# taz.de -- Israelischer Angriff auf das Nachbarland: „Politisch ist die Hisbollah nun noch isolierter“
> Der Ärger auf die Hisbollah im Libanon steigt – auch unter ihren
> Anhängern, sagt Wissenschaftler Joseph Daher. Doch eine demokratische
> Alternative fehlt.
(IMG) Bild: Zwischen Trümmern: Eine Frau blickt aus einem Notverschlag auf die Straße
taz: Libanon und Israel unterzeichneten im November 2024 ein
Waffenstillstandsabkommen. Die Hisbollah feuerte am 2. März 2026 nun wieder
eine Rakete ab. Warum trat die Miliz in den Krieg ein?
Joseph Daher: Israel greift seit dem Waffenstillstand anhaltend den Libanon
an. Es verletzt täglich die Souveränität des Libanon, tötete und entführte
Hunderte von Menschen und verhindert jeglichen Wiederaufbau. Israel nutzte
Hisbollah-Aktionen als Vorwand, um den Krieg auszuweiten, weitergehende
Ziele zu verfolgen und die Hisbollah erheblich zu schwächen.
Die Hisbollah trat in den Krieg ein, weil sie eindeutig politisch,
militärisch und vor allem finanziell mit Iran verbunden und von ihm
abhängig ist. [1][Die existenzielle Bedrohung für Iran] trieb die Hisbollah
zum Handeln. Das ist Teil der iranischen Strategie, mehrere Kriegsfronten
zu unterhalten, um den Konflikt zu verlängern, zu regionalisieren und
[2][die Kosten für die USA und Israel zu erhöhen – militärisch und
wirtschaftlich].
taz: Wie stark ist die Hisbollah militärisch?
Joseph Daher: Sie ist weiter am Boden präsent, mit zwischen 30.000 und
40.0000 Kämpfern. [3][Die israelische Armee hat es weiterhin schwer, im
Libanon vorzurücken]. Obwohl es für die Hisbollah im Vergleich zu früher
deutlich schwieriger geworden ist, sich zu verteidigen.
Die Hisbollah ist militärisch massiv geschwächt. Insbesondere durch
[4][israelische Bombardierungen im Jahr 2024] und den [5][Sturz des
Assad-Regimes in Syrien] – was Iran einschränkt, die Hisbollah mit schweren
Waffen zu beliefern. Ihr Arsenal basiert auf lokal produzierten Waffen und
Lagerbeständen. Ihre Raketen- und Drohnenangriffe haben nur begrenzt
Wirkung. Es gab keine Massenvertreibungen der israelischen Bevölkerung, wie
in der Vergangenheit.
Obwohl die Hisbollah am Mittwoch zeitgleich mit dem Iran etwa hundert
Raketen auf Israel abgefeuert hat, erhöhen ihre militärischen Kapazitäten
zwar die Kosten für Israel – können den israelischen Krieg gegen den
Libanon aber kaum stoppen.
taz: Wie geht es der Hisbollah politisch?
Joseph Daher: Politisch ist die Hisbollah nun noch isolierter als zuvor.
Selbst ihr schiitischer Verbündeter, die Amal-Bewegung, lehnte die
Beteiligung der Hisbollah an diesem regionalen Krieg ab und erklärte ihre
Militäraktionen für illegal. Die Hisbollah sieht sich internen Spannungen
gegenüber. Das ist nichts Neues.
taz: Warum?
Joseph Daher: Seit 2005 ist sie Teil der Regierung und damit Teil der
herrschenden Klasse. Ihre Intervention im syrischen Krieg an der Seite des
Assad-Regimes [6][zur Unterdrückung der syrischen Bevölkerung war äußerst
unpopulär], ebenso wie ihre Haltung gegen die Massenproteste im Libanon
2019.
Hinzu kommen [7][Ereignisse wie der 8. Mai 2008]: Nachdem die libanesische
Regierung angekündigt hatte, ihr Kommunikationsnetz zu zerschlagen, ist die
Hisbollah militärisch in Teile Westbeiruts einmarschiert. Es gab bewaffnete
Auseinandersetzungen. Oder die [8][Hafenexplosion im August 2020, die
Ablehnung der Hisbollah von Untersuchungen] und die daraus resultierenden
konfessionellen Spannungen.
taz: Die Regierung hat die militärischen Aktivitäten der Hisbollah
verboten.
