# taz.de -- Landratswahl in Brandenburg: Der Rechte oder die Anti-Populistin
> Bei der Landratswahl in der Uckermark will der AfD-Kandidat harmlos
> wirken – mit wenig Erfolg. Die CDU-Landrätin setzt auf bodenständige
> Sachpolitik.
(IMG) Bild: Zackiger Scheitel, zackige Ansprache: der AfD-Bundestagsabgeordnete Hannes Gnauck beim Volksfest der AfD in Prenzlau am 11. April
„Ziehen Sie bitte die Schuhe aus“, sagt Felix Teichner. Er hat eine alte
Schule in Güstow renoviert, einem kleinen Ort, der zu Prenzlau in
Nordbrandenburg gehört. Teichner führt durch das Anwesen, zeigt mit
Besitzerstolz die geräumigen Umkleiden für Saunagänge. Und die
abgeschliffenen Holzdielen, original von 1935, inklusive eines großen
blauen Tintenflecks.
Im früheren Schulraum hängt als Reminiszenz eine Schiefertafel mit
Sütterlinschrift. Darunter steht ein Klavier. Teichner, 35,
Kurzhaarschnitt, kräftiger Händedruck, spielt manchmal darauf und singt
Lieder von Hannes Wader, dem westdeutschen linken Liedermacher. „Meine
Mutter hat mir als kleinem Kind sehr viele Lieder von Hannes Wader mit der
Gitarre vorgesungen“, sagt er der taz.
Das Anwesen in Güstow ist nicht nur Teichners Wohnhaus – es ist das Herz
des AfD-Wahlkampfs in der Uckermark. Teichner, aufgewachsen in Prenzlau,
ist einer der führenden Köpfe der AfD in Brandenburg. Und er will am 19.
April zum Landrat der Uckermark gewählt werden.
Das wäre ein realpolitischer Erfolg für die Rechtsaußen-Partei. Die AfD
stellt bislang [1][einen Landrat in Sonneberg], einem kleinen thüringischen
Kreis, und ein paar Bürgermeister in kleinen sächsischen Orten. Obwohl die
AfD die zweitstärkste Fraktion im Bundestag bildet, bei Landtagswahlen auch
im Westen eine 20-Prozent-Partei ist und in der Migrationspolitik die
Regierung vor sich her treibt, hat sie kaum Machtpositionen erobert. Die
Ausgrenzung der als rechtsextrem geltenden Partei funktioniert noch.
Ein Sieg in der Uckermark, 100.000 Wahlberechtigte, wäre etwas anderes. Die
Uckermark im Norden von Berlin ist der flächenmäßig sechstgrößte Landkreis
in Deutschland, schön und hügelig wie die Toskana und leer wie Sibirien.
Bei den Landtags- und [2][Bundestagswahlen 2025] war die AfD hier mit
Abstand die stärkste Partei. Ein Sieg, mehr als 50 Prozent der Stimmen bei
der Landratswahl, wäre ein Symbol für die Normalisierung der Partei. Wenn
die Mehrheit rechts wählt, was nutzt dann noch Brandmauer-Rhetorik?
Teichner, gelernter Industriemechaniker, ist seit sieben Jahren
Landtagsabgeordneter und AfD-Vorsitzender im Kreis Uckermark. Laut
Verfassungsschutz ist die Partei zwischen Potsdam und Prenzlau „gesichert
rechtsextrem“. Teichner, Jeans, weißes Hemd, blaues Jackett, sagt mit
freundlichem Lächeln, dass er als Landrat „Brücken zu den anderen
Fraktionen bauen“ und Sachpolitik machen werde. Und: „Ich glaube nicht,
dass Polemik die AfD vorwärts bringt“.
Güstow ist umstellt von Dutzenden von Windrädern, bis zu 240 Meter hoch.
Teichner sieht das entspannt. Er hat nichts gegen Erneuerbare, wenn es den
Ansässigen nutzt. Allerdings seien zu oft „Großinvestoren aus dem Westen
wie Heuschrecken über Brandenburg hergefallen“ und hätten „Bauern billig
das Land weggekauft“. Das ist schwer zu leugnen.
