# taz.de -- Kürzungen bei Gesamtschulen in Hessen: Förderziel soziale Ungleichheit
       
       > Hessens Landesregierung will massiv bei den Gesamtschulen kürzen. Pro
       > Schule könnten bis zu vier Lehrerstellen wegfallen. Dagegen regt sich
       > Widerstand.
       
 (IMG) Bild: Wichtig ist, allen Schülerinnen und Schülern faire Bildungschancen zu eröffnen
       
       Laurenz Spies versteht die Welt nicht mehr. Der 18-jährige Gymnasiast und
       hessische Landesschulsprecher kann nicht nachvollziehen, dass die Regierung
       in Hessen unter Boris Rhein (CDU) ausgerechnet bei der Bildung sparen will:
       „Unsere Bildung sollte oberste Priorität haben, denn wir jungen Menschen
       sind die Zukunft dieses Landes. Wenn man sich aktuelle Studien anschaut,
       zeigt sich deutlich, dass deutsche Schüler*innen zunehmend schlechter
       abschneiden. Die logische Konsequenz daraus wären mehr Investitionen, nicht
       weitere Kürzungen.“
       
       Konkret will Schwarz-Rot den Rotstift bei den Integrierten Gesamtschulen
       (IGS) und sogenannten Brennpunktschulen ansetzen, also bei jenen
       Institutionen, die seit Jahrzehnten konzeptuell auf Chancengleichheit
       setzen und junge Menschen aller gesellschaftlichen Schichten gemeinsam
       unterrichten.
       
       „Diese Kürzungen bedeuten spürbare negative Auswirkungen für die
       Schüler*innen vor Ort“, sagt Spies, denn das heiße „größere Klassen,
       weniger individuelle Förderung und weniger Unterstützung durch
       sozialpädagogische Angebote“. Gespart werde also genau an den Stellen, die
       am dringendsten benötigt würden.
       
       Chancenmonitor zeigt soziale Ungleichheit 
       
       Dass in Deutschland die Chancengleichheit nicht großgeschrieben wird, ist
       lange bekannt. Traditionell hängt der Bildungserfolg hier stärker als in
       jedem anderen OECD-Land vom sozialen Hintergrund ab – und besser ist es in
       den vergangenen Jahren nicht geworden. Wie der Chancenmonitor 2026
       herausgearbeitet hat, habe sich vielmehr die Ungleichheit der
       Bildungschancen weiter verfestigt.
       
       Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) äußerte sich zu den aktuellen
       Studienergebnissen und sagte, dass es nicht ausreiche, Ungleichheit zu
       benennen: „Wir müssen ihr aktiv entgegenwirken.“ Auf der Website des
       Bundesfamilienministeriums heißt es dann auch blumig, dass Bildung der
       Schlüssel sei „zu gesellschaftlicher Teilhabe, sozialem Aufstieg,
       Fortschritt und persönlicher Freiheit. Indem wir uns für beste Bildung
       einsetzen, unterstützen wir Menschen dabei, Chancen zu erkennen und ihre
       Ziele und Träume zu verwirklichen.“
       
       Wahlkampffloskeln und Durchhalteparolen 
       
       Das sind wahre Worte, doch ist von den politisch Handelnden mehr zu
       erwarten als Wahlkampffloskeln und Durchhalteparolen? Erst kürzlich hatte
       die Landes-SPD auf ihrem Parteitag in Baunatal den Leitantrag „Gute Schule
       in Hessen – Wir bilden Zukunft“ formuliert und die Integrierten
       Gesamtschulen als „Zielmodell einer gerechten Schule“ gefordert.
       Durchsetzen will sie sechs statt vier Grundschuljahre und 30 Prozent mehr
       Personal für Schulen mit hohem Sozialindex, also die sogenannten
       Brennpunktschulen. Die Realität ist eine andere.
       
       Martin Buhl, Sprecher der hessischen Gesamtschuldirektor*innen, ist
       entsprechend in Sorge und kann konkret schildern, was der Beschluss von CDU
       und SPD in Wiesbaden bedeutet: Aus seiner Sicht werde „gezielt in
       Unterstützungsstrukturen“ eingegriffen; insbesondere bei der
       Differenzierungszulage werde gespart. Die Zulage finanziert pädagogische
       Lernkonzepte einer IGS, die Schüler*innen mit unterschiedlichem
       Leistungsniveau, etwa in kleineren Lerngruppen, besonders fördern.
       
       Zudem würden mit der Reduzierung der sozialindexbasierten Zuweisung auch
       Mittel gekürzt, die gerade für Schulen mit besonderen sozialen
       Herausforderungen wichtig sind. „In der Summe trifft das die Integrierten
       Gesamtschulen besonders stark, die unter anspruchsvollen Rahmenbedingungen
       mit sehr heterogenen Lerngruppen arbeiten. Je nach Ausgangslage können sich
       die Kürzungen an einzelnen Schulen auf bis zu vier Lehrerstellen
       summieren“, betont Buhl. Wenn ausgerechnet dort gespart werde, verschärfen
       sich die bestehenden Ungleichheiten im Bildungssystem weiter, statt
       abgebaut zu werden.
       
