# taz.de -- Doku „Friendly Fire – Erich Fried“: Nach der eigenen Identität suchen
> Im Dokumentarfilm „Friendly Fire – Erich Fried“ macht sich dessen Sohn
> Klaus Fried auf die Spuren des Dichters. Dessen Texte prägten den Sound
> der 68er.
(IMG) Bild: Erich Fried beim Streicheln in „Friendly Fire – Erich Fried“
Zwei Männer durchstreifen, nicht ganz sicher auf den Füßen, den
wildbewachsenen Hügel des Kensal Green Cemetary in London, wo ihr Vater
[1][Erich Fried seit 1988 begraben liegt. Das Ehrengrab des Lyrikers,
Essayisten, Shakespeare-Übersetzers und politischen Aktivisten] würdigt den
einst aus Wien nach England Geflohenen mit der deutschen Berufsbezeichnung
Dichter. Die Brüder Klaus und Hans Fried stellen beiläufig fest, dass der
unbehauene Felsklotz der Grabstelle von einem Spalt durchzogen ist, zu
dessen Reparatur sie sich in der ihnen vertrauten Sprache Englisch
verabreden.
Der britische Filmemacher Klaus Fried setzt mit dieser Szene die
atmosphärische Tonlage seines Dokumentarfilms „Friendly Fire“. Risse und
Widersprüche versucht er offenzulegen, verbunden mit der Sorge, dass die
Ideologien und Kriege, die seinen Vater verfolgten und umtrieben, in den
aktuellen Krisen wiederkehren.
Die deutsch-österreichische Produktion zeigt Klaus Fried fast immer vor der
von Ralf Ilgenfritz einfallsreich geführten Kamera. Regisseur und
Protagonist in einer Person begibt er sich ständig vorwärtsstürmend auf die
Spurensuche nach dem zu Lebzeiten oft abwesenden und für seine Kinder
schwer fassbaren Vater. Man folgt ihm auf verregneten Londoner Straßen,
sieht ihn im Zug Richtung Österreich erschöpft schlafen, erlebt ihn, wie er
schwarzhumorige Anekdoten mit seinen zwei Geschwistern und drei
Halbgeschwistern austauscht.
Ursprünglich sollten Klaus und sein Zwillingsbruder Tom, so die
Familienlegende, nach Ernesto Che Guevara und Herbert Marcuse genannt
werden – ein Albtraum, denn dann wären sie für den Rest der Welt Ernie und
Bert aus der „Sesamstraße“ geworden.
## Stereotype Archivbilder dekonstruieren
Klaus, Tom und ihre Schwester Petra sind Erich Frieds Kinder aus der
dritten Ehe des „Froschkönigs“ mit der Bildhauerin Catherine Boswell Fried.
Sie hielt fünfundzwanzig Jahre den Haushalt zusammen, während der Künstler
zu literarischen, politischen und amourösen Events Richtung Kontinent
aufbrach. Österreich verlieh ihm die vom Hitler-Regime entzogene
Staatsbürgerschaft neu, ein filmisch dokumentierter Anlass, die ihm fremd
gewordene Stadt wiederzusehen.
Auch der Filmemacher besitzt einen österreichischen Pass, hatte jedoch als
Kind keine Berührung mit der Sprache des Vaters. Und so sucht er in seinem
Film auch nach den Wurzeln der eigenen Identität. Skepsis spiegelt sich im
Gesicht des 57-Jährigen, der seinem Vater verblüffend ähnlich sieht. Wissen
möchte er, wie es kam, dass er im offenen Haus der Eltern immer neuen
Gästen, unter ihnen [2][Rudi Dutschke], Fritz Teufel, Astrid Proll und
RAF-Mitglieder, sein Bett abtreten musste.
Der jeweils subjektive Blickwinkel der Geschwister ergänzt sich mit
Zeugnissen aus Frieds Nachlass und einer Fülle zeitgeschichtlicher
Filmclips zu einem Puzzle, das die Karriere des literarischen Popstars vor
dem historischen Hintergrund der 1960er bis 1980er Jahre nachzeichnet.
Julia Albrecht, die Editorin und Co-Regisseurin, hat es meisterlich
geschafft, Statements unterschiedlichster Gesprächspartner zu stringenten
Geschichten zu verdichten und stereotype Archivbilder zu dekonstruieren.