Verblüffend ist seine skeptische Haltung zum Militär, zu dem Rechte oft ein
inniges Verhältnis haben. „Mein Bruder hatte eine Lehrerin, deren Sohn in
Afghanistan als Soldat gestorben ist. Das hat uns tief getroffen. Deshalb
bin ich nicht zur Bundeswehr gegangen“, sagt er. Dem FAZ-Journalisten Simon
Strauß hat er in einem Podcast gesagt, was er tun würde, wenn in
Deutschland Krieg herrscht: „Meine Kinder schnappen und so weit wie möglich
weggehen.“
Hannes Wader und Privatpazifismus? Rechtsextremismus mit menschlichem
Antlitz? Ist das Camouflage? Das uckermärkische Pendant zur Strategie der
Entdämonisierung, mit der das rechtsextreme Rassemblement National in
Frankreich die Mitte zu erobert versucht?
## CDU-Politikerin Dörk wird als Krisenmanagerin geschätzt
Anfang April steht [3][Karina Dörk] in der Gaststätte „Zum grünen Baum“ in
Temmen-Ringenwalde. Rund vierzig Leute sind zum Bürgerdialog gekommen. Dörk
(61) hat ihr Leben in der Uckermark verbracht, hatte ein
Transport-Unternehmen und ist seit acht Jahren Landrätin. Seit 2018 hagelt
es Krisen in der Uckermark. Corona und Afrikanische Schweinepest, die Dörk
mit Zäunen nach Polen bekämpfte, Geflügelpest und Fischsterben in der Oder.
Und die Geflüchteten nach 2015, die es unterzubringen galt. Und der
Ukrainekrieg, der den größten Industriebetrieb im Kreis, die Ölraffinerie
PCK in Schwedt, in eine Existenzkrise stürzte.
Die CDU-Politikerin Dörk wird als Krisenmanagerin geschätzt. Auf ihren
Wahlplakaten steht „Damit’s funktioniert!“. Und sehr klein: „CDU“. Sogar
Teichner sagt gönnerhaft: „Frau Dörk hat nicht alles falsch gemacht.“
An Karina Dörk, kurze blonde Haare, schwarze Jeans, forsche Ansprache,
wirkt alles patent. Bei den Bürgerdialogen in Temmen und Gerswalde versteht
sie es, kompetent Beschwerden, Fragen, Sorgen einzuordnen, Lösungswege
unter Berücksichtigung der Kommunalverfassung und ihrer Möglichkeiten als
Landrätin zu skizzieren. Ob es um die Bustaktung geht oder einen Funkmast,
den die Telekom misslicherweise direkt vor dem Grundstück errichten will,
den bedenklichen Lkw-Verkehr in Großsperrenwalde oder die Fördergelder für
den Lenné-Schloßpark Ringenwalde – sie weiß Bescheid und kennt die
Rechtslage.
In den seltenen Fällen, in denen das nicht so ist, sagt sie: „Henryk, habe
ich etwas vergessen?“ Henryk Wichmann (CDU), beim Bürgerdialog der einzige
im Raum mit Krawatte, ist seit acht Jahren Dezernent für Schule, Arbeit und
Soziales und weiß, was zu ergänzen ist. Die beiden kennen sich seit 25
Jahren und wirken wie ein eingespieltes Duo, in dem jeder seine Partitur
beherrscht.
Wann die Straße in Gerswalde saniert wird, warum es am örtlichen Bahnhof
keinen Fahrstuhl gibt und ob der Feuerwehrunterricht in den weiterführenden
Schulen bleibt – das sind keine politikfernen Details. Nur wenn Missstände
überwunden werden, haben Gemeinden Selbstbewusstsein. Ob Kommunen
selbstbewusst sind oder ob sich aus Depression gespeiste Ressentiments
aufstauen – diese Frage ist in der Uckermark politisch noch aufgeladener
als im Westen.
