# taz.de -- Berlin zwischen Geschichte und Gegenwart: Backstein für Backstein gegen die Kälte
       
       > Winfried Ripp zeichnet in seinem Buch die Geschichte des Berliner
       > Asylvereins nach und zeigt, wie sich das Problem der Obdachlosigkeit bis
       > heute hält.
       
 (IMG) Bild: Speisesaal des Männerasyls „Wiesenburg“ (1897)
       
       Wenn ein Mensch erfriert, gibt es nicht den einen dramatischen Moment. Der
       Kältetod kommt schleichend. Zuerst zittern die Muskeln, weil sie Reserven
       verbrennen. Dann zieht sich das Blut zurück, dorthin, wo Herz, Lunge und
       Gehirn um Priorität ringen. Die Gedanken werden langsam, Entscheidungen
       schwer. Wer erfriert, merkt oft gar nicht, wie nah der Tod schon ist.
       
       Es ist eiskalt an diesem Abend, an dem der Historiker Winfried Ripp durch
       die einst modernste Obdachloseneinrichtung der Welt führt. „Berliner Asyl
       Verein“ steht auf dem Giebel des Haupthauses aus roten Klinker, darüber das
       Baujahr: 1896. Die Schornsteine der früheren Wäscherei ragen noch in den
       kalten Himmel, andere Teile der Anlage an der Wiesenstraße im Wedding
       liegen nur noch als Ruinen da. Backstein. Neben Backstein.
       
       Die Rettung vorm Erfrieren war eine der Aufgaben der sogenannten
       Wiesenburg, im 19. Jahrhundert berichteten selbst in New York und Rom die
       Zeitungen über das Weddinger Obdachlosenasyl, auf der Pariser
       Weltausstellung wurde es als Vorbild gezeigt.
       
       Winfried Ripp hat gerade ein Buch mit 400 Seiten veröffentlicht zum
       „Berliner Asylverein für Obdachlose“ und seiner [1][Wiesenburg]. In einem
       der früheren Männerschlafsäle sagt Ripp: „Je mehr man sich damit
       beschäftigt, desto öfter tauchen heutige Momente wie Déjà-vus auf.“
       
       [2][Gerade geht in Berlin der kälteste Winter seit 16 Jahren zu Ende] – für
       Obdachlose war er eine Frage des Überlebens. Zwischen 6.000 und [3][10.000
       Menschen leben derzeit in Berlin auf der Straße], mehr als 53.000 sind
       Schätzungen zufolge wohnungslos. Tendenz steigend. Es ist eine Krise mit
       Geschichte. Denn wie im 19. Jahrhundert sind es auch heute private
       Initiativen, die Nothilfe leisten – und die Politik stößt weiterhin an ihre
       Grenzen, wenn es um adäquate Lösungen geht.
       
       Winfried Ripp berichtet, dass es in Berlin seit den 1860er Jahren einen
       permanenten Mangel an bezahlbaren Klein- und Kleinstwohnungen gab. Der
       preußische „Nachtwächterstaat“ lieferte einen großen Teil der Bevölkerung
       schutzlos der grassierenden Mietspekulation aus, Zehntausende landeten auf
       der Straße. Gleichzeitig war Obdachlosigkeit eine Straftat. „Offenkundig“,
       schreibt Ripp in seinem Buch, waren Kommune und Staat „weder in der Lage
       noch willens, die Lebensbedingungen dieser immer größer werdenden Gruppe
       von heimatlosen und wohnungssuchenden Menschen zu verbessern“.
       
       Der evangelische Pastor und Abgeordnete [4][Friedrich von Bodelschwingh]
       stieß in diese Lücke und erklärte: „Ich möchte, dass Berlin einen heiligen
       Krieg gegen seine Obdachlosen führt, dadurch, dass er sie arbeiten lässt.“
       Bodelschwingh gründete Kolonien außerhalb der Stadt, etwa in Lobetal bei
       Bernau, um „Wanderarme“ von der Straße zu holen. Arbeit, Gebet, Disziplin –
       im Gegenzug zu Unterkunft und Brot verlangte Bodelschwingh Frömmigkeit und
       absolute Unterordnung. Er verstand Obdachlosigkeit weniger als
       strukturelles Versagen denn als sittliche Krise des Einzelnen. Der Leiter
       der „Berliner Stadtmission“ und flammende Antisemit Adolf Stoecker sah das
       ähnlich.
       
       Ganz anders der Berliner Asylverein für Obdachlose, gegründet 1868. „Der
       Verein mache sich nicht zum Richter über Schuld und Unschuld der in sein
       Haus kommenden Unglücklichen“, heißt es in einem internen Bericht von
       damals.
       
