# taz.de -- Der Sie-Mann und die Er-Frau
       
       > Mit „Orlando“ nach Virginia Woolf eröffnet die Schaubühne die neue
       > Theatersaison. Die Inszenierung von Katie Mitchell ist gut gemacht, lässt
       > aber die Gleichbehandlung der Geschlechter beim Rollenwechsel vermissen
       
 (IMG) Bild: Szene aus „Orlando“ von Katie Mitchell
       
       Von Katharina Granzin
       
       „Ich will es alles rasch hinschreiben & so die Einheit des Tones wahren,
       der in diesem Buch sehr wichtig ist. Er muss halb lachend, halb ernst sein:
       mit kräftigen Spritzern von Übertreibung“, schrieb Virginia Woolf 1927 in
       ihr Tagebuch. „Orlando“ zu schreiben war für sie reinste Erholung nach
       „diesen ernsthaften, poetischen, experimentellen Büchern, deren Form immer
       so genau durchdacht ist“, die Hauptfigur inspiriert von ihrer guten
       Freundin und zeitweisen Geliebten, der Schriftstellerin Vita
       Sackville-West. „Orlando“ erzählt die Lebensgeschichte einer Person, die,
       als Mann zur Zeit der Renaissance geboren, im Alter von dreißig Jahren
       plötzlich als Frau erwacht und eine solche bleibt – dabei allerdings noch
       mehrere hundert Jahre bis ins 20. Jahrhundert lebt.
       
       Für ihre Schaubühnen-Inszenierung des Romanstoffes, mit der vergangene
       Woche die neue Saison eröffnet wurde, hat Regisseurin Katie Mitchell die
       Autorin mit auf die Bühne geholt. In einem Glaskasten hoch oben ist eine
       Sprecherkabine installiert, in der die Schauspielerin Cathlen Gawlich vor
       einem Mikrofon sitzt und Woolfsche Worte liest. Daneben, so zentral wie
       dominant, ist die für eine Mitchell-Produktion obligatorische Videoleinwand
       angebracht, während auf der darunterliegenden, durch Zwischenwände in
       zahlreiche offene Zellen aufgeteilten Bühne die eigentliche performative
       Arbeit stattfindet. Hier werden die Spielszenen gemimt, die, abgefilmt, in
       Echtzeit oben zu sehen sind. Meist doppelt sich so das Geschehen, doch
       nicht immer; denn zwischen die Live-Projektionen sind vorbereitete
       Filmaufnahmen geschnitten.
       
       In gewisser Weise ist es so, als steuere die Sprecherin/Autorin die
       Bühnen-/Filmhandlung. Das zu Sehende ist die Visualisierung ihrer Worte;
       und die für die Autorin so wichtige „Einheit des Tones“ bleibt gewahrt,
       denn fast alles, was an diesem Abend im Theater gesprochen wird, sind
       Sätze, die Virginia Woolf (bzw. die Übersetzerin Brigitte Walitzek) genau
       so geschrieben hat. Nur das Wenige, das die DarstellerInnen in den Dialogen
       von sich geben, ist freier und mitunter ganz unerwartet zeitgenössisch. So
       darf Orlando im Affekt schon einmal „fuck!“ rufen. Viele Szenen kommen aber
       mit reiner Pantomime aus.
       
       Orlando wird dargestellt von Jenny König, die ihre Figur als Mann wie als
       Frau mit einer amüsiert doppeldeutigen Grundhaltung anlegt. Durch diesen
       eingebauten Verfremdungseffekt schlägt sie sich erfolgreich auf die Seite
       des Woolf’schen Textes, denn auch die Erzählerin geht mit den
       Leidenschaften in Orlandos Leben nicht hundertprozentig ernsthaft um,
       sondern unterwirft sie einer überlegen ironischen Betrachtungsweise. Alle
       anderen Rollen werden von allen anderen gespielt, wozu man sagen könnte,
       dass das Verb „spielen“ in dieser Inszenierung regelrecht auf seine
       Grundbedeutung zurückgeführt wird. Von Einfühlung ist keine Rede, die Lust
       am erfolgreichen Rollenspiel steht im Vordergrund, und Crossdressing ist
       dabei eine Königsdisziplin. Da werden unablässig Kostüme gewechselt,
       Frisuren gedrechselt, Requisiten mit atemberaubender Effizienz zu immer
       wieder neuen Schauplätzen arrangiert, dass es eine Show für sich ist, die
       logistische Betriebsamkeit auf und neben der Bühne – denn an der Seite ist
       die Garderobe untergebracht – zu verfolgen. Doch die liegt eh meist in
       heruntergedimmtem Licht, sodass es vor allem die große Videoleinwand ist,
       die die Aufmerksamkeit anzieht.
       
       So weit, so gut gemacht. Mitchells Konzept geht auf, die DarstellerInnen
       sind mit Einsatz und Spielfreude bei der Sache, und die Erzählerin oben in
       ihrer Glaskabine kann sich freuen, dass alle nach ihrer Pfeife tanzen. Aber
       trotz aller konzeptuellen Präzision und darstellerischen Leichtigkeit wird
       der Abend von einer gewissen Gediegenheit durchzogen; und das liegt nur zum
       Teil daran, dass man der Videoleinwände im Theater allmählich überdrüssig
       wird. Eher ist es so, dass alles ein wenig zu erwartbar abläuft.
       
       Es gibt ein Konzept, das wird befolgt, Überraschungen gibt es kaum.
       Abgesehen von der Art des Spiels mit den Genderrollen, bei der eine
       deutliche Ungleichbehandlung der Geschlechter beim Rollenwechsel zu spüren
       ist. Das hinterlässt einen merkwürdigen Beigeschmack. Warum ist es nicht
       komisch, wenn eine Frau als Mann auftritt, aber sobald ein Mann als Frau
       kommt, wird eine lustige Transennummer daraus? Bei aller erzählerischen
       Ironie: Es ist schwer vorstellbar, dass dieses Ungleichgewicht im Sinne der
       Autorin gewesen wäre, deren Text Katie Mitchell ansonsten so getreulich
       gespiegelt hat.
       
       „Orlando“, Schaubühne, 11. 9., 12. 9., 18 Uhr und weitere Vorstellungen
       
       9 Sep 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Granzin
       
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