# taz.de -- Abschaffung der Demokratie: Was ist Faschismus?
> Faschistische Bewegungen leben von einem Nebel unterschwelliger
> Einstellungen, einem Kult der Härte und einer Freude an der Gemeinheit.
(IMG) Bild: Faschisten muss man nicht wörtlich, aber ernst nehmen: Protest gegen die Gründung des Berliner Jugendverbands der AfD am 07.02.2026
Die USA, das [1][Trump-Regime, ICE und die Maga-Irren] – ist das schon
Faschismus? Sind auch die rabiaten Rechtsparteien in Europa faschistisch,
die sich jedenfalls teilweise vom Rechtspopulismus über den
Rechtsextremismus immer weiter radikalisieren? Die Frage wird von immer
mehr Forschern mit Ja beantwortet. Die flott und vorschnell vorgetragene
Gegenmeinung lautet, dass Demokratie und Rechtsstaat ja nicht ausgeschaltet
seien, noch nicht einmal in den USA und schon gar nicht in Europa, wo die
meisten der beanstandeten Parteien ja in der Opposition oder irgendwelchen
Koalitionen sind.
Das ist natürlich ein äußerst dünnes Argument, da alle Faschisten der
Weltgeschichte in der Demokratie operierten, bis sie sie abgeschafft haben.
Dass ein Faschist in der Opposition kein Faschist ist, wäre eine krause
These.
Die Abschaffung von Demokratie, Pluralismus, Menschenrechten und
Rechtsstaat geht auch nicht schlagartig vor sich, sondern war in allen
historischen Phasen ein mehr oder weniger schleichender Prozess, sogar in
[2][Nazideutschland], für das der vertriebene Jurist Ernst Fraenkel in
einer legendären Studie den Begriff des „Doppelstaates“ prägte. Noch weit
in die späten dreißiger Jahre war der Rechtsstaat durch die Diktatur nicht
vollends zertrümmert. Gesetzlosigkeit und Willkür und Rechtsstaat bestanden
nebeneinander. Gerichtsentscheidungen, die den Nazis nicht passten, konnten
bloß nicht mehr durchgesetzt werden. Denn die Richter haben keine Militärs,
die sie losschicken können, die Macht dagegen hat ihre Gestapo, SA, SS, ICE
usw.
Es ist also zu billig, den Begriff des Faschismus nur für den totalitären
Endausbau eines Terrorregimes zu gebrauchen, aber nicht für die Schritte,
die zu ihm führen. Faschismus beginnt nicht mit Auschwitz, er endet damit.
Nicht nur der Faschismus, auch die Faschisten selbst sind gar nicht so
leicht zu definieren. Faschistische Bewegungen zeichnen sich durch eine
Reihe von Charakteristika aus: Führerkult, paranoide Weltbilder, die
permanent geschürt werden, ein absolutes Schwarz-Weiß-Denken,
antagonistische Feindbilder, vor allem von Minderheiten, aber auch gegen
innere Feinde. Aggression, die unablässig aufgepeitscht wird. Maximale
negative Emotionalisierung, um eine Anhängerschaft in eine erregte und
wütende Masse zu verwandeln. Die Anhängerschaft wird zur Bewegung erklärt
und die Partei zur „Antipartei“, die gegen die „Systemparteien“ steht.
Ein Großteil dieser Charakteristika wird von den rechtsextremen Bewegungen
in ihrer Spirale der Selbstradikalisierung zweifelsfrei erfüllt.
Über diese Charakteristika hinaus wird es schwierig, da der Faschismus
keine eigene Doktrin hat, wenn man vom (Ethno-)Nationalismus absieht. Der
Kollege Robert Pausch hat eben in der Zeit darauf hingewiesen: „Rechte
können zugleich Antisemiten und Israelfreunde sein, zugleich Pazifisten und
Militaristen, zugleich neoliberal und sozialistisch. Während die Linken
permanent unter Scheinheiligkeitsverdacht stehen, hatten die Rechten dieses
Problem bislang nicht. Eben weil Konsistenz für sie offenkundig keine
Kategorie zu sein schien – und sie auch nie daran gemessen wurden.“
Gegenwärtig schlagen die Ultrarechten, weitgehend unbemerkt von der
größeren Öffentlichkeit, wechselseitig aufeinander ein: Die einen sind
plötzlich Amerika-Fans und träumen von einer imperialen „Großraumordnung“
im Sinne ihres [3][Idols Carl Schmitt], die anderen können vom
hergebrachten rechten Antiamerikanismus nicht so schnell desertieren und
umschalten, und dass Deutschland außerdem ein kolonisierter Satrape
irgendeiner Hegemoniemacht sein soll, bringen sie mit nationalistischer
Gigantomanie auch nicht so leicht unter einen Hut.
Die krassen Inkonsistenzen des Faschismus sind aber gar nicht dessen
Schwäche. Etwaige Empfehlungen, auf diese Widersprüche den Finger zu legen,
gehen womöglich an der Sache vorbei.
Denn eines ist, sowohl historisch als auch gegenwärtig, das eigentlich
Interessante: Dass Faschismus ohne klare Doktrin und ohne fixe Prinzipien
auskommt, war immer die Stärke des Faschismus und erklärt teilweise sogar
seinen Erfolg. Er operiert geschmeidig unter sich wandelnden Umständen und
ist, wie das der US-Faschismusforscher Robert O. Paxton einmal in
unübertroffener Eleganz formulierte, ein „Nebel von unterschwelligen
Einstellungen“. Eine Stimmung, eine Haltung, die wiederum von Stimmungen
genährt wird, die ihr günstig ist. Kult der Härte, Freude an der Gemeinheit
und dem Fiesen, der Sadismus und das Herumgeopfer derer, die sich stets zu
kurz gekommen fühlen, destruktive Fantasien und die Ausmalung allerlei
Grausamkeiten, die man jenen antun möchte, die man für die eigene Unbill
verantwortlich macht.
Das ist das Grundrauschen, über dem sich dann jede Meinung zu jedem
beliebigen Problem erheben kann – oder auch die Gegenmeinung. Kein einziger
Denker, so Paxton, hat je ein philosophisches System des Faschismus
entwickelt. Er benötigt es nicht, weil er von „mobilisierenden
Leidenschaften“ getragen ist.
Das Theatralische des Faschismus, das Posenhafte von Anführern und
Agitatoren hat darin ihre Ursache: Sie können jede Meinung einnehmen, die
gerade beim Publikum den größten Erfolg verspricht, solange sie diese mit
der faschistischen Emotionalität zu verweben vermögen. Sie sind daher, mehr
noch als normale Politiker, Schauspieler des Politischen. Sie können
problemlos heute dies, morgen das Gegenteil sagen, und grinsen dabei noch
höhnisch ob ihrer altväterlichen Gegner, für die innere Konsistenz
wichtiger ist als für sie.
Deswegen auch die Dichte der exzentrischen Showmänner im faschistischen
Führungspersonal von Geschichte und Gegenwart. Noch der verbreitete Irrtum,
die Faschisten zu unterschätzen, mag darin seine Ursache haben, da man
ihnen ansieht, dass sie das, was sie sagen, ja oft nicht ernst nehmen und
selbst wissen, dass es haarsträubender Unsinn ist. Aber das ist ein
gefährlicher Fehler, denn die Bösartigkeit ist echt, nur die Opfer sind
austauschbar, je nachdem, wer gerade am besten passt. Man muss sie ernst,
aber nicht wörtlich nehmen.
10 Feb 2026
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