# taz.de -- Nachdenken über Faschismus: Wer staunt, begeht den ersten Fehler
> „Dieser Drang nach Härte“ von Eva von Redecker verwebt Beobachtungen,
> Gespräche und philosophische Konzepte zu einer eindringlichen
> Gegenwartsanalyse.
(IMG) Bild: Von Redecker fragt: Kommt der Faschismus wirklich wieder? Ist er vielleicht schon da? Woran könnte man das überhaupt festmachen?
Wer plündert, wird erschossen.“ Eva von Redecker entdeckt diesen
gnadenlosen Schriftzug beim Gang über einen Trödelmarkt auf einem
Blechschild. Zum harmlosen Geschichtskolorit verklärt, wird das
Überbleibsel aus der NS-Diktatur mit allerlei anderen zumindest
fragwürdigen Memorabilien feilgeboten. Doch es ist weniger der Gegenstand
als solcher, als vielmehr der Satz in seiner Essenz, von dem aus von
Redecker in ihrem neuen Buch „Dieser Drang nach Härte“ ihre Überlegungen
zum Faschismus entfaltet. Ihre These lautet: Faschist:innen behaupten,
etwas vor vermeintlichen Plünderern zu verteidigen, was ihnen gar nicht
gehört: „ihre“ Frauen, „ihr“ Land, „ihre“ Werte. Indem sie es verteidigen,
machen sie all das erst zu ihrem Eigentum.
Doch was ist eigentlich Eigentum? Von Redecker erklärt es sehr plastisch:
Eigentum entsteht durch zwei Schnitte. Der erste Schnitt stanzt wie eine
Ausstechform etwas aus der Welt heraus. Land, Pflanzen, Tiere, sogar
Menschen. Jetzt ist es verfügbar, beweglich und verkäuflich. Der zweite
Schnitt teilt das Herausgelöste nochmals in zwei Teile: in das Wertvolle
und das Wertlose. Eigentum ist nicht nur Ware, sondern immer auch Abfall.
Besonders Emissionen, Plastik, Ewigkeitschemikalien oder Abwässer
verschwinden jedoch schnell aus der Rechentabelle, während sie in der
materiellen Welt teils sehr lang existieren. Der moderne Begriff von
Eigentum beinhaltet noch etwas: das Recht auf Missbrauch und Zerstörung,
das ius abutendi. Ich darf mein Haus anzünden, meinen Fluss vergiften, mein
Pferd töten. „Meine“ Frau umbringen?
Das Buch ist eine Stopptaste. Es zwingt die Lesenden näher an Dinge, die
man doch so gerne als das Undenkbare von sich weghalten möchte: Kommt der
Faschismus wirklich wieder? Ist er vielleicht schon da? Woran könnte man
das überhaupt festmachen? Daran, dass so viele Mitmenschen die AfD wählen,
dass der Bundeskanzler von „diesem Problem im Stadtbild“ spricht, dass die
EU ihre Grenzen mit äußerster Gewalt vor Flüchtenden versperrt? Wer hier
ins schockierte Staunen verfällt, begeht laut von Redecker einen
schwerwiegenden Fehler. Mit Walter Benjamin erinnert sie: „Das Staunen
führt in die Irre, weil es – als Staunen – unterstellt, dass das Geschehene
unerwartet, unwahrscheinlich, eine Ausnahme ist.“
Im Staunen verweigern wir uns, ein Muster zu erkennen, das sich längst aus
vielen Einzelfällen zusammensetzt. Wir schützen unseren Fortschrittsglauben
und schmiegen uns an die bequeme Vorstellung, formelhafte
Erinnerungspolitik genüge, um den Faschismus in die Vergangenheit zu
bannen. Und hier nimmt von Redecker zwei wichtige Setzungen vor. Erstens,
wenn „Faschismus“ durch seinen Bezug auf die Vergangenheit enttarnt werden
soll, läuft das Wort in Deutschland Gefahr, nutzlos zu werden: „Wir
befinden uns im Land der Täter. Irgendetwas findet man immer.“
Zweitens, „wenn wir nur wissen, dass etwas falsch ist, weil es dem NS
vergleichbar ist, haben wir offenbar alle belastbaren Begriffe von Recht
und Gerechtigkeit in der Politik verloren.“ Die Suche nach einem Begriff
des Faschismus muss ihn als politisches Instrument begreifen. Er muss seine
Schuldigkeit nicht nur der Vergangenheit beweisen, sondern ebenso der
Gegenwart und der Zukunft.
## Gefühl der beklemmenden Überforderung
Philosophisch wie poetisch stellt von Redecker unser Verständnis von Zeit
deshalb in mehrfacher Weise infrage. Denn Zeit ist mehr als ein
historisches Maß oder eine physikalische Dimension. Sie ist gelebter Bezug.
