# taz.de -- Zum Verhältnis von Kunst und Blindheit: Wenn man das Bild nicht sehen kann
       
       > Wie können auch Nichtsehende einen Zugang zu bildender Kunst erhalten?
       > Dieser Frage geht die Kunsthalle Bremen in der Schau „Kunst fühlen“ auch
       > nach.
       
 (IMG) Bild: Auch Edgar Degas litt unter einer Augenerkrankung. Hier zu sehen: ein Ausschnitt seiner „Tänzerin“, entstanden um 1895/99
       
       Berlin taz | Peter Schloss klebt Punkte an die Wand. Punkte, die etwas
       bedeuten. Aber entziffern wird ihre Botschaft nur können, wer sich mit dem
       Braille-Code vertraut gemacht hat, also der Blindenschrift. „Der Text wird
       auf keiner Hinweistafel in der Ausstellung in lateinischen Schriftzeichen
       wiedergegeben“, hatte der Kölner Künstler bei einem Treffen in der Bremer
       Kunsthalle versprochen. Mittlerweile ist dort die Ausstellung „Kunst
       fühlen“ eröffnet.
       
       Das Schildchen neben Peter Schloss’ Fries aus dunklen Punkten informiert
       jetzt darüber, dass die Arbeit den Titel „How To Do Things With Words“
       trägt und 2024 entstanden ist. Schloss verwendet Punkte aus Moosgummi,
       Filz, auch Sandpapier, manche sind glatt, andere rau, wieder andere
       knubbelig. „Das ermöglicht typografische Effekte, die es vorher in Braille
       so nicht gab“, so Schloss. Aber das erkennt, wer das Kunstwerk berührt. Wer
       es nur anschauen will, den schließt es aus, so wie blinde und sehbehinderte
       Menschen von Museen und Galerien meistens ausgeschlossen sind.
       
       Mit vollem Titel heißt die Bremer Ausstellung: „Kunst fühlen. Wir. Alle.
       Zusammen.“ Der Zusammenhang von Kunst und Sehverlust ist nur eines der
       Themen, die in ihr aufkommen. Sie lässt 16 Werke der Gegenwartskunst 10
       kanonischen Stücken aus der Sammlung der Kunsthalle begegnen – von
       Frühbarock bis zur klassischen Moderne, von [1][Hendrick Goltzius] über
       Francisco de Goya bis [2][Lovis Corinth.]
       
       Auch Henri de Toulouse-Lautrec ist dabei, die Impressionistin Mary Cassatt
       und ihr Freund und Kollege Edgar Degas. Sie alle waren im Laufe ihres
       Lebens körperlich beeinträchtigt und brachten daraus eigene künstlerische
       Wege der Welterfassung und -gestaltung hervor. In der Kunsthalle zu sehen
       ist etwa Henri Matisses ikonische, ab 1941 entstehende Bildfolge „Jazz“.
       Deren eigentümliche „Découpage“-Technik hatte Matisse entwickelt, als er
       infolge einer Darmkrebserkrankung nicht mehr malen konnte. Oder Zorka
       Lednárová: Die in Bratislava geborene Berliner Künstlerin nutzt mitunter
       die Reifen ihres Rollstuhls, auf den sie seit 2012 angewiesen ist, zum
       Farbauftrag. So hat sie mit ihm, in brutalem Schwarz für „My Body An
       Obstacle“(2021), acrylbunte Silhouetten auf Rohleinwandbahnen überfahren.
       
       ## Die besonders radikale Wendung einer Frage nach Teilhabe
       
       Konzipiert hat die Schau ein Team von Menschen mit und ohne Diagnose, unter
       anderem unterstützt von Lara Franke, der Inklusionsreferentin im Museum.
       „Wir. Alle. Zusammen.“ – Der etwas stolpernd interpunktierte
       Ausstellungstitel wirft die Frage nach Teilhabe an der Kunst auf. Das fängt
       schon mit der sehr leichten Übung an, Bilder so zu hängen, dass auch
       Kinder, kleinwüchsige Menschen, Rollstuhlnutzer*innen sie sehen
       können. Zu ihrer Radikalität findet diese Frage aber im Verhältnis von
       Blindheit und bildender Kunst. Denn „Blindheit symbolisiert in ihr das
       Ganz-Andere“, resümiert Lilian-Fabian Korner. Korner ist
       Inklusionsaktivist*in und Kunsthistoriker*in aus Frankfurt am
       Main.
       
