# taz.de -- Polizei-Umgang mit psychisch Erkrankten: Diagnose Risiko
       
       > Die Berliner Polizei will potenziell gefährliche Menschen mit psychischer
       > Erkrankung erfassen. Bürgerrechtler:innen sehen eine fatale
       > Entwicklung.
       
 (IMG) Bild: Nicht der sozialpsychiatrische Dienst: Berliner Polizist:innen im Bahnhof Alexanderplatz
       
       Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel hat angekündigt, dass die
       Polizei Menschen mit psychischen Erkrankungen, die sie als potenziell
       gefährlich einstuft, künftig gezielter erkennen und von möglichen
       Straftaten abhalten will. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte
       Slowik Meisel, die Polizei habe ein System entwickelt, „wie wir diese
       Personen rechtzeitig identifizieren können, um möglichst schwere Straftaten
       zu verhindern“. Konkret stellte sie ein Pilotprojekt in Aussicht, das ab
       diesem April umgesetzt werden soll.
       
       Vorgesehen ist demnach ein „Drei-Stufen-Modell“: In einem ersten Schritt
       sollen Polizist:innen „Menschen mit Risikopotenzial“ identifizieren und
       anhand „kurzer und prägnanter Kriterien“ ihre Gefährlichkeit evaluieren,
       sagte Slowik Meisel. Im Zweifel würden die Personalien an eine zentrale
       Stelle bei der zuständigen Polizeidirektion weitergeleitet, wo eine
       Risikoanalyse vorgenommen werde. Im dritten Schritt würden dann das
       Landeskriminalamt und psychotherapeutische Expertise hinzugezogen, um über
       mögliche weitere Maßnahmen – von einer Fallkonferenz über die Einschaltung
       des sozialpsychiatrischen Dienstes bis hin zu einer richterlich
       angeordneten Zwangseinweisung – zu beraten.
       
       Die Senatsinnenverwaltung erklärte gegenüber der taz, das Pilotprojekt sei
       aus einer 2021 gegründeten Bund-Länder-Arbeitsgruppe hervorgegangen. Ihr
       Ziel: potenzielle Amokläufer und Attentäter früher zu erkennen. Nach einer
       Weile sei der Fokus auf psychisch auffällige Menschen mit hohem
       Gewaltpotenzial gelegt worden. Auf Basis von dort entwickelten Empfehlungen
       sei nun ein Planungs- und Umsetzungsprozess in der Polizei eingeleitet
       worden. Auf eine Probephase im Frühling solle eine Evaluation folgen, auf
       deren Grundlage der Übergang in den Regelbetrieb vorgesehen ist.
       
       ## Dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte
       
       Der [1][Umgang der Polizei mit Menschen in psychischen Krisen] ist ein
       heikles Thema. Das Institut für Bürgerrechte und öffentliche Sicherheit
       [2][rechnet mit 42 Menschen in psychischen Krisen, die alleine seit 2020
       von der Polizei erschossen wurden] – von 83 Polizeitoten insgesamt.
       Kritiker:innen fordern deshalb seit geraumer Zeit eine bessere
       Ausbildung für Beamt:innen – und dass andere Stellen als die Polizei in
       den Erstkontakt mit psychisch erkrankten Menschen treten.
       
       „Wenn Polizist:innen bewaffnet und in Uniform auf Menschen in
       psychischen Krisen zugehen, ist das eine Dynamik, die häufig eskaliert“,
       sagte Chiara Malz von BetterPolice, einem Verein progressiver
       Polizist:innen, zur taz. Sie kenne die Details des Vorschlags noch nicht.
       Es müsse aber immer zuerst darum gehen, Menschen in Krisensituationen Hilfe
       zukommen zu lassen, etwa durch den sozialpsychiatrischen Dienst oder durch
       Rettungskräfte. Wegen der Überlastung des Gesundheitssystems würden solche
       Aufgaben aber zunehmend zur Polizei ausgelagert. Das sei der „falsche
       Ansatz“.
       
       Vasili Franco, innenpolitischer Sprecher der Grünen, forderte, es dürfe
       kein „polizeiliches Register für psychisch erkrankte Menschen“ aufgebaut
       werden. Das würde an „die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte
       erinnern“. Insgesamt sei es aber zu früh für eine abschließende Bewertung.
       Das Ziel eines solchen Projektes müsse es sein, Menschen in die
       Hilfssysteme zu überführen. Ähnlich äußerte sich der Innenexperte der
       Linken, Niklas Schrader. „Die Polizei sollte die letzte und nicht die erste
       Institution sein, die sich um solche Situationen kümmert“, so Schrader.
       
       Lara Möller vom [3][polizeikritischen Justice Collective] kritisierte, der
       Vorschlag reihe sich eine Entwicklung ein, in der „eine Vorverlagerung in
       den Eingriffsbefugnissen“ stattfinde. Zunehmend würden Daten von Menschen
       [4][gespeichert, die noch gar keine Straftat begangen haben]. Was es
       stattdessen brauche, seien etwa Kriseninterventionsteams nach
       US-amerikanischem Vorbild bestehend aus Notdienst, psychiatrischem
       Fachpersonal und Menschen mit eigener Krisenerfahrung. Das Geld für ein
       solches, in Berlin geplantes Pilotprojekt war während der letzten
       Kürzungsrunde gestrichen worden.
       
       3 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Die-Polizei-hat-2024-so-viele-Menschen-erschossen-wie-seit-1999-nicht-mehr/!6042771
 (DIR) [2] https://polizeischuesse.cilip.de/
 (DIR) [3] https://www.racismontrial.org/de/blog/news/defund
 (DIR) [4] /Reform-des-Berliner-Polizeigesetzes/!6096087
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timm Kühn
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Polizei
 (DIR) Polizeigewalt
 (DIR) Polizeigewalt
 (DIR) Schwerpunkt Polizeigewalt und Rassismus
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Verein will Polizei verbessern: Kritik und Selbstkritik
       
       Der Verein BetterPolice fordert eine demokratischere Polizei. Dafür sollen
       Polizist:innen mit Betroffenen von Polizeigewalt ins Gespräch kommen.
       
 (DIR) Anstieg tödlicher Schüsse durch Polizei: Nicht eure Zielscheibe
       
       Die Polizei hat 2024 so viele Menschen erschossen wie seit 1999 nicht mehr.
       Viele dieser Menschen waren psychisch krank. Beamt*innen werden zur
       Gefahr.
       
 (DIR) Kriminologe über Polizeischüsse: „Fehlerhaftes polizeiliches Handeln“
       
       Der von Polizisten erschossene Lamin Touray war in einer psychischen Krise.
       Warum greift die Polizei bei psychisch Kranken so schnell zur Waffe?
       
 (DIR) Polizeiexperte über Umgang mit psychisch Kranken: „Eine fatale Fehleinschätzung“
       
       Martin Thüne ist Polizeiwissenschaftler in Thüringen. Dort forscht er zum
       Umgang der Polizei mit psychisch Kranken.