Die Digitalisierung, die Privatisierungen von Gemeingütern, die global
immer größer werdende Schere zwischen Überreichtum und absoluter Armut
verändern diesen Bezug. Um das Gefühl, kaum noch eine Zukunft zu haben und
dabei immer schneller aus der Gegenwart vertrieben zu werden, zu
beschreiben, leiht sich von Redecker den Begriff der „Unzeit“ von Ernst
Bloch. Die Unzeit zeichnet sich durch eine beklemmende Überforderung aus.
Sie entsteht in einem Vakuum der zermürbenden Langeweile, in dem man
zwischen den Hindernissen der Bürokratie den Überblick verliert und oft
auch die Handlungsfähigkeit.
Raum für den Faschismus entsteht in der durch Kapitalismus und
Neoliberalismus zerfaserten Zeit dann, wenn für einige Wenige selbst aus
einer zerstört imaginierten Zukunft noch wirtschaftliche Chancen geschlagen
werden können. Sei es, wenn Steuersenkungen für die Reichsten den
Sozialstaat erodieren, Investor:innen das Recht auf Wohnraum zum Fraß
vorgeworfen wird oder die Industrialisierung der Landwirtschaft immer mehr
Landwirt:innen in den Ruin treibt. Trotz Subventionen, weil auch diese
nach Betriebsgröße und nicht nach Bedarf vergeben werden. Die Suizidrate
unter Landwirt:innen ist überdurchschnittlich hoch. In der Forschung
wird das Phänomen „death by despair“ genannt.
Doch die Tödlichkeit des Kapitalismus greift viel weiter um sich: Sie wird
vom Bedürfnis derer befeuert, die ihre alten rassistischen und sexistischen
Phantombesitzansprüche über Menschen und Natur wiederherstellen möchten.
Diskriminierte Gruppen wissen allzu schmerzlich darum, auch wenn sich die
Form der Bedrohung oft stark unterscheidet. Um diesen unterschiedlichen
Gewaltformen gerecht zu werden, werden oft immer länger werdende Listen
erstellt. Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Klassismus werden stetig
ergänzt: „Homophobie, Ableismus, Transphobie“ – von Redecker sagt, sie habe
wie viele ein Unbehagen beim Erstellen solcher Listen. Und doch beharrt sie
auf der Mühsal der Verschiedenheit, denn: „Alles zu hassen ist offenbar
sehr viel leichter, als allem in seiner Besonderheit gerecht zu werden.“
In Rückbezug auf Adorno betont von Redecker, dass die Dialektik der
Aufklärung mit Nachdruck auf der Austauschbarkeit der Juden und Jüdinnen
als Opfergruppe beharrt – nicht auf ihre Exklusivität. Sie verweist auch
darauf, dass der Faschismus dem Kapitalismus und Neoliberalismus nicht per
se innewohnt. Beides schafft jedoch die Voraussetzungen dafür, dass er
entstehen kann. Damit widerspricht sie der Sichtweise neoliberaler
Wirtschaftswissenschaftler wie Milton Friedman oder Friedrich von Hayek.
Diese deuteten Hitlers Machtergreifung maßgeblich als Produkt der
vorangegangenen Wirtschaftskrise.
Für alle, die sich in der Einleitung darüber gewundert haben, wie
ausgerechnet der Eigentumsbegriff die theoretische Hauptlast eines neu
definierten „Faschismus“ tragen soll, entfaltet sich später im Buch eine
schmerzhafte Klarheit: Wenn Zukunft zum Eigentum Weniger wird, maßen diese
sich an, ihre Lust an der Zerstörung und Härte entfesselt auf die Welt
loszulassen. Sie machen damit die Sterblichkeit allen Lebens zum selbst
verschuldeten Makel der Einzelnen. Ob dieses Phänomen der altbekannte
Faschismus ist oder etwas Neues, ist letztlich zweitrangig. Begriffe
erhalten ihre Berechtigung durch ihre Brauchbarkeit.
Dieses Buch mäandert zwischen politischer Streitschrift, theoretischer
Verdichtung und poetischer Feinfühligkeit. Die Autorin vertraut nicht nur
ihrer eigenen Stimme, sondern auch jenen anderer Denker:innen –
Kritischen Theoretiker:innen, Abolitionist:innen,
Klimawissenschaftler:innen, Freund:innen. Mit großer Klarheit öffnet von
Redecker einen Raum jenseits des Staunens, in dem unser Bedürfnis nach
Verbundenheit und Verletzlichkeit in aller Ernsthaftigkeit gedacht werden
kann – und eine Antwort auf die Härte unserer Gegenwart aufscheint.
16 Mar 2026
## AUTOREN
(DIR) Henriette Hufgard
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