# taz.de -- Schauspieler Thomas Schmauser: Der mit den Preisen tanzt
       
       > Dem Schauspieler Thomas Schmauser liegt derzeit die Theaterwelt zu Füßen.
       > Auf „Mephisto“ folgt seine Premiere in den Münchner Kammerspielen.
       
 (IMG) Bild: Thomas Schmauser in Jette Steckels „Mephisto“-Inszenierung in den Münchner Kammerspielen 2025
       
       "Wir müssen antifaschistisches Theater machen“, sagt Thomas Schmauser bei
       der Faust-Preis-Verleihung im November in Stuttgart, und verbat sich den
       Applaus. Denn geklatscht ist schnell, das mit dem Tun aber kann schwer
       werden, gerade wenn die Politik der Kunst auf die Pelle rückt. Schmauser
       hat in einer solchen Situation theatral schon probegewohnt.
       
       Der 1972 im oberfränkischen Burgebrach Geborene „spielt“ den Schauspieler
       Hendrik Höfgen in [1][Jette Steckels Inszenierung nach Klaus Manns Roman
       „Mephisto“], in dem er dessen Entwicklung vom Vorträumer eines
       revolutionären Theaters zum Nazikollaborateur der 1930er Jahre durchlebt.
       Ein gewisser Vorbehalt gegenüber diesem Charakter ist spürbar. Aber
       Schmauser stellt sich nicht über ihn, sondern schmeißt sich mit Karacho in
       dessen Eitelkeiten und Panikanfälle.
       
       In einer Szene liegt er mit einem Ganzkörperkrampf in einer Ecke der Bühne
       und macht sich vor dem Naziintendanten, von dem Höfgen engagiert werden
       will, nicht nur mit Worten nackt und klein. „Im Leben bin ich unscheinbar,
       aber auf der Bühne kann ich recht drollig wirken“, sagt er leise mit einer
       merkbaren Verwundbarkeit hinter seiner Mitläufermaske und einer Riesenangst
       vor der eigenen Feigheit. Das tut auch beim Zuschauen brutal weh.
       
       ## Er spielt die linkischen Typen
       
       Der 53-jährige Schmauser ist kein besonders auffälliger Typ. Mitteldünnes
       Haar, mittelgroß, eher untrainiert und darin uneitel, stellt er auf der
       Bühne vor allem häufig linkische Typen dar, Narren, Wachträumer oder
       Borderliner. Doch manchmal sprengt sein Spiel Grenzen, und zwar so richtig.
       
       Für seine Darstellung der Figur des Höfgen-Mephisto hat Schmauser 2025 ein
       seltenes Auszeichnungstriple erhalten. Er wurde zum „Schauspieler des
       Jahres“ in der Kritiker*innenumfrage der Zeitschrift Theater heute gekürt,
       zusammen mit Andreas Döhler und Moritz Kienemann. Zur „Schauspielerin des
       Jahres“ wurde Julia Riedler gekürt.
       
       Der Deutsche Theaterpreis „Der Faust“ ging exklusiv an ihn. Und seine
       Kolleg*innen Ulrich Matthes, Juliane Köhler und [2][Caroline Peters] haben
       sich fast dafür entschuldigt, als sie dem „Nervenspieler“ auch noch den
       Gertrud-Eysoldt-Ring zusprachen. Aber es ging wohl nicht anders. Und nun im
       Mai ist der Münchner „Mephisto“-Abend über die Bedrohung von Kunst und
       Menschlichkeit durch eine völkische Ideologie auch zum [3][Berliner
       Theatertreffen] 2026* eingeladen.
       
       Wir treffen uns in der „Konver“-Garderobe der Münchner Kammerspiele, deren
       Ensemble Schmauser seit 2007 angehört – unterbrochen nur von zwei
       „Fluchten“ ans benachbarte Münchner Residenztheater (wegen des Weggangs von
       Johan Simons) und an die Berliner Volksbühne (wegen René Pollesch).
       
       ## Aus der fränkischen Provinz nach München
       
       Die „Konver“ war früher mal der Raum für das ganze Ensemble. Da passt es,
       dass Schmauser hier seine Liebe für dieses Haus gesteht. Als der gelernte
       Bankkaufmann 1992 aus der fränkischen Provinz nach München kam, traf ihn
       die Begegnung damit wie ein Blitz. „Und die Freude darüber, dass ich in so
       einem Gebäude aufgenommen bin, hat mich nie verlassen. Das ist jetzt sogar
       noch schlimmer.“
       
       Denn „jetzt“ ist in seiner „Gartenlaube“, wie er die „Kammer“ nennt, vieles
       von dem aufgegangen, was deren Intendantin Barbara Mundel seit 2020 gesät
       habe. Zwei Einladungen zum Theatertreffen nach Berlin sind nur der
       sichtbarste Beweis. „Wir haben in diesem Jahr als Kollektiv wirklich etwas
       erreicht“, sagt Schmauser und verschenkt Liebesbekenntnisse an die
       zahlreichen Individualist*innen im Team, die beweisen, „dass man unseren
       Beruf nicht kategorisieren kann“.
       
