# taz.de -- Die SPD und ihre frühere Kernklientel: „Ich arbeite, ich liefere – das ist, was zählt“
       
       > Warum wenden sich immer mehr Arbeiter:innen der AfD zu, obwohl deren
       > Politik ihnen schadet? Ein Blick in eine Kleidungsfabrik in
       > Rheinland-Pfalz.
       
 (IMG) Bild: Die SPD hat in Rheinland-Pfalz deutlich an Luft verloren
       
       Auf den ersten Blick ist es unerklärlich. Bei der Landtagswahl in meiner
       [1][Heimat Rheinland-Pfalz hat die AfD am stärksten unter
       Arbeiter:innen abgeschnitten]. Dabei hilft den Arbeiter:innen eine
       rechtsextreme Politik garantiert nicht. Gleichzeitig laufen der SPD
       scharenweise die Arbeiter:innen davon. Während die SPD das schlechteste
       Ergebnis ihrer Landesgeschichte einsteckte, konnte die AfD ihr Ergebnis
       verdoppeln.
       
       Ich kenne die Menschen, die hinter diesem Trend stehen. Mein Vater arbeitet
       in einer Kleidungsfabrik in Rheinland-Pfalz. Einige seiner Kolleg:innen
       wählen AfD. Es ist eine irrationale Wahlentscheidung. Aber eine, die auf
       eigenen Erfahrungen beruht.
       
       Da ist zum Beispiel ein junger Kollege meines Vaters: Er hat bei der
       letzten Bundestagswahl die SPD gewählt, bereut es jedoch in unserem
       Gespräch letzten Sommer. Er würde sich nun eindeutig für die AfD
       entscheiden. „Warum ihnen nicht eine Chance geben? Schlimmer kann es eh
       nicht mehr werden“, sagte er mir. Hoffnung, dass sich durch gemeinsames
       Anpacken etwas verändern könnte? Fehlanzeige. Stattdessen dominiert in der
       Fabrik eine fatalistische Abstiegsangst.
       
       Laut einer aktuellen ARD-Umfrage glauben 71 Prozent der Befragten nicht
       mehr, dass die SPD eindeutig auf der Seite der Arbeitnehmer:innen
       steht.
       
       ## Rechtes Erfolgsrezept
       
       Was daraus folgt? Manche nehmen diese Trends als Antrieb für eine härtere
       Gangart gegenüber Sozialhilfeempfänger:innen und Migrant:innen.
       Und genau das ist das Erfolgsrezept der AfD, Tugenden wie Fleiß und
       Leistungsbereitschaft anzusprechen – genau jene, die Arbeiter:innen für
       sich beanspruchen. Es ist ihr Weg, ihren Platz in der Gesellschaft zu
       behaupten.
       
       Ja, die Kolleg:innen meines Vaters stören sich an Menschen, die aus
       ihrer Sicht nur beziehen und nichts leisten. „Ich habe nie einen Cent an
       Sozialleistungen genommen. Ich arbeite, ich liefere – das ist, was zählt“,
       sagt mir einer von ihnen.
       
       Aber dass sie ihre Abneigung nach unten richten, hat viel damit zu tun,
       dass sie nach oben erfolglos waren, Anerkennung für sich zu erkämpfen:
       Niederlagen bei Lohnverhandlungen gegenüber dem Fabrikbesitzer, ein
       Management, das Arbeitsprozesse verändert, ohne die Arbeiter:innen mit
       ihren Erfahrungen zu beteiligen, oder auch eine simple und dennoch
       ungehörte Forderung nach einer Klimaanlage in der Produktionshalle für
       Hitzetage.
       
       Aus ihren Berichten verstehe ich: Jede dieser Niederlagen versagt ihnen ein
       Stück gesellschaftliche Anerkennung. Jahrzehntelange gesellschaftliche und
       ökonomische Entwicklungen hatten ihre Verhandlungsposition als Gruppe
       geschwächt.
       
       ## Schwache Gewerkschaften
       
       Und Eliten in Politik und Verbänden tragen auch Schuld daran: Im Betrieb
       meines Vaters entstand die kollektive Schwäche auch durch den großflächigen
       Einsatz von Zeitarbeiter:innen, die oft gehen, kurz nachdem sie kamen –
       politisch ermöglicht durch die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts zu Beginn
       der 2000er Jahre. Entsprechend sind nur wenige in dieser Fabrik
       Gewerkschaftsmitglied, die Gewerkschaften können so kaum Schlagkraft
       entwickeln.
       
       [2][Wie stünde die SPD nun eindeutig an der Seite meines Vaters und seiner
       Kolleg:innen]? Indem sie Bedingungen schafft, unter denen
       Arbeiter:innen die Machtverhältnisse in der Arbeitswelt zu ihren
       Gunsten ändern können. Es wäre ein Anfang, prekäre
       Beschäftigungsverhältnisse abzuschaffen und eine stärkere Mitsprache im
       Betrieb zu ermöglichen. Um sich anerkannt zu fühlen, brauchen
       Arbeiter:innen ihren Blick dann nicht mehr nach unten zu richten.
       
       25 Mar 2026
       
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