht's wie immer ums Geld.
(IMG) Bild: Warum lassen sie ihn nicht einfach in Ruhe? Gestrandeter Wal in der Wismarer Bucht
„Warum ist dieses Ding mit dem Tier für manche so eine Riesensache?“, fragt
die Freundin und kaut auf einem Grashalm.
„Dass sie das wichtiger nehmen als Menschenwohl?“, sagt der Freund.
„Oder dass ein Tier eine ganz andere Relevanz hat als ein anderes“, sagt
die andere Freundin.
„Weil es niedlicher ist?“ „Größer!“
„Mitfiebern erzeugt Bindung.“ „Aber ein Wal ist ja kein Fußballverein.“
## Eine „Fremdkatze“ ist emotional neutral
„Tier ist moralapostolisch nicht gleich Tier, manchmal ist Spezies nicht
mal gleich Spezies.“ „Stimmt, wenn die Nachbarskatze einen Vogel killt, bin
ich verstört, würde meine Katze das tun, wär ich irgendwie okay damit.“
„Weil deine Katze zu deiner Ingroup-Bias gehört, die Fremdkatze ist
emotional neutral, voll in der Outgroup.“
„Deine Katze darf doch gar nicht raus.“ „Natürlich nicht, sie könnte
überfahren werden.“ „Es werden ständig Tauben überfahren!“ „Das kratzt
niemanden.“ „Würde ich es sehen, würde es mich kratzen.“
„Und eben das ist das Ding mit dem Wal.“ „Niemand will beim Sterben
zusehen.“ „Wenn Menschen ertrinken, sieht kaum noch jemand hin.“
„Vielleicht ist dieser Wal ein Stellvertreter.“ „Das kollektive
Tierwohl-Gewissen als Substitut für die Ausblendung gegenüber menschlichem
Leid und Sterben im Meer.“
„Das Problem beim menschlichen Gehirn ist ja, dass es eben kein
Moral-Computer ist, es ist voll der emotionalen Unlogik.“
## Erst Enten füttern, dann Ente essen
„Ich war mal in München.“ „Und?“ „Da hab ich am Wasser Enten gefüttert und
direkt danach waren wir im angrenzenden Restaurant und ich habe Ente mit
Knödeln gegessen.“ „Hat es geschmeckt?“ „Sehr. Darüber war ich verwundert.“
„Die gefütterte Ente war emotionalisiert, die gefutterte neutralisiert.“
„So einfach ist das?“ „Moral schlingert im Kontext.“ „Und sie lässt sich
aktiv umdenken.“
„Ja, und so funktioniert Rassismus.“ „Wer andere entmenschlicht, kann sich
vormachen, moralisch richtig zu handeln, wenn er diskriminiert, angreift
oder tötet.“ „Psychologisch diabolischer Trick, entschuldigt gar nix.“
„Lebt der Wal eigentlich noch?“ „Ich klick’ das nicht mehr an.“ „Das Tier
wirkt suizidal.“
„Warum lassen die den nicht in Ruhe?“ „Zu groß.“
„Meint ihr, die Sardinen sind schon tot, wenn man die in die Büchse stopft
und dicht macht?“ „Miniatur-Massengrab in Olivenöl. Fand ich immer weird.“
„Aber ne Solo-Dorade frei liegend auf deinem Teller ist ok?“ „Nee, ich esse
nichts im Ganzen.“ „Ja zum Chicken McNugget, nein zum Suppenhuhn?“
„Ein ganzes Tier sieht so tot aus.“ „Schlemmerfilet Bordelaise ist auch
sowas von tot.“
„Ich wünschte, ich könnte vegan, aber ich hab Angst, dass ich dann
Mangelzustände bekomme.“ „Vitamin B12?“ „Nee, die Liebe meiner Oma, die hat
mich mit Fisch und Fleisch großgezogen.“
„Sieht sie dir aus dem Himmel zu?“ „Die ist drin in meinem Herzen.“ „War
sie ein guter Mensch?“ „Weiß nicht, hat nie Bio gekauft, meinte, die Sachen
seien faulig.“
„Ist es moralisch hohes Level, wenn man nur Bio kauft?“ „Auf jeden Fall
hohes Einkommenslevel.“ „Es ist leichter moralisch richtig zu handeln, wenn
man viel Knete hat.“
„Moralisch sicherer, nicht zu versuchen, reich zu werden.“ „Zu guter Letzt
muss man mit den Millionen einen Wal retten, um wieder zur richtigen
Ingroup zu gehören.“ „Zu welcher?“ „Zur viralen Liebesgruppe.“
23 Apr 2026
## AUTOREN
(DIR) Jasmin Ramadan
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