# taz.de -- Rassistisches Mobbing an Grundschule: Dieses ständige Summen
       
       > Rechtsextremismus sickert immer stärker in Schulen. An einer
       > Brandenburger Grundschule wird ein Mädchen monatelang rassistisch
       > gemobbt, die Schule wiegelt ab.
       
 (IMG) Bild: In den Fenstern der Grundschule „Käthe Kollwitz“ in Bad Freienwalde, Brandenburg, hängen von Kindern gebastelte Blumen und Schmetterlinge
       
       Das erste Summen habe sie kurz nach den Sommerferien gehört, erzählt Liz.
       Das Lied kannte sie. „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ – so
       lautet der Text zur Melodie. Ihr Mitschüler Anton habe sich zu ihr
       umgedreht und sie summend mit den Augen fixiert. Noch am selben Tag
       informieren Liz’ Eltern die Klassenlehrerin. Das war im Herbst 2024, Liz
       ist da acht Jahre alt. Wenige Monate zuvor ging durch die Medien, wie
       Partygäste auf Sylt Gigi D’Agostinos Song „L’amour toujours“ [1][mit dem
       umgedichteten Text gröhlten].
       
       Liz ist damals eines von wenigen Kindern mit Migrationsgeschichte in der
       dritten Klasse der Grundschule „Käthe Kollwitz“ in Bad Freienwalde,
       Brandenburg. In den Fenstern des gelben Schulgebäudes hängen von Kindern
       gebastelte Blumen und Schmetterlinge. Draußen zwitschern Vögel, im
       Schulgarten wachsen Obstbäume, Gemüsebeete sind angelegt. Drinnen sollte
       Liz ein Neuanfang gelingen. Erst kurz zuvor war sie an die Schule
       gewechselt. Liz trägt wegen einer Autoimmunerkrankung eine Maske. Auf ihrer
       ersten Grundschule wurde sie deswegen derart gemobbt, dass Eltern und
       Schulamt einen Wechsel für die beste Option hielten.
       
       Doch in der neuen Klasse war da schnell dieses Summen, gleich in mehreren
       Fächern. Die Klassenlehrerin redet mit Anton, ändert die Sitzordnung,
       spricht mit Kindern aus der Klasse, so geht es aus Unterlagen zum Fall
       hervor. Doch Liz hört das Summen weiter. Sie beginnt, eine Strichliste zu
       führen – für jedes Summen einen Strich, so erzählt sie es der taz. Eine
       Woche nach dem ersten Summen habe Liz bereits mehr als 20 Striche auf ihrer
       Liste, mailt ihre Mutter der Klassenlehrerin. Gegenüber der taz äußert die
       Lehrerin sich nicht zu den Situationen im Klassenzimmer.
       
       Achtjährige Kinder dürfen nachplappern und summen, was sie anderswo
       aufgeschnappt haben. Sie dürfen Fehler machen und daraus lernen. Die Frage
       ist nur, wie die Erwachsenen um sie herum damit umgehen, was sie bei
       anderen Kindern auslösen; wie Lehrer*innen, Schulleiter*innen, Ämter und
       Eltern auf Menschenfeindlichkeit im Klassenzimmer und auf dem Pausenhof
       reagieren. Darum geht es auch in der Käthe-Kollwitz-Schule.
       
       ## Wer cool sein will, ist rechts
       
       Dieser Text basiert auf Gesprächen mit Liz und ihren Eltern, auf
       Protokollen von Gesprächen der Familie mit Klassenlehrerin und
       Schulleitung, auf E-Mails und Unterlagen zum Fall. Weder Klassenlehrerin
       noch Schulleiterin, noch die zuständige Schulrätin wollten sich konkret zu
       dem Fall äußern. Auch die Familie von Anton stand nicht für ein Gespräch
       zur Verfügung. Liz hingegen hat sich ausdrücklich dafür entschieden, ihre
       Geschichte zu erzählen. Die Namen der Kinder wurden zu ihrem Schutz
       geändert.
       