Die Idiotie der Nazi-Ideologie illustriert sie beispielsweise mit einem
Filmausschnitt, der nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen vom endlich
durchgesetzten „Rechtsfahren“ dort schwärmt. Anderswo lässt sie
Jubelparaden der Nazis rückwärts laufen oder aber unterstreicht Frieds
Engagement gegen den Vietnamkrieg mit Bildern einer Bordkamera, die das
Flächenbombardement am Boden zu feiern scheint. Über den Bilderwirbel legt
sich die sonore Stimme des Dichters, wenn der begnadete Performer aus dem
Off seine aphoristischen Sinngedichte vorträgt, die den Sound der 68er
mitprägten.
## Ein emphatischer, radikal antitotalitärer Linker
1921 geboren, wuchs Fried in einer nichtreligiösen jüdischen Familie im
neunten Wiener Gemeindebezirk auf. Wegen einer Nervenkrankheit (die er dem
Filmemacher vererbte) in seiner Bewegung eingeschränkt, floh er früh gegen
die Demütigungen durch seinen autoritären Vater in die Welt der Bücher.
Nachdem er mit sechs die getöteten Opfer einer polizeilichen Willküraktion
gesehen hatte, erklärte er sich zum Kommunisten. Bis zu seinem Tod blieb er
ein emphatischer, radikal antitotalitärer Linker, der auch die Politik
Israels scharf kritisierte.
Als Erich Frieds Vater unter der Folter der Gestapo starb, floh der
Siebzehnjährige mit einem Kindertransport nach England, lebte von Jobs bei
einer Flüchtlingsorganisation und begann zu schreiben. Ab den 1950er Jahren
für das deutsche Programm der BBC tätig, konnte er in Klaus Frieds Kindheit
die große Londoner Familie als freier Schriftsteller ernähren.
Die „feurige“ Collage „Friendly Fire“ erzählt anders als ihr Titel von der
Aussöhnung des Sohnes mit dem Vater. Der Film erkundet, wie die erlittenen
Traumata Erich Frieds Lebensentwurf prägten, seinen unbedingten Willen, als
deutscher Schriftsteller die gestohlene Identität zurückzuholen und im
kulturellen Diskurs der Bundesrepublik gehört zu werden.
30 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /100-Geburtstag-von-Erich-Fried/!5769489
(DIR) [2] /Zum-Dutschke-Attentat-vor-50-Jahren/!5494757
## AUTOREN
(DIR) Claudia Lenssen
## TAGS
(DIR) Dokumentarfilm
(DIR) Dichter
(DIR) Vater-Sohn-Beziehung
(DIR) Friedensbewegung
(DIR) Judenverfolgung
(DIR) Schwerpunkt 1968
(DIR) männertaz
(DIR) Film
(DIR) Spielfilm
(DIR) Wahl Österreich
(DIR) 100. Geburtstag
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Zum Vatertag: Briefe an den Vater
Nach dem Vorbild von Franz Kafka schreiben sechs Söhne an ihre Väter. Über
Distanz, Abwesenheit, Geld und Herkunft. Sowie Schmerz und Dankbarkeit.
(DIR) Kurzfilmtage Oberhausen: Aus Licht Magie machen
Bei den 72. Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen gewinnt „Opera“ von
Igor Zelić gleich mehrere Preise. Im Themenprogramm wurde über KI
diskutiert.
(DIR) Film „Lina Braake“ wieder im Kino: Subversive Widerständigkeit im Privaten
Bernhard Sinkels Debüt „Lina Braake“ von 1975 läuft wieder im Kino. Die
Komödie um Recht, Unrecht und Rache zeigt die anarchischen Tricks „kleiner
Leute“.
(DIR) Filmfestival Diagonale in Graz: Wer genau hinsieht, hat mehr vom Leben
Die Diagonale in Graz bietet eine Leistungsschau österreichischen
Filmschaffens. Besonders überzeugt sie aber durch kundig kuratierte
Programme.
(DIR) 100. Geburtstag von Erich Fried: Der unversöhnliche Philanthrop
Er war ein unbequemer Schriftsteller zwischen allen Stühlen. Dennoch ist
lohnenswert, das Werk von Erich Fried zum 100. Geburtstag neu zu entdecken.