# taz.de -- Eva von Redecker über Jürgen Habermas: Der Schulleiter ist nicht tot
> Jürgen Habermas bestand darauf, dass fortschrittliche Kräfte der
> Gesellschaft in der realen Geschichte auffindbar sein müssen. Was bleibt
> von seinem Werk?
(IMG) Bild: Der tatsächliche Austausch war ihm immer wichtig: Jürgen Habermas am Mikrofon in der Mensa der Frankfurter Uni, Juni 1968
Die Frankfurter Schule ist trotz ihres Namens keine Schule. Sie ist,
zumindest nach Ansicht meiner früheren Lehrerin, der Kritischen
Theoretikerin [1][Rahel Jaeggi,] eine Konstellation. Als wissenschaftliche
Konstellation widmet sie sich seit einem Jahrhundert dem intellektuellen
Unternehmen der Kritik.
Kritik ist hier anders als in den sozialen Medien kein „Daumen runter“ oder
„Blockieren“. Es ist das ehrgeizige Unterfangen, die Realität so zu
beschreiben, dass sie sich verändert.
Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 [2][im Alter von 96 Jahren
verstorben] ist, war ein Fixstern in dieser Konstellation. Er bot den
Kompass für mehrere Generationen von vorwiegend deutschen und
nordamerikanischen Denkern.
Habermas war unglaublich produktiv und veröffentlichte mehr als 40 Bücher.
Und er war äußerst charismatisch. Habermas’ Denken und Diskurs waren von
einer Intensität und Konzentration geprägt, die seine Schriften nur
unzureichend vermitteln. Die fulminanten Polemiken, mit denen er sich in
öffentliche Debatten einbrachte, stehen zudem in krassem Gegensatz zu der
konsensorientierten Diskursethik, für die er bekannt ist.
Doch die konsensorientierte Diskursethik ist vielleicht ohnehin nicht der
beste Zugang, um Habermas’ Position zu fassen.
## Konzentration auf Kommunikation
Man kann Habermas natürlich als bürgerlichen Denker beschreiben, dessen
liberale Selbstzufriedenheit den radikalen Geist der vorangegangenen, im
Exil lebenden Frankfurter Generation verriet. Er schob außerdem
feministische Forschung beiseite und boykottierte Michel Foucaults
Erkenntnisse über die Verflechtung von Wissen und Macht, indem er darauf
bestand, dass es so etwas wie einen herrschaftsfreien Diskurs gebe.
Betrachtet man es so, stellt sich fast die Frage, ob er überhaupt zum Team
„Kritik“ gehört. Doch diese Darstellung greift zu kurz, grenzt sogar an
eine Karikatur.
Zu Beginn seiner Karriere wurde Habermas selbst von [3][Max Horkheimer,]
dem damaligen Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, als
zu linksradikal eingestuft. Nur Theodor Adornos Beharrlichkeit hielt die
Tür offen für den journalistisch exponierten jungen Assistenten, der zum
ersten namhaften nichtjüdischen Vertreter der Frankfurter Schule werden
sollte.
Wie seine frühen Schriften zeigen, folgte Habermas dem marxistischen
Grundsatz, dass fortschrittliche Kräfte in der sich tatsächlich
entfaltenden Geschichte zu finden sein müssen. Er glaubte jedoch nicht,
dass die technologische Entwicklung oder die Steigerung der Produktion die
Vernunft bergen – was auch seine Lehrer bereits zu bezweifeln begonnen
hatten.
Habermas konzentrierte sich daher auf eine andere menschliche Fähigkeit als
die produktive Arbeit, nämlich die Kommunikation. Dieser Perspektivwechsel
war nicht zuletzt von Hannah Arendts Vorstellung inspiriert, dass
menschliches Handeln in der öffentlichen Rede gipfele, wobei Habermas diese
Quelle nur kurz in einer einleitenden Fußnote erwähnt, ohne auf einen der
tatsächlichen Texte Arendts Bezug zu nehmen.
## Emanzipation durch demokratische Zusammenschlüsse
Für heutige realistische Denker mag es eine sehr befremdliche Vorstellung
sein, dass es so etwas wie „kommunikative Vernunft“ geben könnte, die sich
langsam entlang einer von kolonialer Gewalt und der Unterdrückung von
Frauen (mit der Begründung, ihnen fehle die Vernunft) geprägten
Menschheitsgeschichte herausgebildet hat.
Und doch sind es auch die von Habermas hervorgehobenen demokratische
Zusammenschlüsse und die bürgerliche Presse, die die Emanzipation von
solchen Strukturen mittrugen. Wichtige Erweiterungen von Habermas’ Begriff
der Öffentlichkeit auf feministische Gegenöffentlichkeiten (von Nancy
Fraser) und proletarische Traditionen (von Alexander Kluge) untermauern
dessen Plausibilität.
In jedem Fall war es nicht sein Idealismus, sondern sein Materialismus, der
Habermas an der Vorstellung einer fortschreitenden Entwicklung der
Kommunikation festhalten ließ. Was immer für eine Erlösung der Geschichte
notwendig ist, muss genau dort zu finden sein, in ihr selbst. Vielleicht
verleiht unser von Nihilismus, Desinformation und KI-Output gezeichnetes
Zeitalter dieser Idee neue Glaubwürdigkeit. Denn wenn die Kommunikation
zusammenbricht, bleibt kaum etwas anderes übrig als das protofaschistische
„Recht des Stärkeren“.