       Eine für die Kunsttheorie wichtige Formulierung dieses Verhältnisses zum
       „Ganz-Anderen“ stammt vom barocken Kunstkritiker Roger de Piles, der in
       seinem „Cours de Peinture“ 1708 die Erzählung von einem blinden
       toskanischen Bildhauer und Zeichner aufbrachte. Der habe viele damalige
       Promis porträtiert, etwa den französischen Staatsrat Louis Hesselin. Den
       Namen des Künstlers aber verschweigt de Piles. Seither geistert der
       Anonymus fast wie ein Running Gag als Denkfigur durch die Kunsttheorie, um
       die Grenzen und Hierarchie von Malerei, Bildhauerei und Zeichnung zu
       klären.
       
       Gleichzeitig kennt die Kunstgeschichte genügend namhafte Maler*innen,
       die sich aufgrund ihres mangelnden Sehvermögens gezwungen sehen aufzugeben
       – oder ihre Kunst zumindest zu ändern. Wie Mary Cassatt. Nach zahlreichen
       Katarakt-Operationen verzichtet sie auf selbst zu mischende Ölfarben.
       Stattdessen verwendet sie Pastellkreide, neigt in ihren späten Gemälden zu
       Ocker- und Brauntönen, was auf den Gelbfilter zurückzuführen sei, den die
       Augenlinse bei einem grauen Star erzeugt, wie kürzlich die in Madrid
       lebende Augenärztin Carmen Fernández Jacob beobachtete.
       
       Andere, wie Heinrich Nüsslein, der wegen seiner Sehbehinderung von der
       Kunstakademie ausgeschlossen wurde, nutzen den Topos vom „Blinden Seher“
       für sich: In den 1920er Jahren wird er international als Meister
       mediumistischer Malerei gefeiert. Manche Bilder malt er vor Publikum in
       komplett verdunkelten Räumen. Wie nahe dieses „automatische Malen unter
       Ausschaltung des Wachbewusstseins“ [3][den Experimenten des Surrealismus]
       kommt, hatten Zeitgenossen durchaus erkannt, doch nicht der Kunstmarkt und
       die Museen.
       
       ## Mehr blinde Menschen als Kunstmotiv
       
       Auch heute tun die sich noch schwer gegenüber behinderten Künstler*innen,
       insbesondere blinden. Konzeptkünstlerische Versuche Sehender, die Erfahrung
       von Nichtsehenden zu erfassen, wie von der Französin Prune Nourry, die mit
       verbundenen Augen [4][Büsten schafft und in blickdichten Räumen ausstellt],
       sind offenbar leichter zu verkaufen als, beispielsweise [5][Bianca
       Raffaellas weißliche, flackerige Malerei]. Auf hellen Leinwänden lässt die
       erste gesetzlich blinde Kunst-Absolventin der Londoner Kingston School of
       Art Gegenstände und zarte Blüten nur ungewiss auftauchen.
       
       Forschung zum Thema gibt es, aber [6][eher in den USA], in Großbritannien,
       auch [7][in Frankreich]. In Deutschland steht noch immer Volkmar Mühleis’
       vor 20 Jahren veröffentlichte phänomenologische Studie zu „Kunst im
       Sehverlust“ recht allein da. Mühleis fordert dazu auf, Kunst möglichst zu
       ertasten und „das Sehen so weit zu beleuchten, wie es ins Nicht-Sehen
       reicht“.
       
       Blinde Menschen, nicht als Künstler*innen, sondern als Motiv der Kunst,
       tauchen hingegen seit der Neuzeit vielfach auf. Für diese Tradition sei
       „Blindheit ein Rätsel oder eine Metapher“, heißt es in Lilian-Fabian
       Korners Aufsatz „Ästhetik Blinder Tastempfindungen“. Es gibt eine ganze
       Flut von Darstellungen, die Blinde als Medien einer dem Blick
       verschlossenen Welt des Inneren und des Übersinnlichen, als Verkörperungen
       der Gerechtigkeit, als klägliche Bettler oder als feindselige Allegorie des
       verstockten Volkes Israel zeigen.
       