       Etwas hat sich verschoben an Deutschlands Schulen. Wer cool sein will, ist
       rechtsextrem, das gilt an vielen. 2024 warnten die
       Landesschülervertretungen der ostdeutschen Bundesländer: Der
       Rechtsextremismus an Schulen nehme zu. Angriffe auf CSDs sind für einige
       rechtsextreme Jugendliche zur Freizeitbeschäftigung geworden. Manche von
       ihnen organisieren sich in Gruppierungen wie Deutsche Jugend Voran oder
       [2][Letzte Verteidigungswelle].
       
       Auf der anderen Seite stehen Kinder und Jugendliche, die nicht in ein
       rechtsextremes Weltbild passen und mit Diskriminierung im Klassenzimmer und
       Hakenkreuzen auf Schulhöfen zurechtkommen müssen: queere Jugendliche und
       Kinder mit Migrationsgeschichte etwa, die zur Zielscheibe von mehr oder
       weniger subtiler Menschenfeindlichkeit werden. 2024 ist die Zahl
       rechtsextremer Straftaten im Vergleich zum Vorjahr bundesweit um fast 50
       Prozent auf knapp 43.000 angestiegen. 2025 ging sie nur leicht zurück. Der
       Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren liege auch an rechtsextremen
       Jugendgruppen, sagen Expert*innen. Aber es nehmen auch die Vorfälle
       unterhalb dieser Schwelle zu – etwa rassistisches Mobbing an Schulen, wie
       Beratungsstellen berichten.
       
       „Offline und im digitalen Raum werden junge Leute gezielt mit
       rechtsextremen Inhalten angesprochen“, sagt Sabine Achour, Professorin für
       Politikdidaktik und Politische Bildung an der Freien Universität Berlin.
       Von Kolleg*innen höre sie, wie Schulen „regelrecht kippen“. Achour
       überrascht das nicht. „In einem antidemokratischen Umfeld ist es sehr
       schwierig, eine demokratische Schule zu bleiben.“
       
       Der Politikwissenschaftlerin macht Sorge, dass die Generation Deutschland,
       die neu gegründete Jugendorganisation der AfD, wie schon die Junge
       Alternative gezielt angehende Geschichts- und Politiklehrkräfte anspreche.
       „Auch Lehrkräfte haben ein AfD-Parteibuch. Das ist nicht nur ein Problem in
       den ostdeutschen Bundesländern.“ Andererseits beobachtet Achour, wie ernst
       viele Lehrer*innen die Bedeutung der Schule für ein demokratisches
       Zusammenleben nehmen. „Lehrer*innen gehören im Zweifel zu den einzigen
       Personen, die auf Menschenfeindlichkeit reagieren, wenn das zu Hause,
       online, im Freundeskreis und auch im Sportverein möglicherweise nicht
       passiert.“
       
       Das Summen geht weiter, und nach Liz’ Schilderungen nicht nur das. Anton
       stelle sich in ihre Nähe, grinse sie beim Summen an, berichtet Liz.
       Manchmal rempele er sie auch an und singe das Lied mit Text. Doch die
       Lehrer*innen scheinen meistens nichts mitzubekommen von den
       rassistischen Vorfällen im Klassenzimmer. „Liz hat zunehmend Angst und
       fühlt sich in der Klasse nicht mehr sicher, da Lehrer die Situation, die
       Liz beschreibt, nicht bestätigen können, und Mitschüler/innen, die es
       beobachten, sie nicht verteidigen bzw. es nicht melden“, notiert ihre
       Klassenlehrerin im Protokoll eines Elterngesprächs, das der taz vorliegt.
       
