# taz.de -- Faschismus-Tagung in Konstanz: Gespenstische Aussichten und kritische Evergreens
> Bei einer Tagung in Konstanz loteten Historiker und Philosophen den neuen
> globalen Autoritarismus aus. Hilft gegen Tech-Bros „Antifaschismus der
> Mitte“?
(IMG) Bild: Ein Gespenst geht um, nicht nur in Europa: Donald Trump nach seiner Ankunft in Palm Beach/ Florida am 27. März 2026
Sind Trump, die AfD und Georgia Meloni Wiedergänger des Faschismus? Die
Frage ist doppelt komplex, weil schon der historische Begriff Faschismus
flackernde Grenzen und irritierende Unschärfen hat. Ob das Regime von
Mussolini und Francos Klerikalfaschismus, der todessüchtige
Nationalsozialismus und der japanische Imperialismus bis 1945 wirklich
wesensverwandt sind, bleibt offen. Jan Philipp Reemtsma verwies darauf,
dass nur der italienische Faschismus diesem Begriff entspricht. Und das
auch nur in seinen Ideen, in der Praxis verliere sich die erwünschte
Eindeutigkeit.
Der Titel [1][der Konstanzer Tagung „Das Gespenst des Faschismus“] markiert
diese diskursiv unübersichtliche Situation. Gespenster sind ja luftige
Erscheinungen, Gespenster-Metaphern auch Ausdruck definitorischer
Verlegenheiten.
Reemtsma erklärte in dem Vortrag „‚Ist es Faschismus?‘ – was will man
wissen, wenn man so fragt?“ die Erkundung, ob Trump oder die AfD
faschistisch sind oder nicht, für überflüssig. Sie sei Ausdruck eines
„Benennungswahns der öffentlichen Kommunikation“, ein hilfloser Versuch,
eigene Unsicherheit zu bemänteln. [2][Seine Kritik zielte aber weit über
die Verwendung des F-Wortes als beliebiges Buzzword hinaus]. Er
bezweifelte, ob sich aus der Geschichte überhaupt etwas lernen lässt und ob
die Begründungsgebäude der Sozialwissenschaften dafür etwas taugen.
„Theoretische Akrobatik“ sei angesichts von Gewaltregimen unnütz. „Das
Geheimnis der cäsarischen Herrschaft ist gerade ihre Geheimnislosigkeit“,
urteilte Reemtsma. Wenn Erscheinung und Wesen mehr oder weniger in eins
fallen, erübrigt sich Wissenschaft.
## Reemtsma und die tiefere Bedeutung
Offenbar ist es ein Privileg von Großintellektuellen, sich im Abendlicht
ihrer Karriere mit lässiger Resignation, die nicht frei von Herablassung
ist, über das eigene Metier zu erheben. Man kennt diesen Sound auch schon
von Hans Magnus Enzensberger.
Reemtsmas Schlusspointe war: Noch nicht mal Trump interessiere, ob der
linke New Yorker Bürgermeister Mamdani ihn als Faschist bezeichnet. „I
don’t mind“. Will sagen: Bei so viel Ironie kann man die Suche nach
tieferer Bedeutung auch sein lassen. Dass Reemtsma das von ihm begründete
und finanzierte [3][Institut für Sozialwissenschaft in Hamburg] bald
dichtmacht, ist kaum verwunderlich.
[4][Der in Basel lehrende Gesellschaftswissenschaftler Oliver Nachtwey
arbeitet mit der Soziologin Carolin Amlinger] an dem kreativen Versuch, mit
der Kritischen Theorie im Gepäck die zerstörerischen Wunschstrukturen des
neuen Faschismus zu verstehen. Nachtwey kommentierte Reemtsmas eher geist-
als erkenntnisreichen Text mit der Bemerkung: „Ich habe Ihnen gerne
zugehört und bin überhaupt nicht einverstanden.“
Denn die Bedingungen von Faschismus zu verstehen und brauchbare Begriffe zu
finden, sind keine akademischen Trockenübungen. Handeln setzt Erkenntnis
voraus. Und die Frage, ob die globale Rechte auf einen faschistischen
Putsch, einen Technik-Totalitarismus oder ein Modell Ungarn zielt, ist
überhaupt nicht trivial.
