# taz.de -- Die Beastie Boys im Museum: Mehrstimmigkeit in unendlichen Varianten
       
       > Mike D ist Mitbegründer der Beastie Boys und Co-Kurator die Ausstellung
       > „Mishpocha“ im Jüdischen Museum Frankfurt. Damit soll das Band-Prinzip
       > gestärkt werden. Klappt das?
       
 (IMG) Bild: Ausstellungsansicht „Mishpocha“ im Jüdischen Museum Frankfurt am Main
       
       Natürlich sollte niemand von Mike D eine Anleitung für irgendetwas
       erwarten. Unprätentiös wirkt der Musiker, Mitbegründer der Beastie Boys und
       jetzige Co-Kurator beim Pressegespräch im Jüdischen Museum Frankfurt bei
       der Eröffnung von „Mishpocha. The Art of Collaboration“. Trotz Prominenz
       und Medienrummel, das jiddische Wort für Familie gibt das Leitmotiv vor.
       
       Vor zwei Jahren besuchte der New Yorker Mike D nicht nur die damalige
       HipHop-Ausstellung in der Frankfurter Schirn. Er ließ sich von
       Museumsdirektorin Mirjam Wenzel auch durch das Museum Judengasse führen.
       Viel habe er dort gelernt, sagt Mike D alias Michael Louis Diamond, dessen
       Eltern als Kinder osteuropäischer Einwanderer in der Bronx aufgewachsen
       sind.
       
       Am Jüdischen Museum in Frankfurt am Main, so Wenzel, habe man schon lange
       die Idee gehabt, etwas zu dem Thema zu machen, also keineswegs allein über
       die Beastie Boys und deren Prominenz. Mal war man im Gespräch, mal sagten
       sie ab. Dann ergab sich auf nicht untypische Frankfurter Weise über
       Bekannte von Bekannten ein erneuter Kontakt.
       
       Diamond, aufgewachsen als Sohn eines Kunsthändlers, ist der Institution
       Museum vielleicht auch weniger abgeneigt als manche Weggefährten es sind.
       2012 betätigte er sich schon einmal als Gastkurator am New Yorker MOCA.
       Seitdem hat er immer wieder in und mit Museen gearbeitet.
       
       ## Keine starren Regeln
       
       Im persönlichen Gespräch wird Mike D später sagen, dass er starre Regeln,
       wie die Dinge zu sein hätten, schlicht nicht anerkennen könne. „Ein
       generelles Lebensproblem“ sei dies, meint er. Er habe auch jetzt sehr oft
       Nein gesagt. So lange, bis Idee, Künstlerinnenauswahl oder
       Ausstellungsarchitektur der Vorstellung einer Museumsausstellung, die keine
       Ausstellung im eigentlichen Sinne sein solle, nahe gekommen sei. Kunst soll
       zu sehen sein, vor allem aber soll auch die musikalische Zusammenarbeit im
       Ausstellungsraum ihren Platz haben, und drumherum mit Konzerten,
       Performances und Workshops präsent sein.
       
       Neben Diamond sind etliche Frankfurterinnen und Frankfurter an „Mishpocha“
       nun beteiligt. Darunter das Atelier Markgraph von Stefan Weil, der einen
       großen Teil der technischen und visuellen Ausstellungsarchitektur umgesetzt
       hat. Oder auch James und David Ardinast von der IMA Clique.
       
       Die Fragen, wie jüdisch eine solche Ausstellung ist, an diesem Ort in
       Frankfurt sein soll, würde wohl jeder von ihnen anders beantworten. Der
       einstige Beastie Boy Mike D, geboren 1965, jedenfalls betont, dass er zwar
       in einer kulturell stark jüdisch geprägten Metropole groß geworden, aber
       keinesfalls religiös sei. Sein Blick ist der eines New Yorkers zweiter oder
       dritter Generation.
       
       Aufgewachsen i[1][n der Selbstverständlichkeit eines jüdisch geprägten
       Lebens], dass man jenes Adjektiv aber auf gar keinen Fall als
       Identitätsprefix allen Diskussionen voranstellen solle. Dass seine Band
       seinerzeit als „jüdische Rapgruppe“ in Deutschland betitelt wurde,
       irritiert ihn noch heute.
       
       ## Band(en) als Familie
       
       So soll es in der Frankfurter Schau zwar um die titelgebende Familie gehen,
       aber keineswegs nur um die im biologischen Sinne – also mindestens ebenso
       um Zufluchts-, Wunsch- und Wahlfamilien. Vor allem auch um die, die für den
       Augenblick der künstlerischen, musikalischen Zusammenarbeit erst entsteht.
       