       Und viel Liebe ist auch im Spiel, wenn Schmauser in seinen Kopf einlädt,
       der eine Direktschalte zum Körper hat. Oder ist es umgekehrt? Jedenfalls
       sind plötzlich viele mit uns im Raum: Schmausers Eltern und ihr Stolz, als
       der Sohn 2018 im Fernsehen den Münchner Modezaren Rudolph Moshammer
       spielte. „Sie dachten, ich spiel’ den König Ludwig“. Aber auch die
       Einsamkeit seiner Mutter nach dem Tod seines Vaters und seine Verzweiflung
       über beides.
       
       ## Auch jenseits der Bühne ein Ereignis
       
       Schmauser reenacted eigene peinliche Ausraster und Markantes von unzähligen
       Weggefährten. Von [4][Sepp Bierbichler], der in schleppendem Bayerisch
       sagt: „Ich kann diesen Fall nicht übernehmen“, bis [5][Carl Hegemann], der
       ihm den Satz „Der Schauspieler ist eine Maske hinter einer Maske“
       nahelegte. „Die Begegnung mit Körpern, in denen solche Geister stecken, die
       sind mein Elixier“, sagt Schmauser. Und seine Begeisterung darüber erreicht
       so schnell seine Augen wie 1995, als der erst 23-Jährige in Hans-Christian
       Schmids Kinodebüt „Nach fünf im Urwald“ den jungen – und natürlich
       verliebten – Simon spielte. Schmauser on fire: Auch jenseits der Bühne ein
       Ereignis!
       
       Eine ganz andere Version von ihm gab es 2012 im Finale von Johan Simons’
       Sarah-Kane-Trilogie. Da saß Thomas Schmauser fast reglos auf einem Stuhl
       und widmete sich dicht am Klang der Livemusik Kanes finster-schöner
       Todessehnsuchtspoesie. Wie frei er sich damals fühlte! Wegen Simons, der
       ihm vorher zuraunte – Schmauser imitiert Simons holländischen Akzent: „Hey
       Thomas, wir sind wie eine kleine Jazztrio. Wir schauen einfach, wie die
       Leute reagieren, oder?“ Und wegen [6][Sandra Hüller]. „Wenn du Partner wie
       Sandra hast, bist du nicht mit Schauspiel beschäftigt, sondern damit, die
       Wirklichkeit eines Textes freizulegen.“
       
       Derzeit findet er Freiheit vor allem im Team um Felicitas Brucker, die eine
       ähnliche Theaterauffassung habe wie er. Technische Virtuosität sei ihm
       suspekt. Schon als Student an der Otto-Falkenberg-Schule suchte er „nach
       einem Guerillaplan, um mich in diesen Beruf reinzubohren“.
       
       ## Animalisch in den Moment reinspringen
       
       Da engagierte ihn [7][Franz Xaver Kroetz] für sein „Bauerntheater“. „Ich
       habe ‚Olé Olé, wir sind die Champions‘ gebrüllt – auf Fränkisch natürlich –
       und gemerkt, dass das geht: Fast animalisch in einen Moment reinspringen
       wie in eine Manege mit sieben Tigern um dich herum… Das kann ich mir nicht
       ausdenken. Das geht nur über den Körper bei mir.“
       
       Bis heute rüstet er sich für derartige Manegen fast ausschließlich mit
       Erfahrungen, die ihn berühren. Schmauser nennt sie „Zipfel von
       Wirklichkeit“, die er sammelt wie Preziosen. Oft seien es körperliche
       Details wie bei Gustaf Gründgens, der für Manns Höfgen-Figur Pate stand.
       Ihn hat Schmauser in einem Video studiert. „Wie ein Wesen, das in der
       Wirklichkeit gar nicht existieren kann. Da dachte ich, dieses Geheimnis
       nehm’ ich mal mit.“
       
       Und auch auf der Bühne geht das Sammeln weiter. Wenn der in Lomé geborene
       Bless Amada in „Mephisto“ tanzt und Edmund Telgenkämper in Naziuniform
       sagt: „Ein Schwarzer fuchtelt auf der Bühne eines deutschen Staatstheaters
       herum“, schafft das für Schmauser eine Realität. „In dem Moment passiert
       das“, und er muss darauf reagieren.
       
       Am 6. März hat [8][Michail Bulgakows „Meister und Margarita“] an den
       Münchner Kammerspielen Premiere. Regie führt wieder Jette Steckel,
       Schmauser spielt den Meister. Und ein paar „Wirklichkeitszipfel“ hat er
       schon zu packen bekommen. „Bulgakow ist der Meister. Er wurde in Russland
       zu Lebzeiten zensiert und unmöglich gemacht. Und als glühender Verfechter
       der Freiheit ist der Satz ‚Wir sind hier auf einer Bühne, auf der alles
       erlaubt sein sollte‘ erst mal ein Ansatz für mich.“ Der Rest zeigt sich in
       der Manege.
       
       Anm. d. Red.: Die Autorin gehört der Jury für das Theatertreffen 2026 in
       Berlin an.
       
       28 Feb 2026
       
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