Dörk verkörpert eine Art Anti-Populismus, erdverbunden und handfest, aber
ohne emotional wärmendes Wir-Gefühl. Bloß nichts versprechen, was man nicht
halten kann. Sogar ihr Selbstlob wirkt beherrscht. „Ich bin ein Stück weit
stolz darauf, dass 9.500 Schüler im Kreis kostenfrei mit dem öffentlichen
Nahverkehr fahren können“, sagt sie. Gerade als Landrätin, die eine
Verwaltung mit 1.000 Mitarbeitern managen muss, gilt es, sachorientiert,
kundig und affektfrei zu agieren.
Politik erscheint bei Dörk als eine komplexe Maschine, die man bedienen
können muss. Ihr Vorbild ist Angela Merkel, die ihr nicht nur biograpisch
nahe ist. Merkel ist in Templin in der Uckermark groß geworden und hat seit
Jahrzehnten ein Haus im Landkreis. In der Ost-CDU gibt es 2026 nicht mehr
viele, die sich wie Dörk als „Merkel-Fan“ bezeichnen.
## Dörk will die AfD nicht noch stärker reden
Die Landrätin wird von einer Allparteienkoalition von der FDP bis zur
Linkspartei unterstützt. Den Angriff der AfD auf das Landratsamt kontert
sie durch Ignorieren. Dörk redet über die AfD bei Bürgerdialogen nur, wenn
sie danach gefragt wird. Nie von sich aus. Sie will die AfD, die in der
Uckermark bei Landtags- und Bundestagswahl im letzten Jahr fast 40 Prozent
wählten, nicht noch stärker reden.
Im Kreistag ist ein AfD-Mitglied Vize-Vorsitzender, zudem haben zwei
Ausschussvorsitzende ein AfD-Parteibuch. Teichner würde, so Dörk zur taz,
dauernd die Brandmauer beklagen, „um in seiner Opferrolle bleiben zu
können“. Beim Bürgerdialog kürzt sie eine Debatte um die AfD mit dem Satz
ab, für „Pseudo-Probleme wie die Brandmauer“ habe sie keine Zeit. Kurzum:
Sie macht ihren Job, bearbeitet unideologisch Probleme, nach Gesetzeslage.
Mit dieser kühlen Professionalität hat sie 2023 viele Prenzlauer gegen sich
aufgebracht. Wegen einer neuen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge.
Rechtsextreme wie Jürgen Elsässer mobilisierten mit Slogans wie
„Masseneinwanderung ist Messereinwanderung“ gegen das Heim. Die CDU, ihre
Partei, sammelte in Prenzlau Unterschriften gegen das Heim, auch der
populäre parteilose Prenzlauer Bürgermeister Hendrik Sommer war dagegen.
Weil Prenzlau, verglichen mit Angermünde und Templin, doch schon mehr
Geflüchtete aufgenommen hatte. Für die AfD war der Streit ein Geschenk mit
Schleifchen.
Die AfD ist in der Uckermark nicht nur bei Wahlen auf dem Vormarsch. Im
Kreistag, sagt der Linke Axel Krumrey der taz, treten die Rechten „viel
professioneller als früher auf“, ein Ergebnis intensiver Schulung. Manche
AfDler, die „vor drei Jahren keinen geraden Satz rausgebracht haben,
sprechen jetzt sogar frei im Kreistag“. Die AfD übernehme in der Uckermark
zudem „in Sportvereinen, freiwilligen Feuerwehren und
zivilgesellschaftlichen Organisationen die Meinungsführerschaft“.
## Krumrey kennt alle Untiefen der Uckermärker Politik
Krumrey, 44, kennt alle Untiefen der Uckermärker Politik. Er ist seit 18
Jahren im Kreistag, derzeit Chef der Linksfraktion, und seit 12 Jahren
ehrenamtlicher Bürgermeister in Randowtal, unweit der polnischen Grenze.
Bei der Bundestagswahl haben dort mehr als 50 Prozent die AfD angekreuzt.
