# taz.de -- Preis der Leipziger Buchmesse 2026: Geschichten, die ins Heute ragen
       
       > Katerina Poladjan bekommt für „Goldstrand“ den Leipziger Buchpreis. Der
       > Sachbuchpreis geht an Marie-Janine Calic, der Übersetzerpreis an Manfred
       > Gmeiner.
       
 (IMG) Bild: Die Preisträger Marie-Janine Calic (l., Kategorie Sachbuch), Katerina Poladjan, (Mitte, Belletristik) und Manfred Gmeiner (r., Übersetzung)
       
       Man habe nach „gültigen Erzählungen“ gesucht, die in die Gegenwart reichen,
       sagte die Juryvorsitzende Katrin Schumacher in ihrer Einführungsrede. Auch
       davon, dass Literatur kein Rückzugsort sei, sondern ein Mittel der
       Auseinandersetzung, war die Rede im vollbesetzten Glashaus auf dem
       Leipziger Messegelände. Damit war der Ton gesetzt für die 22.
       Preisverleihung des [1][Preises der Leipziger Buchmesse] am
       Donnerstagnachmittag. In den drei Kategorien Belletristik,
       Sachbuch/Essayistik und Übersetzung wählte die siebenköpfige Jury aus 485
       eingereichten Werken insgesamt 15 Nominierte aus.
       
       ## Der Literaturpreis
       
       Katherina Poladjans [2][Roman „Goldstrand“] (S. Fischer) galt schon im
       letzten Jahr als Favorit für einen der beiden großen deutschen
       Buch(messen)preise. Während „Goldstrand“ es in Frankfurt jedoch zur
       Überraschung einiger Kulturjournalist:innen nicht mal auf die
       Shortlist schaffte, wurde Poladjans neuer Roman nun mit dem Preis der
       Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
       
       Es bedarf der Umwege über die Geschichte, um die Gegenwart zu begreifen,
       sagt Poladjan, nachdem sie den Preis auf der Bühne im Leipziger
       Messezentrum entgegengenommen hat. Und der Geschichte widmet sie sich
       ausführlich in „Goldstrand“. Wobei Umwege in ihrem Fall auch über die
       Psychiatercouch führen: Poladjan lässt ihren Protagonisten, einen alternden
       Filmregisseur, seine Familien- und Lebensgeschichte der geheimnisvollen
       Therapeutin Dorotessa erzählen. Diese Geschichte spannt sich quer durch
       Europa, über Odessa, Bulgarien, Konstantinopel bis nach Rom. Gar ein
       „Abgesang auf Europa als Kontinent der glamourösen Dichter und Denker“ sei
       es, den die Autorin laut Jury-Begründung in „Goldstrand“ anstimmt. Poladjan
       „erzählt uns mit einer leichten wie abgründigen Sprache von einem Mann, der
       sich auf einen Abschied vorbereitet und selbst noch nicht weiß, wohin ihn
       die Reise führt“.
       
       Die Schriftstellerin bedankt sich für die mit 15.000 Euro dotierte
       Auszeichnung mit einer mustergültigen Preisrede. Sie zitiert Thomas Mann
       als Stichwortgeber der Gegenwart, der von der „großen Gereiztheit“ zu
       schreiben wusste, erinnert an den andauernden Krieg in der Ukraine, und
       auch den großen Messeaufreger, Wolfram Weimer und die Affäre um den
       Buchhandelspreis, spricht sie an: Verfassungsschutz und Geheimdienste
       sorgten für eine „erstickende Atmosphäre der Unsicherheit und Ohnmacht“.
       
       Auch an die anderen in der Kategorie Belletristik nominierten
       Autor:innen erinnerte sie: Helene Bukowski mit „Wer möchte nicht im
       Leben bleiben“, Norbert Gstrein mit „Im ersten Licht“, Anja Kampmann mit
       „Die Wut ist ein heller Stern“ und Elli Unruh mit „Fische im Trüben“.
       