       Liz’ lange braune Haare sind zu einem Zopf geflochten. Während sie und ihre
       Eltern erzählen, gibt es Abendbrot. Wenn Liz und ihre Mutter miteinander
       sprechen, wechseln sie zwischen Deutsch und Spanisch hin und her. Die
       Wochenenden – so auch diesen Freitagabend – verbringt die Familie in ihrer
       Wohnung in Berlin. Unter der Woche wohnen sie in einem kleinen Dorf unweit
       von Bad Freienwalde. Während der Pandemie und wegen Liz’
       Autoimmunerkrankung verlegte die Familie ihren Wohnsitz aufs Land, die
       Eltern wechselten ins Homeoffice.
       
       Liz kann auch noch Wochen nach den Vorfällen ihre eigene Geschichte genau
       so erzählen, wie sie aus den E-Mails von den Eltern an die Klassenlehrerin
       hervorgeht. Beim Reden verstellt sie ihre Stimme für jede Person anders.
       Aber zu ihrer Geschichte gehört auch, dass sie monatelang nur mit
       Unterbrechungen zur Schule gehen konnte, weil sie wegen ihrer Erkrankung in
       einer Klinik sein musste.
       
       Es war wichtig, dass sie nicht hinfällt. Liz möchte deswegen unbedingt
       verhindern, von Bällen getroffen zu werden. Doch in der Schule ist das ein
       Problem. Hinterm Pausenhof liegt auf einem Hang ganz oben der Bolzplatz.
       „Egal wo du hingehst, überall waren Bälle, und wenn ich mal einen Platz
       ohne gefunden habe, wurde er von den Bällen erobert“, sagt Liz. Die Pause
       habe sie häufig im Schutz einer Steinmauer verbracht, um keinen Ball von
       Anton abzubekommen. „Ich wusste, dass er ziemlich sicher oben auf dem
       Bolzplatz ist, also hab ich mich in den unteren Teil des Pausenhofs
       verkrochen.“
       
       Bei der letzten Bundestagswahl entschieden sich 21 Prozent der
       Wähler*innen zwischen 18 und 24 für die AfD. Laut der
       [3][Shell-Jugendstudie,] die junge Menschen zwischen 12 und 25 Jahren
       befragt, verstehen sich 2024 mehr männliche Jugendliche als rechts oder
       eher rechts als noch 2019. Und Bad Freienwalde ist die Stadt, in der teils
       Vermummte letzten [4][Juni ein Fest für Vielfalt angriffen]. Ein Jahr zuvor
       war der Ort auch schon in der Berichterstattung, weil die Brandenburger AfD
       zur Wahlkampfveranstaltung an einer Oberschule einladen durfte.
       Durchgesetzt hatte das der Bürgermeister, gegen den Willen der
       Schulleitung.
       
       Zwei Wochen nachdem das Summen in der Schule mit den Schmetterlingen
       begonnen hat, hört Liz es von mehreren Kindern. Mittlerweile ist die
       Schulleitung in den Fall involviert. Sie spricht mit Anton, erfährt, dass
       jetzt auch andere Jungen summen. Zugleich habe die Schulleitung Liz in
       Antons Anwesenheit erklärt, dass die Jungs das Lied „ohne Absicht“
       beziehungsweise „nicht bewusst“ gesungen hätten, so schildert es das
       Mädchen den Eltern. Jungs machten das eben so. Liz sei sehr „dünnhäutig“
       und „sensibel“, soll die Schulleiterin gesagt haben. Auf Nachfrage der taz
       äußerte sich die Schulleiterin nicht zu dieser Situation, ebenso wenig wie
       zu den anderen im Klassenzimmer.
       
       Joschka Fröschner kennt solche Vorfälle. Seit zehn Jahren begleitet er von
       rechter, rassistischer und antisemitischer Diskriminierung und Gewalt
       Betroffene für die Organisation Opferperspektive Brandenburg. So auch Liz
       und ihre Familie. Dass Schulen abwiegeln, wenn sie mit Rassismusvorfällen
       konfrontiert werden, begegnet ihm häufiger. „Leider geht es in Schulen
       häufig in erster Linie ums eigene Image“, sagt Fröschner. „Anstatt dass sie
       proaktiv mit den Fällen umgehen, ist die Devise eher, dass bloß nichts nach
       außen dringen darf“.
       