Krumrey, der bei der [4][Rosa-Luxemburg-Stiftung] in Berlin arbeitet, ist
trotz der rechten Dominanz in seiner Heimat zwei Mal als Bürgermeister
wiedergewählt worden. „Die kennen mich“, sagt er. Das zähle mehr als die
Partei. Als er Bürgermeister wurde, hat er seine Handynummer im Amtsblatt
veröffentlicht.
Der Druck von rechtsaußen kann die Stimmung vergiften. Beim Streit um die
Flüchtlingsunterkunft verteilte die AfD in der Uckermark Namenslisten – von
allen, die im Kreistag für die neue Unterkunft gestimmt hatten. Krumrey
stand auch auf der Liste.
In seinem Fußballverein in Schmölln forderte ein Mitspieler seinen
Rauswurf. Der wollte, erzählt Krumrey, „mit mir Volksverräter nicht mehr
Fußball spielen. Ich würde mit dem Ja zu der neuen Unterkunft die Zukunft
seiner Kinder gefährden.“ Die Sache ging glimpflich aus. Krumrey blieb in
dem Verein, der Rechtsextreme ging. Weniger aus Antifa-Solidaritiät. Manche
fanden, dass Politik im Fußballclub einfach nichts verloren habe.
Linkspartei-Mann Krumrey lobt Dörk und sieht beim Öffentlichen Nahverkehr
und PCK Schwedt, wo der Kreis Uckermark ein Gewerbegebiet für
Zukunftstechnologien entwickelt, viele Übereinstimmungen. Dörk gehört im
CDU-Spektrum am ehesten zum Arbeitnehmerflügel: sozial eher links,
kulturell eher konservativ. Krumrey glaubt, dass sie manchmal näher bei der
Linkspartei als bei ihrer eigenen Partei ist.
Ist es klug von Dörk, die AfD zu ignorieren und auf Sachpolitik und das
Kompetenzimage zu setzen? Reicht das, um zu gewinnen?
## Die AfD hat bislang alle Stichwahlen in Brandenburg verloren
Die AfD hat bislang alle Stichwahlen in Brandenburg in Städten und Kreisen
verloren. In Templin und Bad Freienwalde, dem Spreewald und der Lausitz –
immer das gleiche Muster. Auch wo AfD-Kandidaten nach dem ersten Wahlgang
weit vorne lagen – am Ende scheiterten sie. Die AfD mobilisierte ihre
Anhängerschaft, die Wahlbeteiligung schnellte hoch, aber die Gegenkräfte,
von CDU bis Linkspartei, waren stärker. Teichner ist trotzdem optimistisch:
„Bald werden wir nicht mehr knapp 50 Prozent bekommen, sondern mehr als 50
Prozent.“ Eine Besonderheit ist: Bei dieser Landratswahl gibt es keinen
zweiten Wahlgang. Ausgang ungewiss.
Allerdings hat Dörk geschickt die zwei zentralen AfD-Wahlkampfthemen
abgeräumt. Die neue Asylunterkunft gibt es nicht. 2023 kamen mehr als 2.000
Geflüchtete in die Uckermark, im vergangenen Jahr nur noch gut 350. Wegen
dieser stark gesunkenen Zahl hat die Landrätin das Projekt abgeblasen.
Und: Die Krankenhäuser in Prenzlau und Angermünde bleiben. Gegen deren
Schließung hatte die AfD wuchtig protestiert. Dörk, die erfahrene,
effektive Macherin, fand eine Lösung. Dass die Krankenhäuser in der Nähe
erhalten bleiben, ist gerade in einer überalterten Stadt wie Prenzlau ein
Symbol für Sicherheit – auch für Selbstbewusstsein.
Der AfD fehlt nun ein affektiv aufladbares Thema. Teichner will, falls er
Landrat wird, ein Wasserschutzgebiet verlegen und eine Rettungsstation dort
lassen, wo sie jetzt ist. Beides keine Themen, die die Massen
elektrisieren. Die AfD hat ein paar pfiffig-polemische Slogans („Für
Radwege in der Uckermark – nicht [5][in Peru]“) – mehr nicht.