       Die gescheiterte Revolution von 1848 wehte noch nach, als demokratisch
       gesinnte Bankiers, Kaufleute und Industrielle sich zum Asylverein
       zusammengeschlossen – Leute, die an bürgerlichen Fortschritt glaubten und
       ihn praktisch umsetzen wollten. Darunter der Maschinenbaupionier [5][August
       Borsig] sowie der Unternehmer und spätere Vorsitzende der deutschen
       Sozialdemokratie [6][Paul Singer], der als Kurator der Wiesenburg auftrat.
       Ein Drittel der aktiven Vereinsmitglieder war – wie Singer selbst –
       jüdisch.
       
       Zuerst errichtete der Verein ein Frauenasyl in der Wilhelmstraße, 1896 dann
       die Wiesenburg. Hier galt Anonymität statt Bloßstellung, Hygiene statt
       Verwahrlosung – nicht zuletzt der Einfluss des berühmten Arztes Rudolf
       Virchow war in dieser Programmatik zu erkennen. Missionierung war tabu in
       den Asylen des Vereins, bis 1910 hatte die Polizei keinen Zutritt. Bis
       jetzt, schrieb Paul Singer, habe er „den Kampf mit der Polizei immer
       siegreich geführt; man will durchaus die Anonymität der Besucher
       beseitigen“.
       
       Bald wurde es in der Hauptstadt geradezu en vogue, sich der Armen
       anzunehmen. Selbst der Hof zeigte Interesse: Königin Augusta erschien zum
       Besuch und spendete, Karl von Preussen ließ anfragen, ob sie nicht die
       „Protektorin“ des Asylvereins werden könne. Doch der Vorsitzende Gustav
       Thoelde wies die Offerte mit bemerkenswerter Chuzpe zurück. „Unsere
       Protektorin ist die Bevölkerung von Berlin“, ließ er ausrichten.
       
       Geld brauchte es trotzdem, um die zu Hochzeiten 1.100 Obdachlosen pro Nacht
       zu versorgen.
       
       In der Wiesenburg gab es – keine Selbstverständlichkeit damals –
       elektrisches Licht und eine Belüftung in jedem Raum. Im „Lausoleum“, dem
       Waschraum mit Duschen und Badewannen, konnten die Besucher:innen sich
       reinigen, die Kleidung konnte man im Nachtasyl desinfizieren und
       ausbessern.
       
       Paul Singer lehnte es ab, den Wiesenburg-Kaffee mit Getreide zu strecken.
       Echte Bohne sollte es sein. Eine Spende von 4.900 [7][Suppenwürfeln der
       Firma Maggi] begutachtete er persönlich und schrieb dem
       Vereinsvorsitzenden, dass er „1) vor Annahme des Geschenks die gekochte
       Suppe probirt (sic!) und sehr kräftig und schmackhaft gefunden habe und 2)
       der Gesellschaft für die Zuwendung bereits für den Verein (…) gedankt
       habe“.
       
       Paul Singer ging es nicht um die bloße Notversorgung, er wollte die Dinge
       grundsätzlich verändern. Trotz antisemitischer Kampagnen wurde er 1884
       erstmals zum Berliner Stadtverordneten gewählt, später zog er in den
       Reichstags ein. Die Reformen, die er, Hugo Heimann und weitere
       Genoss:innen praktisch umsetzten, war für sie kein Ersatz für die
       Revolution. Doch leider sollte sich die SPD bald in eine andere Richtung
       entwickeln.
       
       1911 starb Paul Singer, im Ersten Weltkrieg wurde die Wiesenburg
       militärisch requiriert, in der NS-Zeit zur Rüstungsproduktion
       umfunktioniert. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Obdachlosenpalast fast
       zerstört und in der Nachkriegszeit dem Verfall preisgegeben.
       Industriebetriebe, Kleingewerbe, ausgebombte Familien und schließlich
       Künstler:innen fanden hier Unterschlupf. Seit 2014 gehört das Gelände
       der städtischen Degewo, seit 2017 wird es gemischt genutzt: Ateliers,
       Veranstaltungen und nicht zuletzt: Wohnungen.
       
       „Auch heute, über 150 Jahre nach der Gründung des Berliner Asyl-Vereins,
       ist Obdachlosigkeit ein im Berliner Stadtbild sichtbares Problem“, schreibt
       Winfried Ripp in seinem Buch. Die Zahl der Betroffenen steigt. „Darum muss
       die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum an erster Stelle einer neuen
       Koalition nach den Wahlen im September stehen“, sagte [8][Ulrike Kostka],
       Direktorin der Caritas Berlin kürzlich der taz.
       
       Auf mehr als 1.000 Schlafplätze sollten kirchliche und andere Träger die
       Kältehilfe gar nicht ausdehnen, findet sie. „Unser Ziel ist nicht, lauter
       Notunterkünfte zu bekommen, das würde das Land zu sehr aus der
       Verantwortung nehmen. Es müssen ja die Ursachen der Wohnungslosigkeit und
       Obdachlosigkeit bearbeitet werden.“ Notunterkünfte seien ein
       Erfrierungsschutz. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr.
       
       30 Mar 2026
       
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