# taz.de -- Kanzler Merz über Syrer*innen: Brutal und selbstzerstörerisch
       
       > 80 Prozent der Syrer*innen sollen gehen, sagt Kanzler Merz. Kurz
       > darauf rudert er zurück. Doch ist das glaubwürdig?
       
 (IMG) Bild: Fast alle Syrer*innen sollen zurückgehen: Syriens Präsident Ahmed al-Scharaa mit Kanzler Merz am Montag
       
       Die Pressekonferenz mit dem syrischen Präsidenten [1][Ahmed al-Scharaa] am
       Montag war schon so gut wie vorbei, der Nachrichtenwert schien insgesamt
       gering, und die meisten Journalist*innen waren schon kurz davor, ihre
       Notizblöcke und Handys wegzustecken. Da sagte Bundeskanzler Friedrich Merz
       doch noch etwas mit Gewicht. Über die nächsten drei Jahre sollten „rund 80
       Prozent der in Deutschland jetzt sich aufhaltenden Syrerinnen und Syrer
       zurück in ihr Heimatland kehren“, [2][so der Kanzler.]
       
       Damit setzte Merz zum ersten Mal eine Zielmarke für die Rückkehr der eine
       Million Syrer*innen, die derzeit in Deutschland leben. Er verpackte das in
       harmlose Worte, verwies etwa darauf, dies sei „der Wunsch“ [3][des
       syrischen Präsidenten], der auf Staatsbesuch in Berlin war und neben Merz
       am Rednerpult stand. Am Dienstag schob Merz noch hinterher, er mache sich
       die 80-Prozent-Zielmarke nicht zu eigen, es sei ausschließlich al-Scharaa,
       der dieses Ziel habe. Das mag man glauben oder nicht. Der Kanzler selbst
       hatte von einer Mehrheit der Syrer gesprochen, die zurückgehen wollen
       würden. Und schon im November hatte Merz gesagt, der Bürgerkrieg in Syrien
       sei zu Ende, es gebe „keinerlei Gründe mehr für Asyl in Deutschland“.
       
       Es scheint allerdings unwahrscheinlich, dass eine bedeutende Zahl der
       Syrer*innen tatsächlich freiwillig geht. Sie haben sich über die
       vergangenen zehn Jahre in Deutschland eingelebt, haben Freund*innen
       gefunden, Jobs angetreten und Familien gegründet – warum sollten sie
       freiwillig in ein Land zurückgehen, dass vom Krieg verwüstet und ihnen
       weitgehend fremd geworden ist? 2025 gingen nur 6.500 Syrer*innen
       freiwillig zurück.
       
       Tatsächlich ist ein bedeutender Teil der Syrer*innen, die in der großen
       Fluchtbewegung 2015 kamen, schon lange eingebürgert und hat damit ein
       unbegrenztes Aufenthaltsrecht, dass ihnen auch nicht mehr genommen werden
       kann. Zwischen 2014 und 2024 haben rund 250.000 Personen den deutschen Pass
       erhalten, seitdem dürften noch einmal einige Zehntausend dazugekommen sein.
       
       ## Harter Schlag auch für Unternehmen
       
       Prekärer ist die Situation der rund 900.000 Syrer*innen, die hier leben,
       aber keinen deutschen Pass haben. Im vergangenen Jahr hatten etwa zwei
       Drittel von ihnen einen befristeten Aufenthaltstitel über das Asylsystem.
       Zwar laufen beim BAMF Widerrufsverfahren für straffällige Syrer*innen, es
       gibt aber bisher keine großangelegten Versuche, die Schutzzusagen für
       unbescholtene Syrer*innen zu überprüfen und gegebenenfalls
       zurückzunehmen. Für juristisch wasserdichte Rücknahmen müsste sich die Lage
       in Syrien wohl noch weiter stabilisieren. Und selbst dann dürfte das
       Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bald an seine Kapazitätsgrenzen
       stoßen.
       
       Akut bedroht von Abschiebung sind derzeit nur die rund 10.000
       Syrer*innen in Deutschland, die keinen Aufenthaltstitel haben. Seit die
       Bundesregierung im Dezember 2025 die Abschiebungen nach Syrien wieder
       aufgenommen hat, wurden allerdings nur vier Personen dorthin zurück
       gezwungen. Es ist aber erklärtes Ziel von Bundesinnenminister Alexander
       Dobrindt (CSU), die Abschiebungen auszuweiten, sodass bald Linienflüge
       statt Charter-Flieger dafür genutzt werden.
       
       Einen Großteil der Syrer*innen aus dem Land zu werfen, wäre nicht nur
       ein menschliches Desaster, es wäre auch ein harter Schlag für die deutsche
       Wirtschaft. Rund 300.000 Syrer*innen arbeiten in deutschen Unternehmen,
       etwa ein Drittel in sogenannten Engpassberufen, in denen Fachkräftemangel
       herrscht. So sind etwa 11 Prozent der arbeitenden syrischen Männer im
       Gesundheitswesen beschäftigt und 14 Prozent in der Gastronomie. Es wäre
       also nicht nur ein brutales, sondern auch ein selbstzerstörerisches
       Vorhaben, wenn Merz umsetzen wollte, was er am Montag angekündigt hat.
       
       31 Mar 2026
       
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