Dann kam das AfD-Plakat mit Karina Dörk. Die Landrätin ist darauf in einem
KI-generieren Foto mit Merkel-Raute abgebildet, darüber ist ein rosa
Dreieck zu sehen. Der Rosa Winkel war das Symbol für Homosexuelle in
NS-Konzentrationslagern. „Der Wahlkampf der AfD ist nicht sachlich geführt,
sondern gegen mich persönlich gerichtet“, sagt Dörk. Sie gibt dem AfD-Mann
deshalb nicht die Hand.
Teichner hat die Aufregung einkalkuliert. „Das Plakat soll polarisieren, um
für Aufmerksamkeit zu sorgen“, sagt er in seinem Haus in Güstow. Das Plakat
war seine Idee. Seine Frau riet ab, die Parteikollegen rieten zu. Die
Symbolik des rosa Dreiecks sei ihm „nicht bewusst gewesen“. Das Problem
seien „Leute, die in jedes Symbol Geschichtsrevisionismus hineinlesen.“ So
verschiebt er dreist die Verantwortung für das homofeindliche Plakat von
der AfD auf die Kritiker.
Teichner wohnt in der alten Schule in Güstow mit Frau und Stieftochter.
Seine drei leiblichen Kinder wohnen bei ihren Müttern, weit entfernt von
Prenzlau. Viel Patchwork. Und nicht unbedingt ein bürgerlich-konservatives
Familienleben aus dem Bilderbuch.
Herr Teichner, wie fänden Sie es, auf einem Großplakat der CDU mit einer
KI-generierten AfD-Geste zu erscheinen, das sich gegen Sie persönlich
richtet?
„Wir haben so viele unfaire Angriffe erleiden müssen, dass mich das
komplett kalt lassen würde“, sagt er knapp. Das heißt nebenbei: Er weiß,
wie unfair sein Plakat ist. Dörk hat auf rechtliche Schritte gegen das
Plakat verzichtet. Das hätte „nur das Opferimage der AfD gestärkt“, sagt
sie. Die AfD hatte schon Aufkleber mit dem Wort „zensiert“ drucken lassen.
Vielleicht bewirkt diese Schmutzkampagne das Gegenteil. Sie führt vor
Augen, dass der Versuch der AfD, seriös aufzutreten, scheitert – sie
bedient lieber Ressentiments. Diese Kampagne mobilisiert Gefühle. Womöglich
füllt der ordinäre Plakat-Angriff die Gesinnungs-Leerstelle in Dörks
verantwortungsethischem Wahlkampf.
## Am Samstag herrscht in Prenzlau Kleinstadttristesse
Am Samstagnachmittag herrscht in der Prenzlauer Einkaufsstraße
Kleinstadttristesse. Der Buchladen, das Café, die Geschäfte sind schon zu.
Nur die Filiale einer Drogeriekette ist noch geöffnet. Dieser
April-Nachmittag ist etwas anders. Die AfD veranstaltet vor dem Union-Kino
ein Volksfest, mit Hüpfburg, Bier, Bratwurst, Reden. Vor ein paar Jahren
kamen 20 Leute zu AfD-Festen in Prenzlau, jetzt kommen 120.
Teichner redet eine halbe Stunde über die Sanierung des Haushalts,
Tourismus in Prenzlau, KI-Einsatz in der Verwaltung. Es ist die moderate
Rede eines Landrats in spe. „Wir als bürgerliche Konservative sind der
naheliegende Koalitionspartner der CDU“, sagt er. Das sieht die CDU in der
Uckermark etwas anders.
Falls der AfD-Mann wirklich Landrat werden sollte, hat er zwei knifflige
Probleme. Die AfD hat im Kreistag keine Mehrheit. Sie braucht die CDU oder
die Freien Wähler. Und: In der Verwaltung gibt es einige, die nicht unter
Teichner arbeiten wollen. Gegen Kreistag und Verwaltung kann ein Landrat
nichts bewirken.