       ## Die Schule: ein Zwangsort
       
       Schulen stünden aktuell vor großen Herausforderungen, erklärt das
       brandenburgische Bildungsministerium auf Anfrage der taz. Sie bewegten sich
       nicht im „luftleeren Raum“, es bildeten sich dort gesellschaftliche
       Entwicklungen ab. Wie Lehrer*innen vorgehen sollen, wenn sie
       Gewaltvorfälle und „extremistische Äußerungen“ in der Schule beobachten,
       hat das Ministerium eigentlich klar geregelt. Viel Ermessensspielraum haben
       die Lehrkräfte nicht, sie müssen den Vorfall der Schulleitung melden.
       
       Diese ist verpflichtet, sofort oder innerhalb von 24 Stunden – je nach
       Vorfall – das zuständige Schulamt zu informieren. Unter die Meldepflicht
       fallen das Zeigen verfassungsfeindlicher Symbole oder körperliche
       Übergriffe. Aber eben auch rassistisches Mobbing wie im Fall von Liz. Wie
       Liz’ Eltern später erfahren, sei eine solche Meldung ans staatliche
       Schulamt ergangen. Aber mit welchem Inhalt, das erfahren sie nicht. Das
       Bildungsministerium schreibt auf taz-Anfrage, dass weitergehende Auskünfte
       nicht gegeben werden könnten.
       
       Joschka Fröschner von der Opferperspektive Brandenburg sagt: „Die Schule
       wird von den meisten Familien eigentlich als sicherer Ort betrachtet“,
       durch solche Fälle breche dieses Gefühl dann komplett weg. „Trotzdem haben
       die Kinder wegen der Schulpflicht nicht die Wahl, ob sie sich der Situation
       wieder aussetzen wollen. Schule ist ein Zwangsort“, sagt Fröschner. Bei Liz
       komme hinzu, dass sie nun schon an der zweiten Schule einer dauerhaften
       Stresssituation ausgesetzt sei. „Wenn ein achtjähriges Kind dann auch noch
       gesagt bekommt, dass es zu sensibel und deswegen in dieser Situation ist,
       ist das ganz schwer zu verarbeiten“, sagt Fröschner.
       
       Nach Aufforderung der Schulleiterin entschuldigt sich Anton bei Liz. Anfang
       November schlägt die Schule Liz’ Familie einen Schlichtungstermin mit
       Antons Familie vor. Die Eltern lehnen ab. „Das ist das vollkommen falsche
       Format“, erklärt Liz’ Mutter. „Unsere Tochter wurde von ihm verhetzt, es
       geht hier nicht um Streitigkeiten zwischen zwei Kindern.“ Schließlich soll
       ein Gespräch zwischen Eltern, Klassenlehrerin und Schulleitung die
       Situation klären.
       
       Doch zu einer Annäherung zwischen Schule und Eltern führt es nicht. Einigen
       können sich Eltern und Schule nur darauf, dass das rassistische Lied über
       mehrere Wochen gesummt und auch gesungen wurde. Liz’ Eltern sind überzeugt,
       dass die Schule nicht genug unternommen habe, um das zu unterbinden.
       Jegliche Diskriminierung werde abgelehnt und bearbeitet, kontert die
       Schulleiterin. Die Schule verachte Antons Summen und Singen zutiefst. Aber
       der Junge habe Zeit gebraucht, um sein Handeln zu verstehen und sich zu
       entschuldigen.
       
       ## Die Eskalation nimmt ihren Lauf
       
       Wenige Tage nach dem Elterngespräch sei die Schulleiterin erneut in die
       Klasse gekommen, Missbilligungen und Ermahnungen hätten fünf Jungen aus der
       Klasse bekommen, so erinnert sich Liz, und so steht es auch in ihrem
       Tagebuch. Summen sei an der Schule nun grundsätzlich verboten, das habe die
       Schulleiterin auch verkündet. Die Schule wirke jeglichen diskriminierenden
       Handlungen und Aussagen entgegen, schreibt die Schulleitung an die taz.
       