## Hass auf Fremde
Für Begriffsklärung und Analogien sind Historiker zuständig. [5][Sven
Reichardt,] Mitveranstalter der Tagung, listete Ähnlichkeit zwischen den
Trump-USA und dem historischen Faschismus auf. Der Bogen reicht von
Ultranationalismus über die Eugenik-Visionen der Tech-Bros bis zum Hass auf
Fremde, die „unser Blut vergiften“ (Trump).
Allerdings steht auf der anderen Seite auch einiges. Alle faschistischen
Regime zerschlugen die Gewerkschaften, zerstörten die Demokratie und
unterdrückten mit blutiger Gewalt die politische Opposition. Davon kann,
trotz alarmierender Tendenzen, in den USA oder Ungarn noch nicht die Rede
sein.
Diese Listenlogik erschien der Berliner Philosophin [6][Eva von Redecker]
unterkomplex und ungenau. „Mythen können heute Memes sein, Terror von
Algorithmen“, so ihr Argument. Für Historiker ist der Vergleich
unersetzliches Handwerkszeug, wenn auch nicht als Strichliste. Reichardt
schlug den Begriff Prozess vor, um den mitunter fetischartig anmutenden
Streit um das F-Wort aus der Sackgasse zu führen.
## Trumpismus als flüssiges Phänomen
Das leuchtet ein – Trumpismus ist ein flüssiges Phänomen, das sich an der
Macht radikalisiert. Faschismus als Prozess zu verstehen, ist kein
rhetorisches Ausweichmanöver, sondern der Versuch, begrifflich auf der Höhe
zu bleiben. Dazu würde allerdings auch gehören, Deradikalisierung und
Integration in demokratische Systeme wie bei Meloni und den
Schwedendemokraten zu beobachten.
Was treibt also die rechte Revolte an? Am Boden der rechten Ressentiments
schlummert das Gefühl, etwas verloren zu haben, das unrechtmäßig entwendet
wurde. Die rechtsautoritären Führer kanalisieren diese Wut. Slavoj Žižek
hat den Slogan „Stop the Steal“, den Protest des Trump-Mobs gegen den
vermeintlich gestohlenen US-Wahlsieg 2020, als Chiffre eines Gefühls
umfassender Enteignung gelesen.
Eva von Redeckers Schlüsselwort, um die rechten Energien zu begreifen,
lautet Phantombesitz. In der Fantasie der Rechten herrsche „bereits
Plünderung und deswegen kann Eigentum qua Notwehr verteidigt werden“. Der
aktuelle Faschismus ist somit als radikalisierter Kapitalismus zu
begreifen. [7][Für von Redecker treibt „verschobener Eigentumsrausch“ die
Wut weißer Männer auf Gendern, Migranten und emanzipierte Frauen an].
Denn all das symbolisiere verlorenen Besitz, wie Verfügungsmacht über
Frauen oder koloniale Herrschaft. „Der Phantomschmerz wird gespürt, wo kein
Glied mehr ist, der Phantombesitz sucht Kontrolle, wo einem nichts gehört“,
erklärte von Redecker.
## Die wortgewaltigste Autorin
Diese These ist originell, verführt vielleicht aber dazu, als
Universalschlüssel missverstanden zu werden. Sie passt zu gut. Eva von
Redecker ist derzeit die wortgewaltigste Autorin in der Tradition der
Kritischen Theorie. Verblüffend ist allerdings ihre Überzeugung, dass wir
„in einer Welt mit einer sozialen Ungleichheit von nie dagewesenen Ausmaß
leben“. Stärker als vor 100 Jahren? Das steht in deutlichem Widerspruch zur
globalen Ungleichheitsforschung, etwa von Branko Milanović.
