# taz.de -- Ole Liebls Buch zu fragiler Männlichkeit: Das Problem sitzt im Saal
       
       > Ole Liebl seziert in seinem Buch die Gefühlswelt von Männern. Bei der
       > Lesung wird viel gelacht – unbequeme Fragen an das eigene Verhalten
       > bleiben aus.
       
 (IMG) Bild: Influencer Liebl: Autor von „Brutal fragile Männer“
       
       Müde, horny, hungrig. So oder so ähnlich fallen die Antworten aus, die
       Frauen von Männern auf die Frage „Wie geht’s dir?“ bekämen – als wäre es
       eine Checkliste mit 13 Auswahlmöglichkeiten. „Als Frau mit einem Mann
       befreundet zu sein, kann sich anfühlen, als wäre man ein kostenloses
       Beziehungs- und Beratungszentrum“, fasst Ole Liebl andersgeschlechtliche
       Freundschaften zusammen – und erntet Gelächter.
       
       Der Saal im Heimathafen in Neukölln ist prall gefüllt, das Publikum
       durchmischt. Der queere Autor und Influencer trägt eine weiße Rüschenbluse
       und strahlt, als dort am Donnerstagabend sein neues Buch „Brutal fragile
       Typen. Männer und Gefühle“ vorgestellt wird. Darin untersucht Liebl die
       männliche Unfähigkeit, mit Gefühlen umzugehen, die Frauen und Queere häufig
       beklagen. Unter der emotionalen Verkümmerung leiden auch Männer: Ihre
       Einsamkeits- und Suizidraten sowie ihr Drogenkonsum liegen deutlich über
       dem Durchschnitt von Frauen.
       
       [1][In den sozialen Medien boomt derzeit die Debatte um die „männliche
       Einsamkeitsepidemie“]. Studien zeigen: Männer haben weniger enge Freunde
       als Frauen. „Neu ist das nicht“, sagt Liebl. „Es trifft nur einen Nerv,
       weil sich die Ansprüche an Freundschaften verändert haben.“ Viele Männer
       könnten den gesteigerten Anforderungen aufgrund ihrer Sozialisation
       schlechter gerecht werden. Die Folge: Frauen übernehmen die emotionale
       Care-Arbeit und erschöpfen sich daran.
       
       ## Fokus auf Manosphere
       
       Unter den männlich gelesenen Publikumsgästen macht sich ein leises
       Unbehagen breit. Der Abend könnte für sie unbequem werden – wird er aber
       nicht. Denn der Fokus verschiebt sich schnell von den eigenen Reihen auf
       die offensichtlicheren Feindbilder: Incels (Männer, die sich als
       unfreiwillig enthaltsam verstehen) und die Manosphere. Liebl liest eine
       Passage, in der er ironisch beschreibt, wie er sich in der Lanxess Arena
       zusammen mit 7.000 anderen Gästen den antifeministischen Beziehungs-, Job-
       und Fitnesstipps von [2][Deutschlands einflussreichsten Maskulinisten, Kian
       Hoss und Philip Hopf,] lauscht.
       
       Das eigentliche Problem liegt aber nicht nur an den extremen Rändern,
       sondern sitzt mitten im Raum. Anstatt das eigene Verhalten kritisch zu
       hinterfragen und Verantwortung zu übernehmen, wird über offensichtlich
       toxisch und fragile Männlichkeit gelacht. Der Konsens ist bequem: Incels
       und Friedrich Merz sind scheiße, Feminismus notwendig.
       
       Dabei ist es Liebls erklärtes Ziel, genau nicht in diese Binarität zu
       verfallen: Männer sind schlecht, Frauen gut. Auch den Begriff „toxische
       Männlichkeit“ kritisiert er, da er Männer in „gute“ und „schlechte“
       einteile – und zudem [3][häufig rassistisch aufgeladen werde, wie zuletzt
       im Fall Collien/Ulmen durch Friedrich Merz.]
       
       „Ich will nicht auf männlichen Eigenschaften herumreiten“, sagt Liebl.
       Stattdessen wolle er Menschen als historisch geprägte Wesen begreifen und
       jene sozialen Prozesse kritisieren, die fragile Männlichkeit hervorbringen
       – etwa, dass man sich im Patriarchat „selbst zum Mann zu machen hat“.
       Häufig geschehe das über Rituale, die Einsamkeit, Schmerz und Misogyne
       beinhalten.
       
       ## Appell, gemeinsam für Geschlechtergerechtigkeit zu kämpfen
       
       Heute stünden Männer in einem Zwiespalt: Sie sehen sich sowohl mit
       patriarchalen als auch mit feministischen Erwartungen konfrontiert. Opfer
       seien sie dennoch nicht, betont Liebl – diese Erfahrung sei lange Frauen
       und queeren Menschen vorbehalten gewesen. „Sie haben es geschafft durch
       Schwesternschaft eine bessere Zukunft zu entwerfen“, sagt er. „Das müssen
       Männer jetzt auch tun.“ Sein Appell: Die Wut der Frauen auf die Männer muss
       sich in eine Wut aufs Patriarchat übersetzen – und die der Männer auf den
       Feminismus ebenso.
       
       Zurück bleibt ein wohliges, konstruktives Gefühl. Doch die existenziellen
       Konsequenzen patriarchaler Gewalt – etwa Vergewaltigungen und Femizide –,
       die im Buch durchaus thematisiert werden, bleiben an diesem Abend
       randständig. Liebl setzt auf Humor und ermöglicht damit Männern, die Lesung
       nicht mit Unbehagen oder dem Drang zur Veränderung zu verlassen, sondern
       mit einem beruhigenden Lächeln. Angesichts einer Realität, in der Frauen
       täglich Opfer misogyner Gewalt werden, wirkt das unzureichend.
       
       29 Mar 2026
       
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