       Eine Lehrkraft kann nicht in jedem Moment alles mitbekommen, was während
       ihres Unterrichts in jeder einzelnen Schulbank vor sich geht. Achtjährige
       Kinder zu sanktionieren, ohne sicher zu sein, was genau passiert ist, ist
       ebenso schwierig. Auch bei rassistischem Mobbing. Liz solle sofort Bescheid
       geben, wenn sie das Summen höre – nicht nur den Eltern, sondern auch den
       Lehrer*innen, das betont die Schule. Dann sei es einfacher zu reagieren.
       Aber aus dem Gespräch mit Liz’ Eltern weiß die Klassenlehrerin auch, wie
       schwer das ihrer Schülerin fällt. „Liz traut sich nicht, etwas zu sagen,
       und hat Angst, dass sich Situation verschlimmert“, notierte sie im
       Protokoll des Gesprächs mit den Eltern rund einen Monat zuvor. Und da sind
       die vielen Mails der Eltern, die das Summen immer wieder beschreiben.
       
       Einen Tag nach dem Gespräch mit der Schulleitung, im Sportunterricht, habe
       Anton das Lied schon wieder gesummt, erzählt Liz. Als sie ihn böse
       angeschaut habe, habe er die Melodie geändert. Später habe er mit aller
       Kraft versucht, sie mit dem Ball zu treffen. In der zweiten Sportstunde
       habe er sie mit den Augen fixiert und sei auf sie zugekommen. Sie habe sich
       auf der Mädchentoilette versteckt. Im anschließenden Deutschunterricht habe
       die Klassenlehrerin nach Liz’ Darstellung die Kinder gefragt, ob Anton
       „Ausländer raus“ oder ein anderes Lied gesummt habe. Die Kinder sollten
       sich melden – zuerst die, die das Lied nicht gehört hätten, so schildert es
       Liz, dann die anderen. Das Ministerium bestreitet, dass es sich um eine
       „Abstimmung“ gehandelt habe, und erklärt, die Lehrerin habe lediglich
       erfragt, wer das Summen gehört habe.
       
       „Es ist ganz ungünstig, eine Abstimmungssituation herzustellen“, sagt
       Wissenschaftlerin Achour. „Damit werden die Kinder aufgefordert, sich
       gegenseitig zu verpetzen, anstatt dass die Lehrkraft das
       Gemeinschaftsgefühl stärkt.“ Forschungsergebnissen zufolge verhielten
       Kinder sich meist dann abwertend, wenn sie selbst mit Exklusionserfahrungen
       kämpften. „Deswegen ist es wichtig, dass sich alle zugehörig fühlen“, sagt
       Achour. „Bei Grundschüler*innen funktionieren auch Angebote wie: Wenn
       wir das jetzt alle als Klassengemeinschaft gut hinbekommen, fahren wir in
       zwei Monaten alle zusammen auf Karls Erdbeerhof.“
       
       In der Schule mit den Schmetterlingen in den Fenstern nimmt die Eskalation
       ihren Lauf. Liz fühlt sich dort zunehmend unsicher. Immer stärker werde das
       Gefühl, dass ihr nur geglaubt werde, wenn sie Zeug*innen benennen könne.
       Doch nicht für jede Situation kann es Zeug*innen geben. Kurz vor
       Weihnachten feiert die Schule das Pfefferkuchenfest. Liz’ Mutter sorgt
       sich. Wie rechtsextrem sind die Eltern, mit denen sie dort auf dem
       Pausenhof steht? „Plötzlich fängt der Raum an, sehr klein zu werden“, sagt
       Liz’ Mutter.
       
