# taz.de -- Im Lina E.-Prozess verurteilt: Berliner Antifaschist „Nero“ äußert sich aus dem Untergrund
> Vor drei Jahren wurde ein Berliner Autonomer im Prozess um Lina E.
> verurteilt. Statt in Haft zu gehen, tauchte er ab. Nun meldet er sich zu
> Wort.
(IMG) Bild: Nach der Verurteilung von „Nero“ und anderen im Antifa-Ost-Prozess brannte es 2023 in Leipzig-Connewitz
Seit fast einem Jahr hätte [1][Philipp M.] eigentlich schon in Haft sein
müssen: seit dem 18. Juni 2025, in der JVA Hakenfelde in Berlin. An dem Tag
hätte der 31-jährige Berliner Antifaschist eine gut dreijährige Haftstrafe
antreten soll, [2][zu der er bereits im Mai 2023 vor dem Oberlandesgericht
Dresden verurteilt wurde]. Aber dazu kam es nicht: Philipp M. tauchte ab.
Nun meldete er sich erstmals zu dem Schritt aus dem Untergrund.
„Mich der Haft zu entziehen, ist mir nicht leicht gefallen“, schreibt
Philipp M., Spitzname „Nero“, in einer Erklärung auf der linken
Onlineplattform Indymedia. Das gewohnte Umfeld und geliebte Menschen
zurückzulassen, sei „schmerzvoll“. Aber nach Jahren der Strafverfolgung und
Überwachung hätte es sich „nicht richtig angefühlt, mich freiwillig in die
noch unfreiere Situation der Gefangenenschaft zu begehen“. Deshalb habe er
sich damals entschieden, seine Haftstrafe nicht anzutreten und sei
„untergetaucht“.
Eine Sprecherin des Oberlandesgerichts Dresden bestätigte der taz, dass
Philipp M. seine Haft nicht antrat. Nach taz-Informationen fahndet die
Berliner Polizei nach ihm. Es wurde ein Haftbefehl zur Strafvollstreckung
gegen M. erlassen. Ein Polizeisprecher wollte sich dazu nicht äußern, aus
datenschutzrechtlichen und ermittlungstaktischen Gründen.
Auch die Anwältin von Philipp M. wollte das Abtauchen nicht kommentieren.
Der 31-Jährige ist in der linken Szene Berlins indes kein Unbekannter.
Bereits 2017 war er [3][zu einer Haftstrafe verurteilt worden], weil er bei
Krawallen zwischen Autonomen und der Polizei in der Rigaer Straße den
Piloten eines Polizeihubschraubers mit einem Laserpointer geblendet hatte.
Seinen Prozess hatte eine „Free Nero“-Kampagne begleitet. Zwei Jahre saß M.
danach im Gefängnis.
## Widerstand und Selbstkritik wegen „Antifa-Mackertum“
Später wurde Philipp M. erneut angeklagt, nun vor dem Oberlandesgericht
Dresden und im Auftrag der Bundesanwaltschaft. Der Vorwurf lautet diesmal,
dass sich M. an den Angriffen der [4][Gruppe um die Leipziger
Antifaschistin Lina E.] auf Rechtsextreme beteiligte. Der Berliner soll an
einem Überfall direkt mitgewirkt und für einen weiteren ein Auto zur
Verfügung gestellt haben. Die Beteiligung an einem weiteren vorgeworfenen
Überfall konnte die Verteidigung entkräften: Philipp M. war zum
Tatzeitpunkt in Berlin.
Im Mai 2023 war der Berliner dann für die Taten [5][zu drei Jahren und drei
Monaten Haft verurteilt] worden. Die anderen drei Mitangeklagten, darunter
Lina E., erhielt Strafen bis zu gut fünf Jahren Haft. [6][Der
Bundesgerichtshof erklärte im März 2025 das Urteil für rechtskräftig] –
dann setzte sich Philipp M. ab.
Seit 2017 habe er ununterbrochen unter staatlicher Beobachtung gestanden,
seit Jahren führe er Abwehrkämpfe, erklärte der Antifaschist nun in seiner
Stellungnahme. Auch der Prozess in Dresden sei eine staatliche
„Machtdemonstration“ gewesen. Mit seinem Abtauchen wolle er jetzt aber
zeigen, wo der Staat an Grenzen stoße und „wo es möglich ist, Widerstand zu
leisten“. Dies, so Philipp M., sei „mein Weg, für das zu kämpfen, woran ich
glaube“.
Und Philipp M. zeigt sich auch selbstkritisch. Denn nach seiner ersten Haft
hatte er sich in einem Porträt im Vice-Magazin sehr selbstbewusst als
militanter Antifaschist in Szene gesetzt. In Teilen der Szene wurde ihm
darauf „mackerhaftes Verhalten“ vorgeworfen. M. räumt nun ein, dass die
Kritik und dieses Bild damals zutreffend gewesen sei. „Mittlerweile schäme
ich mich dafür, es ist peinlich und es tut mir leid.“
## Nicht der einzige untergetauchte Linke
Der einzige linke Abgetauchte ist Philipp M. derzeit nicht. Auch von den
Beschuldigten der Angriffe auf Rechtsextreme in Budapest im Februar 2023
ist weiterhin mindestens ein Linker flüchtig. In ganz anderem Spektrum sind
auch die früheren RAF-Terrorbeschuldigten Burkhard Garweg und Ernst-Volker
Staub weiterhin abgetaucht.
Von den bisher Verurteilten der Lina E.-Gruppe verbüßen dagegen, außer
Philipp M., alle anderen drei Linken nach taz-Informationen derzeit ihre
Haftstrafen, auch Lina E. selbst.
Und inzwischen läuft vor dem Oberlandesgericht Dresden bereits [7][ein
zweiter Prozess zu der Gruppe – gegen sieben Antifaschisten, darunter
Johann G.], der frühere Partner von Lina E. Auch ihnen werden Angriffe auf
Rechtsextreme zwischen 2018 und 2023 vorgeworfen.
In dem Verfahren sollte zuletzt einer der bereits im ersten Prozess
Verurteilten, Jannis R., als Zeuge aussagen. Der Leipziger aber verweigerte
die Aussage. [8][Daraufhin verhängte das Gericht gegen ihn eine
sechsmonatige Beugehaft]. Der offene Vollzug, in dem sich Jannis R. zuvor
befand, wurde daraufhin aufgehoben. Mehrere Verteidiger:innen
reagierten mit Befangenheitsanträgen gegen den Senat – die später
zurückgewiesen wurden.
In dem Dresdner Prozess sagte derzeit nun ein Kronzeuge aus, Johannes D.,
ein früherer Szenefreund von Lina E. Der Berliner war 2021 nach
Vergewaltigungsvorwürfen aus der linken Szene verstoßen worden – danach
packte er bei der Polizei über die Gruppe um Lina E. aus und belastete auch
Philipp M. Seine Aussagen werden sich noch über mehrere Prozesstage ziehen.
13 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Konrad Litschko
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