# taz.de -- Krieg im Libanon: Zu Gast im Krieg
> Eine katholische Kirche in Beirut wird zur multikonfessionellen
> Notunterkunft für Migranten und Geflüchtete. Eine Million Menschen flohen
> bereits aus dem Süden.
(IMG) Bild: So nächtigen derzeit einige Geflüchtete im Libanon: Zelte in Beirut am 20. März
Kumari Perera hatte nicht damit gerechnet, fliehen zu müssen. Sie kommt aus
Sri Lanka und lebt mit ihrem 14-jährigen Sohn in der Stadt Saida im
Südlibanon. In der drittgrößten Stadt des Landes wohnen hauptsächlich
sunnitische Muslime. Anfang März trafen israelische Angriffe auch ihre
Nachbarschaft. Hastig packte sie ein paar Dinge in die Tasche.
„Es ging ganz schnell, ich wusste gar nicht, was ich alles einpacken
sollte.“ Zumindest ihre Papiere konnte sie sichern, einen dicken Pullover
habe sie vergessen. „Wir sind mit dem Bus gefahren, doch es gab viel Stau.
Wir haben drei Tage nach Beirut gebraucht.“ Nächtelang habe sie am Strand
geschlafen.
Die 50-Jährige hat bereits [1][den Krieg 2024 im Libanon] erlebt. Daher
wusste sie, dass es in Beirut eine Kirche gibt, die Migrant*innen Schutz
bietet. Bereits 2024 hatte Perera für zweieinhalb Monate dort übernachtet.
Nun schläft sie wieder dort.
Die St. Joseph-Kirche im Herzen der Hauptstadt ist eines der wenigen
Gotteshäuser im Libanon, die ihre Türen den Vertriebenen geöffnet haben.
[2][Über eine Million Menschen flohen bislang vor den Bombardierungen und
voran rückenden Bodentruppen Israels].
Im Gottesdienst der katholischen Kirche wird aus dem zweiten Buch Mose
vorgelesen: Mose versorgt das Volk durch ein Wunder mit Wasser, nachdem es
über Durst klagt. Die Gemeinde singt, am Ende des Gottesdienstes gibt es
eine Durchsage: „Wir haben heute kein Mittagessen für alle, weil unsere
Kirche zur Notunterkunft verwandelt wurde.“
## Doppelt so viele Geflüchtete wie 2024
Im ersten und zweiten Stock des Kirchenbaus sind Räume voller Matratzen und
Kissen. 200 Menschen hat die Kirche aufgenommen, darunter 70 Kinder. Das
ging nur, weil die Kirche an den Flüchtlingsdienst der Jesuiten
angeschlossen ist, erklärt Michael Petro, US-amerikanischer Priester in der
Ausbildung und Leiter der Notunterkunft. „[3][30 Kinder sind weniger als 3
Jahre alt. Wir haben auch zwei schwangere Frauen, die kurz vor der Geburt
stehen.]“ Es wären nicht die ersten Babys, die in der Notunterkunft geboren
werden.
„Die Kinder, die hier geboren wurden, sind wieder da. Ein Jahr später
können sie laufen und sprechen. Es ist wunderbar, sie zu sehen. Aber es ist
auch herzzerreißend, sie wieder hier in der Kirche zu haben“, sagt er.
Der Krieg zwischen Israel und der von Iran unterstützen Miliz Hisbollah
sorgte im September und Oktober 2024 schon einmal für eine
Massenvertreibung: Etwa 1,2 Millionen Menschen mussten damals ihr Zuhause
verlassen. Einige konnten [4][mit dem Beginn des sogenannten
Waffenstillstands ab November 2024] wieder dorthin zurückkehren. Doch
64.000 blieben Vertriebene bis zu dieser erneuten Eskalation im März 2026.
Nun sind erneut Schulen zu offiziellen Notunterkünften geworden. Doch der
Platz reicht nicht aus. „Wir haben die Zahl der Menschen, die derzeit in
der Kirche untergebracht sind, im Vergleich zu 2024 mehr als verdoppelt“,
erklärt Petro.
## Doppelt geflüchtet: aus Sudan, dann aus dem Südlibanon
Die Kirche füllt eine weitere Lücke: [5][Libanons Gastarbeiter] und
Geflüchtete werden in offiziellen Unterkünften abgewiesen. In dem kleinen
Land gibt es mehr als 170.000 Gastarbeiter. „Die Menschen arbeiten
hauptsächlich als Hausangestellte, Reinigungskräfte, Hausmeister und in der
Landwirtschaft“, erklärt Petro. In der Kirche schlafen nun Menschen aus
Sudan, Äthiopien, Bangladesch, den Philippinen und Sri Lanka – Muslime,
Christen, Buddhisten, Hindus.
Im Süden des Landes, im Osten in Baalbek sowie in Südbeirut leben
hauptsächlich Schiiten. Aber auch geflüchtete Syrer und Arbeiter aus den
Philippinen oder Sudan wohnen in diesen ärmeren, schiitischen Teilen des
Landes, weil sie woanders die Miete nicht zahlen können. [6][Viele
Sudanes*innen lebten in südlichen Gebieten wie Saida, Bint Jbeil und
Nabatieh, arbeiteten dort als Hausmeister oder Sicherheitspersonal.] Viele
Sudanes*innen [7][sind selbst vor einem Krieg geflüchtet], nun sind sie
erneut vertrieben.
## Manche Vermieter nutzen die Not der Menschen aus
„Wohin sollen wir gehen? Sie haben keinen anderen Ort“, sagt Aluel Manyok.
Sie steht mit einem silbernen Tablett im Korridor und verteilt
Zitronenkuchen an Kinder. Die 39-Jährige ist im Süd-Sudan aufgewachsen,
wohnt seit 13 Jahren im Libanon und arbeitet als Community Leader bei der
Sudanesischen Frauenvereinigung. Sie hat sudanesischen Frauen das
Keksebacken beigebracht, Englisch- und Computerkurse und
Arbeitsmöglichkeiten vermittelt. Wegen des Kriegs wurden die Aktivitäten
gestoppt. Jetzt hilft sie freiwillig in der Notunterkunft.
„Die Wohnungssuche ist extrem schwierig“, sagt Manyok. Aufgrund der
Wohnungskrise versuchten manche, fünf oder sechs Personen in einem Zimmer
unterzubringen. Sie berichtet von Fällen, in denen Vermieter Menschen aus
dem globalen Süden abwiesen. Andere Vermieter schlagen Profit aus der Not.
Hinzu kommt Rassismus. Dabei ist der Libanon für viele Migrant*innen
längst Heimat. Trotz der schwierigen Lage möchte auch Perera bleiben.
[8][In ihrer Heimat Sri Lanka] gebe es Proteste und Instabilität. Im
Libanon hat sie geheiratet und Freunde gefunden. „Mein Herz ist hier.“
24 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julia Neumann
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