       Und er wird nicht nur in der Schule klein. Mit mehreren anderen Parteien
       wohnt Liz’ Familie in einem ehemaligen Schulgebäude. „Kein Platz für Nazis“
       und „Gegen Rassismus“ steht unter anderem auf den Stickern, die Liz an die
       Haustür klebt. Regelmäßig seien die Sticker abgeknibbelt. „Also hab ich ein
       Schild gemalt, auf dem steht, dass jeder, der das abreißt, Nazi ist“,
       erzählt Liz mit Stolz in der Stimme. Doch auch das Schild sei verschwunden.
       
       Liz’ Dorf gehört zu einem Wahlkreis, in dem knapp 40 Prozent bei der
       Bundestagswahl für die AfD stimmten. „Ich habe einen europäischen Pass, ich
       bin eine extrem privilegierte Ausländerin“, sagt Liz’ Mutter. „Ein Blick
       auf Statistiken und auf wissenschaftliche Studien zeigt, wie bedrohlich das
       Leben in Deutschland für braune, schwarze, muslimische und queere Menschen
       geworden ist.“
       
       ## Die Antwort ist ernüchternd
       
       Hier auf dem Land kann Liz durch die Dachluke über ihrem Bett die Sterne
       sehen. Die Rehe kommen in der Abenddämmerung manchmal bis in den Garten.
       Und einmal hat sie neben dem Haus am Morgen Büschel von Waschbärfell
       gefunden. „Irgendwie bin ich lieber hier als in Berlin“, sagt Liz. „Weil,
       in Berlin gibt es keine Rehspuren im Garten. Und auch keine Waschbären,
       denen man nachts beim Kämpfen zuhören kann.“ Aber ob die Familie wirklich
       hierbleiben wird, nach allem, was passiert ist?
       
       Am Mittwoch nach den Weihnachtsferien hört Liz in der Frühstückspause eine
       neue Melodie. „Hey, jetzt geht’s ab. Wir schieben sie alle ab“, lautet der
       Text dazu. Liz’ Eltern informieren die Klassenlehrerin.
       
       Bei der Schule kommen sie nicht weiter, also wenden sich Liz' Eltern mit
       Unterstützung von Joschka Fröschner ans Schulamt. Die Antwort der
       Schulrätin ist für Liz und ihre Familie ernüchternd. Die Schulrätin stellt
       fest, dass Anton „das von Ihnen benannte Lied“ gesungen habe, mit ihm im
       Beisein seiner Eltern gesprochen wurde und er sich bei Liz entschuldigt
       habe.
       
       Weiterhin schreibt die Schulrätin, dass die weiteren von Liz’ Eltern
       vorgetragenen Situationen „weder von Schülerinnen und Schülern noch von
       Lehrkräften oder der Schulleitung bezeugt werden“. Warum Liz sage,
       „weiterhin diskriminierend behandelt zu werden, erklärt sich der
       Lehrerschaft nicht“. Zugleich schreibt die Schulrätin von zwei Vorfällen,
       die von Liz ausgegangen seien „und sich gegen den anfangs besprochenen
       Jungen richteten“, obwohl er Liz nicht provoziert habe. Abschließend stellt
       die Schulrätin fest, „dass der gemeldete Vorfall mit dem diskriminierenden
       Verhalten eines Mitschülers vollständig bearbeitet wurde“.
       
       „Es entsteht der Eindruck, dass sich die Schulrätin die beschönigende Sicht
       der Schulleiterin zu eigen gemacht hat“, sagt Joschka Fröschner. Das
       Verständnis, handeln zu müssen, sei bei Liz’ Schule durchaus da gewesen.
       „Aber dass die Eltern eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit dem
       Vorfall forderten, wurde als fast schon anmaßend und undankbar gedeutet.“
       Diesen Mechanismus kennt Fröschner. „Da stecken Elemente von
       Täter-Opfer-Umkehr drin.“
       
       Zu den beiden „Vorfällen“, von denen die Schulrätin schreibt, gibt es je
       zwei Versionen. Beim einen soll Liz laut Schule Antons Trinkflasche
       umgeworfen haben. Liz sagt, dass sie über die Flasche gestolpert sei und
       sie anschließend wieder hingestellt habe. Beim anderen Vorfall, so die
       Perspektive der Schule, soll Liz Antons Hefter auf den Tisch „geknallt“
       habe. Liz sagt, sie habe Anton den Hefter gegeben, weil er einzeln in einem
       Schrank lag.
       
