# taz.de -- Aufsätze von ehemaligen Linken: Ich, ich, ich
> Wenn das Denken die Richtung ändert: In einer Aufsatzsammlung hagelt es
> Bekenntnisse von Ex-Linken. Manches verbindet sie mit Rechtspopulisten.
(IMG) Bild: „Ich bin nicht links, ich bin erwachsen“: Kabarettist Dieter Nuhr
Der Abschied von 68 ist ein etwas in die Jahre gekommenes Genre. Die
einschlägigen Selbstreflexionen, unter anderem von [1][Peter Schneider] und
[2][Götz Aly], sind schon länger antiquarisch zu erwerben. Die 68er waren
talentierte Selbstvermarkter. Das galt auch für die Abkehr von gestern, die
mal selbstkritisch, mal zerknirscht, mal als triumphale Ankunft in neuen
Glaubensfestungen (antiwoke, antilinks, multikultikritisch etc.) in Szene
gesetzt wurde.
Das immer äußerst bedeutende Ich ist die Verlängerung der Politik in der
ersten Person. Es ist kein Zufall, dass die materialreichste, produktivste
Auseinandersetzung – „Das rote Jahrzehnt“ von Gerd Koenen – weitgehend ohne
Ich auskam.
Das gilt für die Aufsatzsammlung „Wenn das Denken die Richtung ändert“
nicht. Es hagelt Ichbekenntnisse. Der Band versammelt 13 Selbstreflexionen
in unterschiedlichen Tonarten. [3][Antonia Grunenberg] skizziert angenehm
zurückhaltend ihre intellektuelle Biografie, die vom Trotzkismus zum
Liberalismus führte. Das ist nicht neu, aber eine redliche
Selbstbeschreibung, die ohne Fanfaren auskommt. Das Gleiche gilt für die
biografische Skizze des früheren grünen Realos Hubert Kleinert.
Andere Texte arbeiten mit dem diskursiven Trick, sich selbst zum Opfer
eines vermeintlichen linken Mainstreams zu veredeln und aus dieser Position
auszuteilen. Das wird mit antitotalitärem Pathos umwölkt, auch wenn sich
die Kontakte mit dem Totalitarismus auf ein paar ereignisarme Monate in
kommunistischen Kleingruppen in den 70er Jahren beschränkten.
## Selbstironie nur in Spurenelementen
Die konkrete Leidenserfahrung mit dem massenmörderischen Stalinismus
schrumpft bei dem Kabarettisten Dieter Nuhr darauf zusammen, dass seine
Scherze über „den Mittelaltermarkt in Eschwege und bekifften Hedonismus“
manche Organisatoren von Kleinbühnen nicht angemessen lustig fanden. „Ich
bin nicht links, ich bin erwachsen“, so Nuhr. Ein Bekenntnis, das halb
überzeugt.
Die meisten AutorInnen sind über 70 Jahre alt. Entspannte Altersweisheit
oder Selbstironie kommen nur in Spurenelementen vor.
Bemerkenswert ist der Beitrag der bayerischen Kabarettistin Monika Gruber.
Ihr Spin: Früher war die Welt heil, jetzt herrscht Verfall. Niemand will
mehr arbeiten, deutsche Frauen sind die Beute „von aggressiven
Männergruppen mit ‚südländischem Erscheinungsbild‘ “. Der Staat hat Corona,
„eine mittelschwere Grippe“ (Gruber), benutzt, um die Bürger zu
schikanieren. Albert Einsteins Satz, dass „gesunder Menschenverstand eine
Anhäufung von Vorurteilen ist, die man bis zum 18. Lebensjahr erworben
hat“, hat viel für sich.
Gruber versichert glaubhaft: „Ich war nie links.“ Das wirft die Frage auf,
was sie in einem Band mit dem Untertitel „Warum wir nicht mehr links sind“
verloren hat. Offenbar existieren Schnittmengen zwischen Ex-Linken und
Neurechten.
## Radikalisierter Individualismus
Manchen Ex-Linken hat, wie der Text von Matthias Brodkorb illustriert, die
Abkehr vom linken Kollektivdenken in einen radikalisierten Individualismus
geführt. Der berührt sich mit dem ichzentrierten rechtspopulistischen
Wutbürgertum à la Gruber, das sich vom Klimawandel, erfundenen Pandemien
und linkem Aktivismus den Feierabend nicht vermiesen lassen will.
Gruber kolportiert, in Wien sei „die Weihnachtsdekoration abgeschafft“
worden, während „Ramadan-Beleuchtung mit Steuergeld“ gefördert werde. Dass
ein bürgerlicher Verlag wie Kohlhammer sich an der Verbreitung von
rechtsextremen Falschmeldungen beteiligt, ist schon erstaunlich.
11 Apr 2026
## LINKS
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