Auffällig war in Konstanz, wie prägend der deutsche Diskurs noch immer von
Adornos 70 Jahre alten Studien des autoritären Charakters und dessen
kapitalismuskritischen Faschismustheorien geprägt ist. Sowohl von Redecker
als auch Amlinger/Nachtwey stehen auf dem Fundament der von Adorno
mitbegründeten Kritischen Theorie. Nur Christoph Parets philologische
Exegese der „Dialektik der Aufklärung“ fanden die meisten doch allzu
selbstreflexiv.
Diktatorische Regime wie in Iran und in Russland tauchten indes noch nicht
mal am Horizont als Grenzmarkierungen auf. Das ist angesichts der globalen
Welle des Rechtsautoritären eine unzeitgemäße Engführung. Auch die
Wunschanalysen des Faschismus von Georges Bataille und Jacques Lacan, die
Žižek weitergesponnen hat, kamen in Konstanz nur am Rande vor.
Vielleicht ist der Blick auf den historischen Faschismus weniger wichtig
als ein Blick nach vorn. Es war kein Zufall, dass der wuchtigste Impuls von
jemandem kam, der sich in seiner Ausbildung mehr mit Software und
Mathematik als mit der „Negativen Dialektik“ befasste. [8][Rainer Mühlhoff,
Philosophieprofessor aus Osnabrück,] skizzierte ein Bedrohungsszenario, das
den Science-Fiction-Film „Minority Report“ assoziierte.
## Attacke der Techkonzerne
Die Gefahr geht nicht nur von einer in Social-Media-Blasen fragmentierten
Öffentlichkeit aus. Es handelt sich, so Mühlhoff, um eine frontale Attacke
der Techkonzerne auf die Grundfesten der Demokratie an sich. Elon Musks
DOGE ist so gesehen der Versuch, den Staatsapparat durch KI-Technologie zu
ersetzen. Dass das Betriebssystem der Einwanderungsbehörde in den USA
inklusive Deportation von Palantir kommt, passt da nur ins Bild.
Übrig bleibe nach der feindlichen Übernahme durch die KI-Technologie ein
Rumpfstaat, in dem „hoheitliche Funktionen an Tech-Unternehmen ausgelagert
werden“. Wer Sozialhilfe bekommt, werde nach datengestützten
Wahrscheinlichkeiten entschieden. Der Angriff der Techkonzerne gilt
systemisch Rechtsstaat und Demokratie. Deshalb sei ein neuer
„Antifaschismus der politischen Mitte“ nötig.
Besorgniserregend klingt Mühlhoffs Warnung, dass das weitere Wachstum der
Techkonzerne zwingend mit den Regeln kollidiert, die jeder demokratische
Rechtsstaat setzen muss. „Die Demokratien werden weggerammt wie Hindernisse
am Wegesrand.“
Das sind, mit oder ohne F-Wort, gespenstische Aussichten.
30 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.hsozkult.de/event/id/event-160480
(DIR) [2] https://streaming.uni-konstanz.de/talks-und-events/2026/ist-es-faschismus-was-will-man-wissen-wenn-man-so-fragt/
(DIR) [3] /Reemtsma-Institut-vor-der-Schliessung/!5984502
(DIR) [4] /In-ihrem-Buch-analysieren-zwei-Soziologen-die-psychischen-Affekte-des-Wutbuergertums/!6117046
(DIR) [5] /Historiker-ueber-Linksalternative/!5042137
(DIR) [6] /Nachdenken-ueber-Faschismus/!6156910
(DIR) [7] https://www.youtube.com/watch?v=WiPIygZ8-FI
(DIR) [8] https://www.fes.de/asd/buch-essenz/muehlhoff-kuenstliche-intelligenz-und-der-neue-faschismus
## AUTOREN
(DIR) Stefan Reinecke
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