Joseph Daher: Die Regierung treibt die Entwaffnung der Hisbollah voran und
es gibt Anzeichen dafür, die Beziehungen zu Israel normalisieren zu wollen.
Ausländische Gelder sind weitgehend an die Entwaffnung der Hisbollah durch
die Armee geknüpft. Doch die Entwaffnung der Hisbollah in der gegenwärtigen
Situation untergräbt die Einheit der Armee, die zu mehr als einem Drittel
aus Schiiten besteht, und schürt weitere konfessionelle Spannungen.
Der Abzug der eigenen Streitkräfte und die Konzentration auf die
Entwaffnung der Hisbollah, während das eigene Land angegriffen wird, zeugt
kaum von Souveränität. Wie kann man Souveränität und ein Machtmonopol
beanspruchen, wenn die Finanzierung der libanesischen Armee im Wesentlichen
auf ausländischen Geldern basiert? Das ist ein klarer Widerspruch.
taz: Wie beurteilen Sie die Strategie der Regierung?
Joseph Daher: Sie bleibt sehr schwach. Sie stützt sich auf Auslandshilfe
und Zwang – ohne breiten Bevölkerungsschichten, darunter der schiitischen
Gemeinschaft, Alternativen zu offerieren. Was bietet sie den Betroffenen,
den Verletzten? Was bietet sie den Vertriebenen?
taz: Die schiitische Bevölkerung hat ihre Häuser verloren und wurde
vertrieben. Sie zahlt einen hohen Preis für den Kriegseintritt der
Hisbollah. Wie ist die Stimmung unter ihren Anhängern?
Joseph Daher: Israels Militärstrategie trägt die Hauptverantwortung für
diese Situation – und zwar schon vor diesem jüngsten Krieg. Die
konfessionellen Spannungen nehmen zu und werden von Israel ausgenutzt. Es
gehört auch zu Israels Zielen, den Druck auf die libanesische Regierung zu
erhöhen, damit sie gegen die Hisbollah vorgeht.
Sicher wächst die Frustration und Wut unter den Vertriebenen und sogar in
Teilen der Hisbollah-Basis. Die Menschen, insbesondere die schiitische
Basis, sind erschöpft. Die Frage ist: Wie wirkt sich diese Frustration
politisch aus? Wem werden diese Wähler bei den kommenden Wahlen folgen, die
nun um zwei Jahre verschoben wurden?
taz: Wer könnte eine Alternative sein?
Joseph Daher: Die stärkste Opposition sind derzeit die Libanesischen Kräfte
von Samir Geagea, sie sind maronitisch-christlich geprägt. Die streben eine
[9][Normalisierung der Beziehungen zu Israel] an und äußern sich
schiitenfeindlich. Ich glaube nicht, dass die Schiiten für sie stimmen
würden.
Möglicherweise die schiitische Haraket Amal, aber selbst das ist ungewiss.
Ansonsten fehlt es an einer politischen Alternative mit demokratischen und
sozialen Zielen, die die schiitische Bevölkerung und allgemein die breite
Bevölkerung für sich gewinnen könnte.
taz: Was bringt die Zukunft für die Hisbollah?
Joseph Daher: Die Zukunft der Hisbollah ist an die Islamische Republik Iran
gebunden. Sollte diese bestehen bleiben – was wahrscheinlich ist –, würde
sie wohl die Finanzierung der Hisbollah aufrechterhalten. Das sind jährlich
Hunderte Millionen Dollar. In diesem Fall mag zwar die Unzufriedenheit
anhalten, aber die Menschen würden die Partei wohl nicht verlassen.
[10][Die Hisbollah ist der zweitgrößte Arbeitgeber], nach dem libanesischen
Staat. Sie bietet wichtige soziale Dienstleistungen für große Teile der
Schiiten. Ein Massenexodus ist unwahrscheinlich.
taz: Die Miliz inszeniert sich auch als Widerstand gegen israelische
Angriffe.
Joseph Daher: Obwohl die Bewaffnung der Hisbollah zunehmend weniger als
Sicherheitsgarantie für die schiitische Bevölkerung gegenüber Israel
wahrgenommen wird, bleibt sie ein wichtiger Faktor innerhalb des nationalen
politischen Systems. Auch im Hinblick auf das benachbarte Syrien. Dort
regiert eine neue Elite, die den Schiiten eher feindlich gesinnt ist. Der
Einsatz der syrischen Armee an der Grenze zu Libanon beispielsweise hat die
schiitische Bevölkerung stark verunsichert.
17 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julia Neumann
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