# taz.de -- Todesstrafe in Israel: Ein Strick nur für palästinensische Hälse
> Die Ausweitung der Todesstrafe steht auf der Agenda der Knesset. Jüdische
> Täter müssen das diskriminierende Gesetz nicht fürchten.
(IMG) Bild: Freut sich schon auf die ersten Hinrichtungen: Israels rechtsextremer Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir
Israel will die Todesstrafe ausweiten – allerdings nur für Palästinenser.
Der Gesetzentwurf, der voraussichtlich am Montag in der Knesset zur
Abstimmung kommen wird, sagt das zwar nicht wortwörtlich. De facto meint er
aber genau das. [1][Die Todesstrafe] soll für Straftaten zur Anwendung
kommen, die als terroristisch eingestuft werden und bei denen vorsätzlich
ein Mensch getötet wurde. Die Strafe könnte verhängt werden, wenn ein Mord
mit dem Ziel begangen wurde, die Existenz des Staates Israel anzugreifen,
ein Tatbestandselement also, welches israelische Gerichte bei jüdischen
Tätern kaum vermuten werden.
Im Westjordanland schließt der Gesetzentwurf israelische Staatsbürger,
seien es Soldaten oder [2][Siedler], die der zivilen Rechtssprechung
Israels unterstehen, von der Todesstrafe aus. Diese Diskriminierung im
Hinblick auf die Identität des Täters stellt im Vergleich mit Staaten, in
denen die Todesstrafe Praxis ist, einen schwerwiegenden Verstoß gegen
verfassungsrechtliche Grundprinzipien dar. Zudem ist die Möglichkeit einer
Strafminderung oder Begnadigung aufgehoben, da der Staatspräsident keine
Befugnis zur Umwandlung von Urteilen hat, die von Militärgerichten im
besetzten Gebiet erlassen wurden.
Israel bewegt sich damit genau gegensätzlich zum globalen Trend, die
Todesstrafe abzuschaffen. Zwar existierte die Todesstrafe in Israel bereits
grundsätzlich bei extrem schweren Verbrechen, wie Völkermord oder
Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie wurde allerdings in der Praxis
gegen einen Zivilisten nur ein einziges Mal – 1962 gegen den Naziverbrecher
Adolf Eichmann – angewendet.
Die geplante Gesetzgebung verstößt gegen grundlegende Normen des
Völkerrechts – darunter der Internationale Pakt über bürgerliche und
politische Rechte, die UN-Antifolterkonvention und die Genfer Konventionen,
die in besetzten Gebieten Anwendung finden. In Bezug auf das Westjordanland
könnte die Umsetzung des Gesetzes zudem den Tatbestand des
Kriegsverbrechens erfüllen.
## Keine abschreckende Wirkung
Der israelische Gesetzgeber scheint sich über diese Problematik bewusst zu
sein, denn der Entwurf sieht weitreichende Vorkehrungen vor, nach denen
alle Aspekte der Hinrichtung, die durch Erhängen erfolgen soll, darunter
Verfahren, Ort und Identität der Henker, geheimgehalten werden können. Doch
die Todesstrafe verletzt nicht nur internationales Recht. Sie ist vor allem
ein Angriff auf die Menschenwürde und negiert das Recht auf Leben an sich.
Zahlreiche Studien belegen, dass [3][die Todesstrafe weder abschreckend
wirkt noch Kriminalität reduziert]. Selbst israelische Sicherheitsbehörden
erklärten, dass das Abschreckungsargument ambivalent und kontextabhängig
sei. Das Gesetz verfolgt aber noch ein weiteres erklärtes Ziel: Vergeltung.
Ob [4][die Gräueltaten des 7. Oktober] mit der Tötung der Verurteilten
vergolten werden können?
Mit dem ausdrücklichen Ziel der Vergeltung ist das Gesetz Gestalt
gewordener Ausdruck der Politik, die seit dem 7. Oktober 2023 in
israelischen Haftanstalten – Gefängnisse und Militärlagern – vorherrscht,
hauptsächlich vorangetrieben durch den [5][rechtsextremen Minister für
Nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir]. Seit diesem Tag ist die Situation
für palästinensische Häftlinge von systematischer Misshandlung und Folter
geprägt.