       Oft überlagern sich die Motive, wie in Pieter Bruegels „Blindensturz“, das
       vor niederländischer Dorfkulisse eine Gruppe tölpeliger, armseliger, teils
       geblendeter, teils augenloser Männer kurz vor dem Fall in einen Graben
       zeigt. Wie die meisten Blinden, die in der Kunstgeschichte auftauchen, sind
       [8][sie komplett blind]. Das betont die vermeintliche Andersartigkeit. Im
       wirklichen Leben trifft das nur auf eine kleine Minderheit der [9][über
       500.000 stark sehbehinderten Menschen] in Deutschland zu.
       
       Soll bildende Kunst für diese Menschen zugänglich gemacht werden, geht es
       nicht nur um Genuss, auch nicht um das Prinzip, einen Rechtsanspruch auf
       Teilhabe zu verwirklichen. In einer von Bildern beherrschten Gegenwart sind
       Blinde unmittelbar betroffen von der Bildproduktion. Gerade die Kunst
       entwickelt und kommuniziert in Gemälden, Installationen und Plastiken
       Konzepte, deren Verständnis eben „nicht von spezifischem Vorwissen oder
       individueller Wahrnehmung abhängen“, wie der Disability-Forscher Simon
       Hayhoe [10][es beschreibt]. Allerdings wird ein Verständnis erschwert, wenn
       Museen mit dem Imperativ „Bitte nicht berühren!“ die Kunst für Nichtsehende
       überhaupt nicht wahrnehmbar werden lassen.
       
       ## Eine Camille-Claudel-Bronze ertasten
       
       Dabei wäre das Ertasten eine Möglichkeit, Zugang zur Kunst zu finden. Man
       müsste eigentlich „ans Original gehen“, so Korner. „Das ist ja auch das,
       was die sehenden Menschen wahrnehmen.“ Diese von Elisabeth Salzhauer Axel
       und Nina Sobol Levent 2003 in der Schrift „Art Beyond Sight“ propagierte
       Praxis hat man in der Kunsthalle Bremen vor Jahren schon aufgegriffen. So
       gibt es Tastführungen mit Handschuhen an kostbaren Originalen.
       
       Die gestalterischen Gesten einer [11][Camille Claudel] lassen sich dann an
       ihren Bronzen körperlich nachvollziehen. Das kann eine geradezu
       berauschende Nähe schaffen – und eine räumliche mitunter auch bildliche
       Vorstellung. Auch zeigt die Kunsthalle Bremen Nachbildungen von Gemälden
       als Relief, deren Aufbau, Proportionen oder Perspektive sich durch das
       Ertasten der Oberfläche erschließen lassen. Und es gibt Audiodeskriptionen:
       „Das Mädchen füllt die Fläche des 90 mal 61 Zentimeter großen Bildes
       weitgehend aus“, informiert eine Stimme über Paula Modersohn-Beckers
       „Worpsweder Bauernkind“.
       
       „Diese Texte finde ich ausgesprochen gut“, meint Joachim Steinbrück.
       Steinbrück, seit 55 Jahren erblindet, war Richter, dann Jahre lang
       Landesbehindertenbeauftragter. Dass nicht nur die Kunsthalle in Bremen
       zugänglicher werden will, ist auch sein Verdienst. Er saß im „Kunst
       fühlen“-Kuratorium. Und er besitzt privat ein Kunstwerk. Einen Wandteppich
       mit abstrakten Formen, die an eine toskanische Landschaft erinnern könnten.
       
       „Da habe ich mir eine Vorstellung zu gemacht“, sagt er. „Ob das dem
       entspricht, was dieses Bild zeigt, das weiß ich bis heute nicht.“ Um diese
       Vorstellungen von Kunst, diesen sinnlich-zerebralen Schatz, der jedem offen
       steht, darum geht’s.
       
       15 May 2025
       
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 (DIR) [7] https://journals.openedition.org/questionsdecommunication/37589?lang=en
 (DIR) [8] http://eprints.lse.ac.uk/107023/
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 (DIR) [11] /Claudel-Hoetger-Ausstellung-in-Bremen/!6061779
       
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