Das AfD-Publikum interessiert sich am Samstag bei Bier und Wurst nicht
sonderlich für Teichners Ausführungen zur Finanzlage im Kreis oder sein
Bekenntnis zum Grundrecht auf Asyl. Die Stimmung ändert sich abrupt, als
[6][Hannes Gnauck], AfD-Bundestagsabgeordneter, zackiger Scheitel, zackige
Ansprache, das Mikro in die Hand nimmt. „Für irgendwelche Flüchtlinge ist
Geld da, für Deutsche bleibt kein Cent“, ruft er in das frenetisch
applaudierende Publikum.
Teichner differenziert, Gnauck vereinfacht. Teichner redet in
Zimmerlautstärke, Gnauck hämmert „Deutschland zuerst“. Er will Deutschen
mit Migrationshintergrund, die Straftaten begehen, die Staatsangehörigkeit
entziehen. Deutsche auszubürgern, war Praxis im NS-Regime. Es ist
grundgesetzwidrig. In Deutschland, ruft Gnauck, sei es „schlimmer, die
GEZ-Gebühren nicht zu zahlen, als irgendwelche Mädels zu vergewaltigen“. Am
Ende beschwört er ein Land, in dem „niemand Angst haben muss, von Ali und
Mohamed im Freibad begraptscht zu werden, die hier nichts verloren haben“.
So klingt die bürgerliche konservative „AfD ohne Polemik“, die Teichner
treuherzig verspricht.
Teichner sei „ein Wolf im Schafspelz“. Das hat Karina Dörk beim
Bürgerdialog in Gerswalde gesagt. Nur auf Nachfrage. Linkspartei-Mann
Krumrey, der nicht zu Übertreibungen neigt, sagt: „Für mich ist Teichner
ein Faschist“. Der Landratskandidat habe sich noch 2020 mit dem
Rechtsextremisten Andreas Kalbitz sehen lassen. Kalbitz war wegen seiner
Neonazi-Vergangenheit aus der AfD geflogen.
Ist Felix Teichner ein Blender, der freundliche Anstrich der Hetze? Oder
bewegt er sich auf die Welt des Abwägenden und der Kompromisse zu, weg von
dem geifernden „Wir-gegen-die“-Gebrüll?
## Der Agitator und der Leisere
Sicher ist: Gnauck und Teichner, die sich seit Schulzeiten kennen, gehören
zusammen. Keiner sagt öffentlich ein kritisches Wort über den anderen. Der
Agitator und der Leisere, sie sind wie ein Vexierbild.
Als Gnauck das Publikum aufpeitscht und fordert „dass alle dahergelaufenen
Syrer raus müssen“, beobachten ein paar Jungen mit Baseballcap und
schwarzen Klamotten an der Ecke Friedrichstraße aus sicherer Entfernung das
Treiben. Karaman ist 15 Jahre, eher schmächtig, helle Stimme. Seine Eltern
sind 2015 aus Syrien geflohen. Er kam mit vier Jahren nach Prenzlau. Er
sagt: „Wer solchen Parolen zujubelt, tut mir leid. Ich kann über die nur
lachen. Das ist doch NSDAP light.“ Neben ihm steht Bilal, 15 Jahre, groß
gewachsen, tiefe Stimme. Seine Eltern kamen 2013 aus Tschetschenien. Beide
gehen in Prenzlau zur Schule.
Wahrscheinlich haben ihre Eltern im syrischen Bürgerkrieg und der blutigen
Diktatur in Tschetschenien getan, was Felix Teichner im Kriegsfall tun
würde: die Kinder schnappen und so weit wie möglich weggehen.
Auf der Straße zischt schon mal jemand „Scheißausländer“, sagt Karaman.
Meist die mit ganz kurzen Haaren und Seitenscheitel. Gibt es Rassismus in
Prenzlau? Eigentlich nicht, finden sie. In seiner Klasse gebe es ein paar
Rechte, sagt Bilal. Aber man kennt sich. „Wir kommen miteinander klar.“
Es ist schön in Prenzlau, sagen sie. Und: Man kann hier echt gut leben.
15 Apr 2026
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