## Rekonstruktion des Projekts der Kritischen Theorie
Und Habermas war alles andere als blind für die Möglichkeit solcher
Zusammenbrüche. Eines seiner wichtigsten Werke, die 1981 erschienene
zweibändige „Theorie des kommunikativen Handelns“, zeigt in allen
Einzelheiten auf, wie Systeme, die durch nonverbale Kräfte wie den Markt
und bürokratische Rationalisierung gesteuert werden, die
Verhandlungsmöglichkeiten in dem, was er die „Lebenswelt“ nennt, aushebeln
können. Denn nur die Lebenswelt – Familie, Zivilgesellschaft, Bildung – ist
zumindest im Prinzip kommunikativ organisiert und kann sich somit
moralischen Ansprüchen stellen.
Das Werk enthält ebenfalls eine Rekonstruktion des Projekts der Kritischen
Theorie, die eine überraschende generationenübergreifende Kontinuität
entfaltet. Ausgehend vom ungarischen Kommunisten Georg Lukács erzählt
Habermas die Geschichte der Frankfurter Schule als eine Abfolge von
Kritiken am Phänomen der Verdinglichung. Lukács’ Beschreibung des
Arbeiters, der das Schicksal der von ihm produzierten Waren teilt, sowie
Theodor Adornos und Max Horkheimers Überlegungen zur Verhärtung innerer wie
äußerer Natur lassen sich bis über Habermas hinaus weiterverfolgen.
Die Arbeiten seines Nachfolgers Axel Honneth zur Anerkennung, Judith
Butlers Analyse der Normalisierung von Gewalt und Rahel Jaeggis
Aktualisierung des Entfremdungsbegriffs sind allesamt Kritiken der
Verdinglichung. Der Ruf, dass Lebewesen keine Dinge sind, hallt innerhalb
der gesamten Konstellation von Kritikern wider.
## Der tatsächliche Austausch als Maßstab
Man möchte annehmen, dass etwas so Grundlegendes offensichtlich sein
sollte. Doch für Philosoph:innen ist nichts jemals offensichtlich.
Habermas wurde, insbesondere in seinem späteren Werk, immer komplexer und
formalistischer in seinem Versuch, die argumentativen Grundlagen für die
Ablehnung einer Herabwürdigung von Menschen zum stummen Objekt zu sichern.
Aber auch hier sind seine Maßstäbe – die Ideale der sogenannten
Formalpragmatik – nicht aus der reinen Vernunft abgeleitet, sondern aus
tatsächlichem Austausch. Nach Habermas missverstehen wir, was Kommunikation
ist, wenn wir nicht akzeptieren, dass sie neben strategischen Zielen auch
immer darauf ausgerichtet ist, ein gewisses gemeinsames Verständnis
herzustellen. Und dieses gemeinsame Verständnis lässt sich – wiederum eher
im Prinzip als in der Praxis – als ein zwangfreier Konsens beschreiben.
Moralität bemisst sich daran, ob ein solcher Konsens unter allen
Betroffenen erreicht werden könnte. Die meisten tatsächlichen Äußerungen
bestehen diesen Test nicht, doch wenn Sprache jeglichen Versuch,
Verständnis zu erreichen, aufgeben würde, würde die Kommunikation
zusammenbrechen, selbst wenn weiterhin Worte gesprochen würden. Vielleicht
ist das bereits geschehen. Und doch, liebe Leser:in, sind wir nicht gerade
dabei, zu kommunizieren?
## Frankfurter Schule tot?
Eine Kollegin von mir, die polnische Philosophin Iwona Janicka, wandte sich
einmal mitten in einem Gespräch über Inklusion und Exklusion im
akademischen Betrieb an mich. Ich hatte einige interne Streitigkeiten
innerhalb der Kritischen Theorie erwähnt. „Die Frankfurter Schule?“, fragte
sie mit gerunzelter Stirn. „Ist denen nicht klar, dass sie tot sind?“ Das
bringt mich immer noch zum Lachen.
Weitaus ernster begegneten mir diese Worte aus dem Mund führender
Vertreter:innen unserer Disziplin wieder, die entsetzt waren über die
scharfe Stellungnahme, mit der Habermas und seine Kollegen kategorisch
ausschlossen, Israels Angriff auf Gaza als Völkermord zu bezeichnen. Für
viele stand infrage, ob sich die Kritische Theorie jemals von einem solchen
Fehlurteil erholen könne.
Mein Eindruck ist, dass die Ressourcen dafür vorhanden sind, tief in ihr
selbst verborgen, und nicht zuletzt im Werk von Jürgen Habermas.
Dieser Text erschien zuerst in „The Guardian“. Aus dem Englischen von
Katharina Bigot.
Die Autorin veröffentlichte soeben den Band „Dieser Drang nach Härte. Über
den neuen Faschismus“ (Fischer Verlag).
21 Mar 2026
## LINKS
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