# taz.de -- Waffenverbot im Nahverkehr: Mit stumpfem Schwert gegen Messergewalt
> Niedersachsen verbietet flächendeckend Messer und Waffen in Bussen und
> Bahnen. Das beruhigt Verunsicherte, hat aber empirisch belegt kaum
> Wirkung.
(IMG) Bild: Jetzt auch in Niedersachsen möglich: Polizei durchsucht Taschen nach Waffen, hier in Berlin
Jetzt schließt auch Niedersachsen als letztes Nordland eine vermeintliche
Sicherheitslücke: Ein flächendeckendes [1][Waffen- und Messerverbot] soll
künftig in allen Bussen und Bahnen des Landes gelten.
Per Verordnung ist es seit dem 1. April untersagt, gefährliche Messer und
Waffen in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie an Haltestellen und in
Unterführungen [2][so mit sich zu führen, dass sie griffbereit sind], also
ohne größeren Aufwand aus der Jacken- oder Hosentasche gezogen und
eingesetzt werden könnten.
Beamt:innen dürfen Personen und Taschen künftig auch ohne konkreten
Anlass kontrollieren. Mitnehmen darf man Messer weiterhin sicher verstaut
in geschlossenen Koffern oder einer Verpackung, auch auf Brot- und
Obstmesser fürs Frühstück muss niemand verzichten.
Innenministerin Daniela Behrens (SPD) will einer verunsicherten
Öffentlichkeit damit Handlungsfähigkeit beweisen. Hamburg,
Schleswig-Holstein und Bremen [3][haben solch ein Waffenverbot schon
umgesetzt].
## Abschreckung funktioniert nicht
Auf den ersten Blick wirkt das Instrument auch konsequent: Wo keine Messer
sind, kann nicht zugestochen werden. Aber das Problem ist nicht der Mangel
an rechtlichen Grundlagen. Schon heute erlaubt das Hausrecht der
Verkehrsunternehmen den Ausschluss gefährlicher Gegenstände. Nun
formalisiert die landesweite Verordnung zwar diesen Zustand und schafft
eine einheitliche Regelung, wo es zuvor einen Flickenteppich aus
Beförderungsbedingungen gab.
Ein gelungenes Präventionskonzept ist das aber nicht. Denn das Instrument
zeigt kaum Wirkung, das ist empirisch belegt. Wissenschaftliche
Evaluationen ähnlicher Verbotszonen – etwa in Leipzig oder Heilbronn –
zeichnen ein ernüchterndes Bild.
[4][In Leipzig wurde die Waffenverbotszone nach Jahren wieder abgeschafft,
weil sie keinen messbaren Einfluss auf die Kriminalitätsrate hatte]. In
Heilbronn [5][stieg die Zahl der Rohheitsdelikte nach Einführung der Zone
sogar signifikant an]. Und die Forschung zeigt: Ein Verbot auf dem Papier
schreckt jene, die bereit sind, Gewalt auszuüben, gar nicht ab. Es fehlt
die entscheidende Komponente der Abschreckung: die
Entdeckungswahrscheinlichkeit.
Hier stößt die Initiative an praktische Grenzen. Ein Verbot im weitläufigen
Schienennetz Niedersachsens ist faktisch nicht durchsetzbar. Es ist etwas
ganz anderes als ein Verbot in einem Club oder an einem Flughafen. Es gibt
keine Schleusen, keine flächendeckenden Zugangskontrollen und vor allem
kein Personal, das die Kapazitäten hätte, täglich Zehntausende
Pendler:innen zu überprüfen.
## Das Messer wandert weiter
Das Zugpersonal, das ohnehin an der Belastungsgrenze arbeitet, darf
polizeiliche Aufgaben nicht übernehmen. Die Bundespolizei kämpft seit
Jahren mit massiven personellen Engpässen.
Aber um eine echte präventive Wirkung zu erzielen, müsste die
Kontrolldichte so sehr erhöht werden, dass das System des offenen
Nahverkehrs kollabieren würde. Ohne diese Präsenz bleibt das Verbot ein
bloßer Appell.
Außerdem kamen aus Berlin zuletzt Daten, die einen Verdrängungseffekt
belegen. [6][Während die Delikte in den kontrollierten Zonen sanken,
stiegen sie im unmittelbaren Umfeld an]. Das Messer verschwindet nicht, es
wandert nur eine Station weiter.
## Risiko von Profiling
Wenn Verbote mangels Personal nur stichprobenartig kontrolliert werden
können, rückt zwangsläufig die subjektive Auswahl der Kontrollierten in den
Fokus. [7][Das Risiko von diskriminierendem Profiling ist bei solch
schwammigen Kontrollanlässen immanent.] Statt Vertrauen in den Rechtsstaat
zu schaffen, drohen solche Maßnahmen soziale Spannungen zu verschärfen und
ganze Fahrgastgruppen unter Generalverdacht zu stellen.
Wer echte Sicherheit will, darf nicht bei Symbolik stehen bleiben. Studien
belegen, dass sozialer Zusammenhalt, Beleuchtung und die generelle
[8][Aufwertung des öffentlichen Raums] viel nachhaltiger wirken als
Verbotszonen. Das lässt sich auf ein flächendeckendes Verbot im Nahverkehr
übertragen.
Aber auch die niedersächsische Landesregierung wählt den Weg des geringsten
Widerstands: Ein Verbot ist kostengünstig und produziert Schlagzeilen. Die
Ursachen für Gewalt im öffentlichen Raum bleiben unangetastet. Politik
sollte keine Erwartungen wecken, von denen sie schon heute weiß, dass sie
sie niemals einlösen kann.
5 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neue-Verordnung-in-Berlin/!6083035
(DIR) [2] https://www.mi.niedersachsen.de/themen/innere_sicherheit/waffenverbot_opnv/faq/waffen-und-messerverbot-in-verkehrsmitteln-des-offentlichen-personenverkehrs-249809.html
(DIR) [3] /Waffenverbot-im-Hamburger-OePNV/!6051355
(DIR) [4] https://www.polizei.sachsen.de/de/81710.htm
(DIR) [5] https://www.heilbronn.de/fileadmin/daten/stadtheilbronn/formulare/leben/heilbronn_entdecken/sichere_und_saubere_stadt/HN_WMVZ_2025_3.pdf
(DIR) [6] https://www.berlin.de/aktuelles/10257229-958090-polizei-weniger-messerangriffe-in-berlin.html
(DIR) [7] https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMST17-4759.pdf
(DIR) [8] /Verdraengung-der-Drogenszene-in-Bremen/!6029406
## AUTOREN
(DIR) Robert Matthies
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Zusätzliches Personal für die Kontrollen soll es allerdings nicht geben.