# taz.de -- Klimapolitik und Zukunft: Das Meckern über Moral
       
       > Der Klimaschutz sei zu moralisch, moralisierend, moralistisch, hört man
       > oft. Aber wer profitiert davon, wenn man sich diesen Vorwurf zu Herzen
       > nimmt?
       
 (IMG) Bild: Demonstranten von Fridays For Future bei einer Protestaktion vor dem Kanzleramt in Berlin
       
       Zu den vielen Unwuchten im Politikbetrieb gehört es, dass das linke Lager
       jederzeit bereit ist, sich noch den billigsten Vorwurf des politischen
       Gegners zu Herzen zu nehmen – „Ui, haben die da doch einen Punkt?“ – und
       die eigenen Argumente durchzuflöhen. Auf konservativ-wirtschaftsliberaler
       Seite dagegen ist das selten bis nie zu beobachten. Das Bemühen um halbwegs
       widerspruchsfreie Begründungszusammenhänge bleibt ein linkes Hobby, und
       ebenso lange wird die Macht vermutlich auf der anderen Seite wohnen
       bleiben.
       
       Das derzeit beeindruckendste Beispiel dafür ist die Klimapolitik. Der
       Durchmarsch der [1][fossilen Lobby auch durchs bundesdeutsche Kabinett]
       macht die Klimaziele zur Fata Morgana – einem Trugbild in der Wüste, als
       die wir uns große Teile Europas in der Zukunft vorstellen dürfen. Doch
       hadern KlimaschützerInnen weiterhin damit, ob und inwiefern die Vorhaltung
       wohl stimmt, dass Klimaschutz stets zu moralisch, moralisierend,
       moralistisch sei, eben mit einer „überhöhten Moral“ daherkomme, [2][wie es
       Friedrich Merz] als Noch-nicht-Kanzler über die Grünen donnerwortete.
       
       Wie bei vielem anderen ist Merz als Kanzler auch hierin längst vom Gas
       gegangen. Grünen-Parteichef Felix Banaszak bestätigte den Vorwurf jedoch
       indirekt noch einmal, als er im März [3][programmatisch schrieb], das
       „Kampffeld“ müsse „von der Moralisierung von Lebensstilfragen“ weg verlegt
       werden, hin zur „Herausforderung schädlicher Machtverhältnisse“.
       
       An genau dieser Stelle habe ich mich schon einmal mit meinem
       Kolumnenkollegen Peter Unfried verhakt. (Er: [4][Moral raus aus dem
       Klimaargument]! – Ich: [5][Das Klimaargument geht nur mit Moral]!) Umso
       glücklicher war ich deshalb, vorige Woche auf unserem Jahreskongress, dem
       taz lab, eine Diskussion mit zwei MoralexpertInnen führen zu dürfen. Wir
       hatten eine Auflösung. Kurz zusammengefasst: Man entkommt der Moral nicht.
       
       ## Die Idee von einer besseren Zukunft
       
       Die Schriftstellerin Anne Rabe, die jüngst das [6][Buch „Das M-Wort]. Gegen
       die Verachtung der Moral“ geschrieben hat, sagte: „Vielleicht ist eine
       Politik, die sich an einem Ideal oder an einer Idee von einer besseren
       Zukunft ausrichtet, per se verdächtig.“ Doch genau deshalb sollten sich
       Progressive – gedacht bis in gemäßigte CDU-Kreise hinein – diese
       Vorstellung einer besseren Zukunft nicht nehmen lassen, sondern sie nur
       noch deutlicher formulieren.
       
       Gegen Moral spreche dabei überhaupt nichts, sagte Rabe. Moral sei
       schließlich „ein Mittel, die Gesellschaft resilienter, intelligenter und
       besser zu machen, mit den Herausforderungen unserer Zeit umzugehen“.
       
       Über Moral zu meckern, sei ungefähr so schlau, wie sich über Schwerkraft zu
       beschweren, sagte auch der Philosoph Hanno Sauer. Er hat in „Moral. Die
       Erfindung von Gut und Böse“ die Entwicklung der Moral durch die
       Menschheitsgeschichte nachgezeichnet. „Die Behauptung, dass einem mit Moral
       unangenehm in den Nacken geatmet werde, ist abwegig“, führte Sauer in
       entzückender Metaphorik aus. Zwar gebe es Bereiche wie Kunst oder Sport,
       denen der „Import von Moral“ nicht unbedingt guttue. Das gelte aber nicht
       für die Politik. „Moral ist die Abwägung und Versöhnung von Interessen –
       auch von Menschen, die noch nicht geboren sind, und Menschen am anderen
       Ende des Planeten.“
       
       Bleibt die Frage, unter welchen Umständen die WählerInnen es dulden, ihre
       Interessen etwa am Autofahren mit den Interessen noch nicht geborener
       Menschen abzugleichen. „Preise sind ein akzeptiertes Mittel“, sagte Sauer,
       „dann bräuchte man gar keine Moral, weil’s einfach zu teuer ist.“ – „Um das
       zu rechtfertigen, bräuchte man eine moralische Diskussion“, entgegnete
       Rabe. Wie erwähnt: Moral ist sowieso überall drin.
       
       3 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Energiepolitik-von-Katherina-Reiche/!6157093
 (DIR) [2] https://www.bild.de/politik/inland/ueberhoehte-moral-merz-attackiert-gruene-669402d9bf2e8807d4e8e3a2?utm_source=chatgpt.com
 (DIR) [3] https://www.felixbanaszak.de/blog/wie-wir-wieder-gewinnen
 (DIR) [4] /Kapitalismus-im-Klimaschutz/!6123682
 (DIR) [5] /Aktuelle-Klimapolitik/!6124530
 (DIR) [6] /Essay-ueber-Moral-in-der-Politik/!6128463
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ulrike Winkelmann
       
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