       Ob eine Flasche umgestoßen wurde oder umgefallen ist, der Hefter auf den
       Tisch geknallt oder gelegt wurde – das sind Details, die plötzlich eine
       Bedeutung bekommen. Dahinter stecken andere Fragen: Wird Liz geglaubt, oder
       wird ihr vermittelt, sie sei das Problem? Wird sie als von rassistischer
       Diskriminierung Betroffene geschützt oder plötzlich zur Mobberin gemacht?
       
       ## Wie es Liz geht, das bleibt auf der Strecke
       
       Als Liz’ Eltern Wochen später die Schulakte einsehen, habe diese keinerlei
       Einträge über Antons Summen enthalten. Im Juni klagen sie auf Einsicht in
       die Schülerakte beim Verwaltungsgericht Frankfurt (Oder). Noch immer warte
       die Familie auf die vollständige Akte. In den von Schule und Schulamt zur
       Verfügung gestellten Dokumenten fällt den Eltern eine Notiz der Schulrätin
       auf: Dort sei von Liz als „Kind ohne Migrationshintergrund, KM Spanierin“
       die Rede. Auf Anfrage der taz äußert sich das Schulamt nicht zu der Notiz.
       
       Die Schulrätin erklärt gegenüber der taz, sie wolle bei der Recherche von
       Vorfällen in Schulen wertfrei, objektiv und sachlich Klarheit schaffen,
       unabhängig von der Perspektive der Schulleitungen. Es seien „keine
       antidemokratischen Strukturen oder ein geplantes diskriminierendes Vorgehen
       gegen Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationshintergrund in der
       schulischen Gemeinschaft erkennbar“. Jede Meldung der Kinder werde ernst
       genommen. Allen gemeldeten Fällen sei nachgegangen worden, einige
       beschriebene Vorfälle hätten nicht bezeugt werden können. Sie sei
       persönlich vor Ort gewesen und habe Gespräche geführt.
       
       Auch das Brandenburger Bildungsministerium hält den Umgang der Schule für
       verantwortungsvoll. Den von Liz’ Eltern geschilderten Vorfällen sei
       vorschriftsgemäß nachgegangen worden; das Thema sei im Unterricht
       behandelt, mit Schülerinnen, Schülern und Eltern gesprochen und eine
       Entschuldigung ausgesprochen worden. Jegliche Formen von Extremismus hätten
       an Schulen keinen Raum. Soweit einzelne Vorwürfe nicht belegt werden
       könnten, verweist das Ministerium auf fehlende Nachweise.
       
       Im Idealfall setzen die Kinder sich selbst gegenseitig Grenzen, erklärt
       Politikwissenschaftlerin Achour: „Nach dem Motto ‚Ich finde es nicht okay,
       wenn du so mit Liz umgehst‘.“ Gleichzeitig müsse das betreffende Kind durch
       die Lehrkraft geschützt werden, auch wenn die Fakten nicht umfassend
       geklärt seien. Unter Umständen müssten die mutmaßlich beleidigenden Kinder
       für eine Weile aus der Klasse genommen werden.
       
       Aber dass es so weit kommt – dagegen könnten Schulen viel tun, sagt Achour.
       „Das ist einerseits eine Kapazitäten-, andererseits aber vor allem eine
       Haltungsfrage. Wenn die roten Linien für alle klar sind, es insgesamt ein
       demokratisches Schulklima gibt, eskalieren Konflikte viel seltener.“ Zum
       Beispiel könnten Schulgemeinschaften ein Leitbild entwickeln, auf welches
       sich bei demokratie- und menschenfeindlichen Vorfällen berufen werden kann,
       oder eine Hausordnung, die es ermöglicht, menschenfeindliche Personen der
       Schule zu verweisen.
       