       Herkunft bestehe zumeist schon aus Herkünften und meint damit wohl
       gleichsam die geografische wie die ideelle. Vertreibung und Zuflucht seien
       zudem universelle und verbindende Themen, so Diamond.
       
       Neben ihm ist es Franziska Krah, die als Kuratorin im Haus gemeinsam mit
       dem Musiker KünstlerInnen in ihren Studios besucht, Werke vorgeschlagen und
       für „Mishpocha“ ausgewählt hat. Neben einer großen, sagenhafte 1.344.000
       Minuten umfassenden Klanginstallation unterschiedlicher Stimmen von Jan Ove
       Hennig dominiert visuelle Kunst. Nirit Takeles Malereien und Shimon Wandas
       Graffiti erzählen von ihren Biografien, als sie sich zwischen den Stühlen
       wiederfanden. In Äthiopien galten sie als „die Juden“ und in Israel als
       „die Äthiopier“.
       
       Jan Zappner befragt in seiner Fotoserie „Mischpoche – Being Jewish,
       however“ die eigenen Herkünfte sowie die anderer, darunter auch die von
       Mike D. Hervorragend Beatrice Moumdjians dreidimensionaler Umgang mit dem
       eigenen Familienfotoarchiv wie auch die Videoarbeit von Ira Eduadovna, die
       auf teils aufgeklappte Spanplatten projiziert wird – darauf nachgestellt
       die Auswanderung der eigenen Familie von Usbekistan nach Israel. Wie am
       Fließband werden Sachen auf Russisch benannt und eingepackt.
       
       ## Performance und Musik
       
       Verführerisch schimmert der Autolack, dem Hetain Patel goldene Figurationen
       einprägt. Patel, der als Sohn einer Gujarati-Familie in London lebt und
       arbeitet, wird während der Ausstellungsdauer auch zu einer Performance
       anreisen.
       
       Autonom ausgewählt hat Diamond die Musik, die in angemessener Lautstärke
       durch einen der Ausstellungsräume schallt. Hip Hop, Techno, Punk [2][und
       Riot Grrrls als Spezifik] waren ihm dafür wichtig. Neben Courtney Love ist
       hier unter anderem auch die deutsche Band Parole Trixie vertreten.
       
       Archivaufnahmen der Sängerin werden neben zahlreichen weiteren als analoge
       Zeitzeugnisse einer Subkultur umlaufend eines überdimensionierten
       Mischpults präsentiert. Die Skepsis gegenüber der Institution Museum ist
       real. Während manche KünstlerInnen ihre Arbeiten heute nur unter der
       Bedingung White Cube überhaupt öffentlich zu zeigen erlauben, war es bei
       Loves Weggefährtin und zeitweiligem Bandmitglied Jennifer Finch umgekehrt.
       Erst die offene Präsentation auf Leinwänden mitten im Raum vor lauter Musik
       reichte dann als Argument, die Musikerin und Fotografin von ihrer Teilnahme
       an der Schau zu überzeugen. Für das einst technoide Frankfurter Nachtleben
       laufen stellvertretend Aufnahmen von Sandra Mann über die Leinwand.
       
       ## Livestudio in der Schau
       
       Im abschließenden Raum der Ausstellung gibt es bis auf die orangegetönte,
       an Pixeloptik angelehnte Ausstellungsarchitektur zunächst wenig zu sehen.
       Dies scheint der Ort, an dem man im Zweifelsfall die meiste Zeit verbringt:
       das Live-Studio mit zahlreichen Pre-Sets, die mittels Pads angesteuert
       werden. Intuitiv bedienbar, für Kinder wie SeniorInnen.
       
       Theoretisch können hier viele Menschen zugleich an Beats, Harmonien,
       Gesang, sphärischen Sounds arbeiten. Eine Mehrstimmigkeit, die rechnerisch
       in wohl ungezählten Varianten erscheinen könnte.
       
       Die schwierigste Aufgabe lautet bekanntlich, komplizierte Dinge einfach
       erscheinen zu lassen. „Mishpocha“ ist eine liebevoll gestaltete und gerade
       in ihrer Einfachheit durchdachte Schau geworden. Im Idealfall, sagt der
       Musiker Michael Louis Diamond alias Mike D, schaut das Publikum mehrfach
       vorbei.
       
       Also runter von der eigenen Scholle, raus in eine Welt, die Verbindungen
       schafft, wo man sie vorher nicht vermutete.
       
       24 Apr 2026
       
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