# taz.de -- Neue Bücher über den Westen: Wenn der große Bruder zum Risikospieler wird
       
       > Holger Stark skizziert in seinem Buch die Abhängigkeit der Bundesrepublik
       > von den USA. Daniel Marwecki wünscht sich ein freundliches Europa.
       
 (IMG) Bild: Nur wegen der Militärbasis Ramstein konnte die US-Armee die Kriege in Afghanistan und Irak führen
       
       Als Donald Trump ernsthaft zu planen schien, Grönland anzugreifen, war die
       politische Elite in Deutschland fassungslos. Man war schockiert, überrascht
       – und diese Überraschung ist selbst ein Rätsel. Die USA sind seit zehn
       Jahren dabei, sich von Europa abzukoppeln. Die Ära des Westens geht global
       zu Ende. Die bundesdeutsche Politik ist eigentlich rational, abwägend,
       vernünftig. Trotzdem hat die politische Klasse alle blinkenden roten Ampeln
       überfahren. Warum?
       
       Der [1][Zeit-Journalist Holger Stark] zeichnet in seinem vor Kurzem
       erschienenen Buch „Das erwachsene Land. Deutschland ohne Amerika – eine
       historische Chance“ akribisch das deutsch-amerikanische Verhältnis der
       vergangenen 20 Jahre nach. Das politische Establishment in Deutschland hat
       in dieser Zeit viel Energie aufgewendet, um zu verdrängen, dass die USA
       sich vom großen, beschützenden Bruder in einen unkalkulierbaren
       Risikospieler verwandelt haben.
       
       Angela Merkel erkannte zwar im Mai 2017, dass auf Präsident Trump kein
       Verlass mehr war und dass „wir Europäer unser Schicksal wirklich in unsere
       eigene Hand nehmen müssen“. Solche Erkenntnisse blitzten immer mal wieder
       auf – und blieben folgenlos. Anstatt Emmanuel Macron zu unterstützen, der
       die europäische Souveränität militärisch, digital und politisch forcieren
       wollte, tat die bundesdeutsche Elite – nichts. Irgendwie schien man Trump
       wie einen drückenden Albtraum einfach überstehen zu wollen. Und fand Macron
       irgendwie lästig.
       
       Die Bundesrepublik war (und ist) machtpolitisch und mental schlicht
       abhängig von den USA. Wenn sie wie 2003 im Irak oder 2011 in Libyen sich
       US-Kriegen verweigerte, bedeutete das schon genug Stress. Die Idee, sich
       strategisch von den USA zu emanzipieren, war eine Überforderung. Heiko
       Maas, SPD-Außenminister unter Merkel, sagt in „Das erwachsene Land“, dass
       „niemand wusste, wohin das führt. Deshalb hat man lieber die Finger davon
       gelassen.“ Maas tritt als eine Art verkannter Held in diesem politischen
       Portrait auf. [2][Er versuchte, vorsichtig und vergeblich, Deutschland aus
       der freundlichen Umklammerung der USA zu lösen].
       
       ## Die Angstbilder rationalisieren
       
       Es gibt im Jahr 2026 noch immer 35.000 US-Soldaten und ein Dutzend
       US-Atombomben in Deutschland. Trumps Drohung, die US-Truppen abzuziehen,
       weckt hierzulande überschießende, schwer zähmbare Ängste. Warum? Es geht
       nicht nur um sicherheitspolitische Kalküle, sondern um Wahrnehmungsmuster,
       die tief im bundesdeutschen Selbstverständnis wurzeln.
       
       Holger Stark empfiehlt, diese Angstbilder zu rationalisieren und den Blick
       mal umzudrehen. Will sagen: Die US-Truppen sind kein Geschenk, für das wir
       uns dankbar erweisen und Liebesentzug fürchten müssen. Sie sind ein guter
       Deal für die USA. Nur wegen der Militärbasis Ramstein konnte die US-Armee
       die Kriege in Afghanistan und Irak führen. Als geostrategischer Kronzeuge
       tritt der Ex-US-General Ben Hodges auf: „Für die USA ist Deutschland ein
       gigantischer, unsinkbarer Flugzeugträger im Herzen Europas, der es uns
       erlaubt, alles zu tun, was wir tun wollen.“
       
       Um die Ängste, die eine Abkoppelung von den USA schürt, zu dämpfen, nutzen
       zwei Überlegungen: Machen US-Atomwaffen, über deren Einsatz Trump allein
       ohne die Zustimmung der Bundesregierung verfügen kann, Deutschland wirklich
       sicherer? Zudem sollte die deutsche Politik Hodges ernst nehmen, meint
       Holger Stark: Die Militärlogistik, die die USA teils jenseits
       völkerrechtlicher Normen in Deutschland nutzt, sei „im geopolitischen
       Machtpoker eher ein Trumpf für die Bundesrepublik“ als für die
       US-Regierung. Denn die USA sind zum Beispiel für Militäraktionen in Afrika
       auf Basen wie in Stuttgart angewiesen, die zu ersetzen aufwendig und sehr
       teuer wäre.
       