## Brutales Vorgehen in den Gefängnissen
Über 15.000 Häftlinge aus der Westbank und Gaza – darunter Kinder und
Frauen – wurden und werden bis heute unter unmenschlichen Bedingungen
festgehalten: in überfüllten Zellen, unhygienischen Zuständen,
unzureichender beziehungsweise fehlender medizinischer Versorgung,
[6][bewusster Mangelernährung] sowie massiver physischer und sexueller
Gewalt. Mindestens 100 palästinensische Gefangene sind seitdem in
israelischer Haft zu Tode gekommen.
Dem Internationalen Roten Kreuz sowie Angehörigen der Gefangenen bleibt bis
heute der Zutritt verwehrt. Rechtsstaatliche Abhilfe gibt es nicht, da
[7][diese Taten so gut wie nie strafrechtlich verfolgt werden]. Bislang ist
kein Angehöriger des israelischen Sicherheitsapparates wegen einer der
vielen Todesfälle seit dem 7. Oktober 2023 verurteilt worden.
Es gab nur eine Verurteilung eines Soldaten, der gefesselte Gefangene bei
deren Transport nach Israel misshandelt hatte. Er wurde zu lediglich sieben
Monaten Haft verurteilt. Die Anklage gegen fünf Soldaten, die, so per
Videoaufnahme festgehalten, schwere sexuelle Misshandlungen an einem
Gefangenen begangen haben, wurde gerade vom israelischen
Militärstaatsanwalt zurückgenommen.
Die Todesstrafe bildet eine extreme Fortführung dieser staatlich
legitimierten Politik der Einschüchterung und Vergeltung gegen
palästinensische Gefangene. Ihre Folgen sind jedoch verheerend. Das Urteil
ist endgültig und irreversibel – Justizirrtümer können nicht rückgängig
gemacht werden.
## Immer mehr Gewalt
Und Irrtümer passieren – besonders in einem System, das palästinensischen
Gefangenen grundlegende rechtsstaatliche Garantien verweigert: Richter
gehören der feindlichen Besatzungsmacht an, Übersetzungen in Arabisch sind
oft unzureichend, Geständnisse werden häufig durch Folter erzwungen und den
Angeklagten werden wesentliche Beweismaterialien vorenthalten – alles unter
dem Vorwand der Sicherheit.
Das Gesetz hätte nicht nur dramatische Folgen für palästinensische
Gefangene, sondern auch für die israelische Gesellschaft selbst. Sie
zementiert die Botschaft, dass palästinensisches Leben einen
untergeordneten Wert hat, und verursacht nur noch mehr Tod und Gewalt,
Diskriminierung und Isolation. Eine Gesellschaft, in der Rache zum
täglichen Brot wird, ist eine Gesellschaft, die ihre Menschlichkeit
aufgibt.
Die Ausweitung der Todesstrafe in Israel ist keine ferne Dystopie, sondern
unmittelbar drohende Realität, unterstützt von Teilen der
Regierungskoalition sowie der Opposition. Sie kann und muss gestoppt
werden. Deutschland und Europa stehen in der Pflicht, alles dafür zu tun,
dass dieses Gesetz nicht eingeführt wird. Zum Schutz des internationalen
Rechts, zum Schutz von Menschenrechten und zum Schutz des Lebens an sich.
29 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.haaretz.com/israel-news/israel-politics/2026-03-25/ty-article/.premium/far-right-death-penalty-for-terrorists-bill-approved-for-final-knesset-vote/0000019d-21f0-d640-a5fd-e7fe53f70000
(DIR) [2] /Siedlerterror-im-Westjordanland/!6166649
(DIR) [3] https://amnesty-todesstrafe.de/2021/03/die-todesstrafe-muss-weg/
(DIR) [4] /7-Oktober-Ueberlebender-im-Gespraech/!6115263
(DIR) [5] /Todesstrafe-in-Israel/!6145589
(DIR) [6] https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/judge-palestinian-teen-apparently-starved-in-detention-before-his-death-body-still-being-held-by-israel/
(DIR) [7] /Nach-Missbrauchsskandal-in-Sde-Teiman/!6162241
## AUTOREN
(DIR) Birte Brodkorb
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