# taz.de -- Über Faschismus reden: Jenseits der frenetischen Verteidigung von Phantombesitz
       
       > Faschismus oder Autoritarismus? Philosophin Eva von Redecker zu lesen
       > hilft, wenn es um das Schärfen von Begriffen und Gedanken geht.
       
 (IMG) Bild: Ein Ausnahmezustand wird ausgerufen: AfD-Veranstaltung in Brandenburg
       
       Die Philosophin Eva von Redecker weiß selbst auch nicht, „ob wir den
       Faschismus-Begriff wirklich brauchen“. Ob es also hilft, von Faschismus
       statt zum Beispiel von Autoritarismus zu reden, oder besser: wem es hilft.
       
       Gegen den Faschismus selbst hilft es aktuell jedenfalls nicht. [1][Fast 20
       Prozent AfD-WählerInnen] in einem insgesamt doch noch recht wohlbestellten
       Bundesland tief im Westen sind erschütternd. Wie schnell sich im
       Polit-Analyse-Sprech zur Wahl in Rheinland-Pfalz die Kurzschlussdeutung
       durchgesetzt hat, dass die SPD halt die Arbeiter an die AfD abgegeben habe,
       weil sie sich [2][mit dem Bürgergeld „zu sehr um Transferempfänger
       gekümmert“ habe], ist übrigens fast ebenso bestürzend. Der SPD auf diese
       Weise einfach mal die Verantwortung überzuhelfen („hättet ihr euch um die
       Arbeiter gekümmert!“), dient aber offenbar auch dazu, nicht noch mehr über
       das Erfolgsrezept der AfD zu sprechen. Denn dann müsste man ja vielleicht
       tiefer Luft holen.
       
       Das hat die oben erwähnte Eva von Redecker getan und dazu das Buch „Dieser
       Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“ geschrieben, das ich
       vergangene Woche auf der Leipziger Buchmesse [3][mit ihr vorstellen
       durfte].
       
       Wenn man sich schon über den Faschismus unterhalten muss, „dann möchte ich
       wenigstens die Begriffe klären“, sagte sie. Natürlich aber dürfe man das
       Heraufziehen des Faschismus auch nicht verpassen, „nur weil er nicht genau
       so aussieht wie vor 100 Jahren“.
       
       ## Herabsetzung, Erniedrigung, Härte
       
       Denn es gibt wichtige Faktoren, die den Faschismus neu machen. Als
       vielleicht wichtigsten nennt von Redecker die Individualisierung: weg von
       der Bewegung in der Masse, hin zum vereinzelten Starren auf den Bildschirm,
       in dem sich der Einzelne mit seiner Lust an der Herabsetzung und
       Erniedrigung, seinem Vernichtungsdrang spiegelt. Dazu: das weitere
       Vordringen der Prinzipien von Markt und Konkurrenz.
       
       Es macht das Herz enger, wenn bisher privateste Bereiche – etwa die eigene
       Aufmerksamkeit – rücksichtslos als Güter bewirtschaftet werden. Theodor W.
       Adorno und Max Horkheimer, in deren kritisch-theoretischen Fußstapfen Eva
       von Redecker unterwegs ist, haben das auch schon beklagt. Aber selbst sie
       wären wohl verblüfft, was die Internetplattformen in den Seelen der
       Menschen anrichten.
       
       Faschismus, sagt von Redecker, ist die besondere Härte, mit der Menschen
       etwas als Besitz verteidigen, was ihnen gar nicht oder längst nicht mehr
       gehört. Phantombesitz nennt sie das, analog zum Phantomschmerz. Viele
       Männer meinen, dass die Frauen ihnen (noch) gehören, und schlagen um sich.
       Viele meinen, dass das Land ihres sei, und bekämpfen alle, die von außen
       kommen. Ein Ausnahmezustand wird ausgerufen, um im Eigentumsrausch alles
       zerschlagen zu können, gerade auch das, was einem vermeintlich gehört, denn
       im Vernichtenkönnen beweist sich der Besitzanspruch.
       
       Nun steht in Rheinland-Pfalz alles noch an seinem Platz, jedenfalls soweit
       man hört. Manches an solchen Definitionen mag etwas theoretisch anmuten,
       wenn es doch ab sofort relativ praktisch darum geht zu vermeiden, dass im
       September die nächsten AfD-Wahlrekorde in Sachsen-Anhalt und
       Mecklenburg-Vorpommern aufgestellt werden.
       
       Aber wenn man so über die Begriffe nachdenkt, und ob sie zur eigenen
       Wahrnehmung passen, gerät die Vorstellungskraft in Bewegung. Ist
       irgendetwas an den derzeit verhandelten Politikvorschlägen geeignet, die
       Leute aus ihrem „frenetischen Selbstverteidigungsmodus“ (von Redecker)
       herauszuholen? Es hilft, über den Faschismus zu reden, will ich damit
       sagen. Schon allein, weil man sich beim Reden überlegt, wie ein Land
       jenseits dieses Drangs nach Härte aussehen sollte.
       
       29 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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