       „Chancengleichheit hat keine Priorität“ 
       
       Ungleichheiten abzubauen, steht jedoch nicht auf der politischen Agenda der
       Union, zumal sich die Hessen-CDU gerne als besonders konservativ geriert
       und ein dreigliedriges Schulsystem dem Gesamtschulprinzip stets vorgezogen
       hat. Ein dabei häufig benutztes Argument: Die Jugendlichen aus sozial
       schwächeren Familien würden die Bessergestellten vom Leistungsoptimum
       abhalten.
       
       Buhl hat hierfür wenig Verständnis. „Die Kürzungen haben aus meiner Sicht
       eine klare bildungspolitische Aussage. Sie machen deutlich, dass
       Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit für die hessische
       Landesregierung keine Priorität haben.“ Gerade bei Kindern und Jugendlichen
       aus sozial benachteiligten Familien müssten ungleiche Startbedingungen
       kompensiert werden. „Für uns als Schulen wird es deutlich schwieriger,
       unserem Anspruch gerecht zu werden, allen Schülerinnen und Schülern faire
       Bildungschancen zu eröffnen.“
       
       Hinzu kommt, dass im schwarz-roten Koalitionsvertrag ausdrücklich
       formuliert wurde, Gesamtschulen zu stärken. Die aktuellen Kürzungen
       stellten dazu einen klaren Widerspruch dar. „Aus unserer Sicht entsteht der
       Eindruck, dass die formulierten bildungspolitischen Ziele nicht konsequent
       umgesetzt werden. Das schwächt nicht nur die konkrete Arbeit vor Ort,
       sondern auch das Vertrauen in die Verlässlichkeit bildungspolitischer
       Zusagen.“
       
       Landes-SPD hat Schmerzen beim Kürzen 
       
       Was nun sagt die SPD zu den Vorwürfen und einer Debatte, die als
       Richtungsstreit in der Bildungspolitik wahrgenommen wird? Alles nur
       Koalitionszwang? „Selbstverständlich ist jede Kürzung im Bildungsbereich
       schmerzlich“, formuliert es der Pressesprecher der SPD-Landtagsfraktion
       Christoph Gehring. Es sei kein Geheimnis, dass es „Sozialdemokratinnen und
       Sozialdemokraten ganz besonders schwerfällt, solche Kürzungen mitzutragen“.
       Innerhalb der Fraktion und der Landespartei hätte dies für emotionale
       Diskussionen gesorgt – „nicht nur über die Kürzungen an sich, sondern auch
       darüber, wie die Finanzierung des hessischen Bildungssystems langfristig
       auf eine verlässliche Grundlage gestellt werden kann“.
       
       Das alles sei geschehen „vor dem Hintergrund eines ganz erheblichen
       Konsolidierungsdrucks, der trotz Modifizierung der Schuldenbremse für die
       Länder auf dem hessischen Landeshaushalt für das Jahr 2026 lastet“. Man
       habe sich schließlich auf den Kompromiss verständigt, „wonach bei den
       Integrierten Gesamtschulen mit Blick auf die äußere und die
       Binnendifferenzierung Einsparungen erfolgen“, die jedoch auf das Schuljahr
       2026/2027 befristet seien. Man müsse das vor dem „Hintergrund einer
       wirklich dramatischen Haushaltslage“ betrachten.
       
       Die viel beschworene „Generationengerechtigkeit“ 
       
       Freilich ändert eine Befristung nichts an den Folgen für betroffene
       Schüler*innen, die aufgrund mangelnder gezielter Unterstützung durchs
       Raster fallen. Laurenz Spies hat mit Blick auf die häufig in Sonntagsreden
       beschworene „Generationengerechtigkeit“ wichtige Ratschläge für die
       Politik: „Investitionen in Bildung sind keine kurzfristigen Ausgaben,
       sondern langfristige Zukunftsinvestitionen. Jeder Euro, der hier eingesetzt
       wird, zahlt sich mehrfach aus. Wer also von Generationengerechtigkeit
       spricht, darf nicht gleichzeitig an der Bildung sparen. Das passt schlicht
       nicht zusammen.“
       
       Beobachter*innen fürchten, dass der hessische Umgang mit den
       Gesamtschulen als Blaupause für andere Länder dienen könnte. Zeigen wird
       sich das spätestens im Oktober, wenn Regierungen in Berlin, Niedersachsen,
       Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gewählt sind.
       
       29 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katja Thorwarth
       
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