       Die machtpolitische Entflechtung von den USA wird ein komplizierter
       Prozess, der vom Aufbau eigener Finanzinstrumente über militärische
       Eigenständigkeit bis zu ohne US-Hilfe funktionierenden Geheimdiensten
       reicht. Das wird Jahre dauern, es wird Rückschläge, Niederlagen, Risiken
       geben. Aber damit dieser Prozess in Gang kommen kann, muss die politische
       Elite sich einer Art Selbstaufklärung unterziehen.
       
       [3][Nötig ist eine Tabula rasa, vergleichbar mit der Kritik der deutschen
       Russlandpolitik nach Putins Überfall auf die Ukraine.] Auf den radikalen
       Bruch mit der Ostpolitik muss ein radikaler Bruch mit der Westpolitik und
       dem Transatlantischen folgen. Dafür allerdings scheint die westdeutsche
       Elite mental noch nicht in der Lage zu sein. Holger Starks Buch, kühl,
       sachkundig und ohne Eifer verfasst, ist ein Anfang.
       
       Oder ist Trump vielleicht doch ein Irrtum der Geschichte, ein bösartiger
       Clown, der bald vergessen sein wird? Daniel Marwecki entfaltet in dem Essay
       „Nach dem Westen“ einen historischen Prospekt, in dem für diese
       naheliegende, tröstliche Illusion wenig Raum bleibt. Denn derzeit entsteht
       eine neue post-westliche Weltordnung. Trump ist deren Ausdruck, nicht deren
       Autor.
       
       Die USA verfügen zwar noch immer global über 800 Militärbasen, China nur
       über zwei. Aber der steile wirtschaftliche Aufstieg Chinas und der Abschied
       der USA von der Rolle als einzige Supermacht sind direkt verkoppelte
       Phänomene. Vor 25 Jahren waren die USA für 80 Prozent der Staaten ein
       wichtigerer Handelspartner als China – heute ist es umgekehrt. Trump ist
       für Marwecki so gesehen „der Abstiegsmanager des amerikanischen Imperiums“,
       der die alte, zerfallende Ordnung endgültig zerstört.
       
       ## Die Phase der imperialen Überdehnung der USA
       
       Mit Trumps MAGA-Narzissmus geht die Phase der imperialen Überdehnung der
       USA zu Ende. Die USA streift die Rolle als Weltpolizist ab. Die Nato, das
       größte Militärbündnis aller Zeiten, hat tiefe Risse und wirkt nicht erst
       seit Trumps Grönland-Drohung wie eine Fassade. Die Ära, als USA und Europa
       als global dominante Macht die Regeln der internationaler Ordnung
       bestimmten, geht zu Ende. Die Nato und der alte Westen werden in diesem
       Prozess zu Relikten der alten Ordnung.
       
       Marwecki, der in Hongkong Politikwissenschaft lehrt, analysiert diesen
       Prozess ähnlich kühl, wie es der kanadische Ministerpräsident Mark Carney
       kürzlich in Davos tat. Die vom Westen durchgesetzte und modellierte
       regelbasierte Weltordnung ist „zerbrochen und wird nicht zurückkommen“,
       lautete Carneys nüchterne Feststellung.
       
       Für rosarote Nostalgie gibt es wenig Gründe. Der globale Aufstieg Europas
       in den letzten 200 Jahren fußte auf einem Steuerstaat, der Rüstung und
       Militär finanzierte – und „der hemmungslosen Anwendung von Gewalt im
       globalen Maßstab“ (Thomas Piketty). Es wäre falsch, in der neuen
       Großraumordnung die universalistische Moral aufzugeben – und ebenso falsch
       zu vergessen, dass diese Moral in der Vergangenheit auffällig oft den
       strategischen Interessen des Westens nutzte.
       
       Und nun? Die hoch komplexen Prozesse, die Stark und Marwecki umreißen,
       gehören zusammen. Europa muss sich von den USA lösen. Dafür muss sich vor
       allem Deutschland aus seiner historischen Abhängigkeit befreien. Europa
       muss auf eigenen Beinen stehen – sollte bei der Selbsterfindung als
       strategischer Mitspieler im Konzern der Großmächte aber seine imperiale
       Geschichte nicht vergessen. Marwecki warnt vor „alten europäischen
       Überlegenheitsfantasien“ und rät pragmatisch zur „Anpassung des Tonfalls an
       die eigenen Kräfte“.
       
       Der indische Außenminister Jaishankar hat vor ein paar Jahren zutreffend
       bemerkt, dass Europa nicht mehr das Zentrum der Welt ist. Auch wenn
       zerfallende Ordnungen immer mit explodierenden Ängsten einher gehen – im
       Kern ist das keine schlechte Nachricht.
       
       22 Feb 2026
       
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