# taz.de -- Ungleiche Bildungschancen: Leider wieder nur schlechte Noten
       
       > Deutschland versagt weiter bei der Chancengleichheit, zeigt eine neue
       > Studie. Jungs schaffen den sozialen Aufstieg besonders selten.
       
 (IMG) Bild: Wäre ein wirksames Rezept für mehr Chancengleichheit: eine sechsjährige Grundschule wie in Berlin und Brandenburg
       
       Das deutsche Bildungssystem bleibt höchst ungerecht. Das zeigt der
       „Chancenmonitor“, den das Ifo Zentrum für Bildungsökonomik am Dienstag in
       Berlin vorgestellt hat. Demnach hängt der Bildungserfolg nach wie vor
       maßgeblich von Einkommen und Bildungsgrad der Eltern ab. So liegt die
       Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuches für Kinder, deren Eltern beide
       kein Abitur haben und die zur einkommensschwächsten Gruppe gehören, bei
       unter 20 Prozent – bei Kindern mit Akademikereltern, die besonders gut
       verdienen, sind es rund 80 Prozent.
       
       Die Zahlen fallen damit sogar noch etwas schlechter aus als beim ersten
       „Chancenmonitor“ vor drei Jahren. Laut Studienleiter Ludger Wößmann ist der
       Einfluss des elterlichen Einkommens auf die Bildungschancen der Kinder
       sogar noch größer geworden: „Die Ungleichheit in Deutschland hat sich über
       diese drei Jahre hinweg weiter verfestigt.“ Um die Benachteiligung zu
       reduzieren, fordern Wößmann und sein Team unter anderem eine bessere
       personelle Ausstattung an Schulen im Brennpunkt, kostenfreie Nachhilfe- und
       [1][Mentoring-Programme] – sowie eine spätere Aufteilung in Gymnasien und
       andere Schulformen.
       
       Wie viel ein längeres gemeinsames Lernen für den Abbau der
       Chancenungleichheit brächte, ist gut erforscht. Selbst eine zwei Jahre
       länger dauernde Grundschulzeit wie in Berlin und Brandenburg verbessert die
       Aufstiegschancen bereits merklich, [2][zeigt eine frühere Ifo-Studie]. Bund
       und Länder setzen hingegen auf andere Instrumente, allen voran mehr
       Ressourcen [3][für Schulen im sozialen Brennpunkt] (unter anderem über das
       von der Ampel aufgelegte „Startchancenprogramm“), mehr Stunden für
       Mathematik und Deutsch an Grundschulen sowie verpflichtende Sprachtests im
       Kitaalter mit anschließender Förderung.
       
       ## Prien appelliert an Länder
       
       Aus Sicht von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) ist das aber noch
       nicht genug: „Wir müssen das Aufstiegsversprechen dringend wieder
       einlösen“, sagte Prien am Dienstag. Die Priorität müsse jetzt auf der
       frühen Bildung liegen. Prien forderte, dass in allen Stadtteilen
       ausreichend Kitaplätze zur Verfügung stehen müssten. [4][Aktuell erhalten
       Kinder aus ärmeren Familien – trotz Betreuungswunsch – deutlich seltener
       einen Platz]. Prien verwies bei der Umsetzung dieser und weiterer Maßnahmen
       auf die zuständigen Länder.
       
       Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied des Organisationsbereichs Schule
       der Bildungsgewerkschaft GEW, sieht auch den Bund in der Pflicht: „Es ist
       gut, dass der Bund viel Geld für benachteiligte Schüler:innen zur
       Verfügung stellt“, sagte Bensinger-Stolze der taz. Gleichzeitig dürfe er
       nicht [5][an anderer Stelle die Sozialprogramme zusammenkürzen]: „Das geht
       schließlich zulasten der Familien, deren Kinder man eigentlich fördern
       möchte.“ Die Ergebnisse des „Chancenmonitors“ bestätigten, dass die frühe
       Aufteilung der Kinder in Gymnasien und andere Schulformen nicht mehr
       zeitgemäß ist: „Wir müssen diese Auslese so weit wie möglich nach hinten
       schieben.“
       
       Wie die ifo-Studie zeigt, sind davon vor allem Jungs betroffen. Selbst bei
       gleichen Noten erhielten sie seltener eine Gymnasialempfehlung und
       schafften auch seltener einen Schulabschluss, so Bildungsforscher Wößmann.
       Insgesamt liegen die Chancen für einen Gymnasialbesuch mit 37 Prozent für
       Jungs auch deutlich niedriger als für Mädchen (43 Prozent). Die
       ifo-Forscher:innen empfehlen, stärkere Leseanreize zu setzen, etwa mit
       Büchern, die sich speziell an Interessen von Jungs richten – und mehr
       männliche Erzieher und Grundschullehrer einzustellen. Aktuell liegen deren
       Quoten bei 6 respektive 13 Prozent.
       
       Ministerin Prien sieht das schlechte Abschneiden der Jungs im Zusammenhang
       mit anderen bedenklichen Entwicklungen – etwa [6][der digitalen Gewalt
       gegen Frauen]. „Wir haben die Jungs aus dem Blick verloren.“ Ihr
       Ministerium werde demnächst eine Strategie vorlegen, um das zu ändern.
       
       Ein weiteres Ergebnis des „Chancenmonitors“: Auch der Migrationshintergrund
       und ein alleinerziehender Elternteil mindern die Bildungschancen von
       Kindern. Im Vergleich zu Bildungsstand und Einkommen der Eltern spielen sie
       aber eine deutlich untergeordnete Rolle. Für die Studie hat das ifo-Zentrum
       die Daten des Mikrozensus 2022 ausgewertet.
       
       28 Apr 2026
       
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