       Ja, die Grundschule „Käthe Kollwitz“ hat Elterngespräche geführt, mit den
       Kindern geredet, Maßnahmen ergriffen, das Schulamt einbezogen. Der
       Verwaltungsvorgang mag bearbeitet sein. Aber wie es Liz dabei geht, bleibt
       auf der Strecke. Sie sagt, sie höre Anton noch immer summen, auch wenn sie
       dafür keine Zeug*innen benennen kann.
       
       Die Situation sei für sie nicht mehr tragbar, so erzählt es die Familie.
       Als an einer Grundschule in der Nähe ein Platz frei wird, nimmt Liz ihn an.
       Nach den Winterferien wechselt sie an die neue Schule.
       
       19 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Neue-Details-zu-Skandal-Video-von-Sylt/!6010089
 (DIR) [2] /Ermittlungen-gegen-Nachwuchsneonazis/!6163443
 (DIR) [3] /Shell-Jugendstudie-2024/!6039878
 (DIR) [4] /Attacke-auf-Vielfaltfest/!6133440
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Franziska Schindler
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Grundschule
 (DIR) Mobbing
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
 (DIR) wochentaz
 (DIR) GNS
 (DIR) Mobbing
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
 (DIR) Bildungssystem
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Schwerpunkt Neonazis
 (DIR) Landrätin
 (DIR) Brandenburg
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Mobbing als Auslaufmodell: Endlich besseres Klassenklima!
       
       In meiner Kindheit hatten Mobbende eine gute Zeit. Heute hat sich der Wind
       gedreht. Ein Dank an die Grundschule.
       
 (DIR) Alltäglicher Rassismus: Warum nicht einfach nur deutsch
       
       Schwarze Menschen begleiten oft Zweifel an ihrer deutschen Identität. Wie
       die Gesellschaft sie wahrnimmt, prägt die eigene Selbstwahrnehmung.
       
 (DIR) Stress bei Grundschülern: Schon die jüngsten sind am Limit
       
       Laut einer aktuellen Studie erleben viele Eltern ihre Kinder als psychisch
       stark belastet. Die Gründe dafür sind vielseitig.
       
 (DIR) Eklat um Theaterprojekt in Sachsen: Pornografische Bilder im Bastelmaterial
       
       Ein abgebrochenes Schulprojekt in Sachsen hat ein Nachspiel im Bundestag.
       Die AfD wettert gegen „Gender-Projekte“ und politische Bildung.
       
 (DIR) Rechte Gewalt in Brandenburg: Pfarrer in Cottbus von Neonazis bedroht
       
       Neonazis sind in Cottbus in ein Wohnhaus eingedrungen und haben dort
       randaliert. Im Visier: ein Pfarrer, der sich gegen Rechtsextremismus
       einsetzt.
       
 (DIR) Landratswahl in Brandenburg: Der Rechte oder die Anti-Populistin
       
       Bei der Landratswahl in der Uckermark will der AfD-Kandidat harmlos wirken
       – mit wenig Erfolg. Die CDU-Landrätin setzt auf bodenständige Sachpolitik.
       
 (DIR) Rechte Gewalt in Brandenburg: Täter immer jünger und brutaler
       
       Opferperspektive Brandenburg legt Bilanz für 2025 vor. Neuer Höchstwert
       rechter Gewalttaten erreicht. Märkisch-Oderland und Cottbus sind führend.
       
 (DIR) Bad Freienwalde: Folgenlose Attacke auf Vielfaltsfest
       
       Rund 15 Vermummte hatten im Juni ein Vielfaltfest angegriffen. Ein Neonazi
       wurde verdächtigt. Jetzt sagt die Polizei, sie konnte keine Täter finden.