       ## Der Sachbuchpreis
       
       Die Kategorie Sachbuch/Essayistik war diesmal eindeutig von historischen
       Stoffen dominiert: Ines Geipel verflicht in „Landschaft ohne Zeugen“ die
       Befreiung des KZ Buchenwald im Frühjahr 1945 mit ihrer persönlichen
       Familiengeschichte und einem Nachdenken über den Wandel von
       Erinnerungskultur.
       
       Jan Jekal beleuchtet in „Paranoia in Hollywood“ die Geschichte von aus
       Nazideutschland geflohenen deutschen Filmschaffenden und Intellektuellen,
       die zwischen 1941 und 1950 in Hollywood Zuflucht und Arbeit fanden – bis
       sie durch die antikommunistische Hysterie der McCarthy-Ära erneut verfolgt
       wurden.
       
       Nominiert waren auch Ulli Lusts Fortsetzung ihres feministischen
       Steinzeit-Comics und Sachbuchpreisgewinners 2025 „Die Frau als Mensch“, in
       dem sie die Rolle von Schamaninnen reflektiert. Und der prachtvoll
       aufgemachte Band „Englische Renaissance“ des Anglisten Manfred Pfister,
       
       Gewonnen hat dann aber Marie-Janine Calic mit [3][„Balkan-Odyssee.]
       1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ (C. H. Beck).
       Calics Balkan-Odyssee erzählt eine lange vergessene Geschichte: die der
       Flüchtlinge aus Nazideutschland, die bewusst oder aus der Not heraus nach
       oder über den Balkan Sicherheit suchten. Viele von ihnen flohen nach
       Jugoslawien, das später auch ein Opfer des NS-Regimes wurde, und gerieten
       so erneut in Not. Andere nutzen die Donau, um in Richtung Palästina zu
       gelangen. Calic erzählt fesselnd und doch wissenschaftlich exakt von den
       Irrungen, den Nöten und den Hoffnungen der Menschen auf der Flucht. „Auf
       traurige Weise aktuell“, wie die Laudatorin Judith von Sternburg anmerkte.
       
       ## Der Übersetzungspreis
       
       Den Preis in der Kategorie Übersetzung erhielt Manfred Gmeiner für seine
       Übertragung einer literarischen Entdeckung, nämlich Gustavo Faverón
       Patriaus Roman „Unten leben“ aus dem Spanischen. In der Begründung der Jury
       heißt es: „Dutzende Stimmen bilden in diesem meisterhaften Horror- und
       Schelmenroman ein Mosaik der düsteren Geschichte Lateinamerikas. Manfred
       Gmeiner hat diese labyrinthische Erzählung mit spielerischer Eleganz
       übertragen, ohne jemals den Blick auf ihre eigensinnigen Figuren, die
       literarischen Querverweise und das magische Funkeln der Poesie zu
       verlieren.“ Der Übersetzer, geboren 1964, lebt in Wien und ist ein
       Quereinsteiger – vorher war er als [4][Buchhändler] tätig.
       
       Wie stark herausgefordert gerade Übersetzer*innen derzeit sind, hat die
       Jury in einem Statement vor der Verkündung des Preisträgers deutlich
       gemacht. Gerade eben ist eine Studie herausgekommen, die, so die
       Juryvorsitzende Katrin Schumacher, „desaströse Zahlen“ enthalte. Angesichts
       von KI sind die Einnahmen der Übersetzer*innen tatsächlich stark
       rückläufig. Dass in Leipzig auch Übersetzungen ausgezeichnet werden, sei,
       so Katrin Schumacher, auch als Zeichen der Wertschätzung des Engagements
       und des Könnens der Übersetzer*innen zu verstehen. In seiner Laudatio
       auf Manfred Gmeiner hob der Juror Thomas Hummitzsch die von Manfred Gmeiner
       gekonnt ins Deutsche übertragenen „überwältigenden Momente der Verstörung“
       in dem Roman hervor. Es ist der erste Roman des Autors, der ins Deutsche
       übersetzt wurde, er erschien im vergangenen Herbst im Droschl-Verlag.
       
       19 Mar 2026
       
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