# taz.de -- Nominiertes Sachbuch „Balkan Odyssee“: Einige empfing man wie Popstars
> Im Buch „Balkan Odyssee“ der Historikerin Marie-Janine Calic sitzt man
> fast mit Emigranten am Cafétisch. Sie ist für den Preis der Leipziger
> Buchmesse nominiert.
Ins kroatische Zaton Mali fahren Urlauber seit dem 19. Jahrhundert wegen
der Appartements mit Meerblick. Die wenigsten, die in der kleinen Bucht
nördlich von Dubrovnik heute am Strand liegen, wissen, dass hier in den
1930er Jahren ein Refugium deutscher Exilanten war.
Obschon heute unbekannter als das [1][südfranzösische Sanary-sur-Mer, wo
prominente Deutsche wie Thomas Mann] vor dem Nationalsozialismus
hinflüchteten, war nicht nur die Bucht Zaton Mali, sondern ganz Jugoslawien
in den 1930er Jahren für Intellektuelle, Künstler, Unternehmer, Politiker
und insbesondere Juden von zentraler Bedeutung.
Auf dalmatinischen Inseln, in slowenischen Kleinstädten, bosnischen
Dorfgemeinden und serbischen Donauhäfen sowie in den Hauptstädten Zagreb,
Belgrad und Sarajevo betrieben zwischen 1933 und 1941 deutschsprachige
Menschen Kinderheime, spielten Theater, malten Bilder, schrieben Romane,
warteten auf Schiffe nach Haifa, warteten auf Visa in die USA, warteten auf
das Ende des NS, schlossen sich dem antifaschistischen Widerstand an. Sie
waren damals sogenannte „Emigranten“, die vor den Nazis fliehen mussten.
Der Historikerin Marie-Janine Calic ist es zu verdanken, dass dieses
Kapitel in der historischen Aufarbeitung deutscher NS-Geschichte nun
endlich auch Aufmerksamkeit bekommt. Ihr Buch „Balkan Odyssee 1933-1941.
Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ ist in diesem Jahr absolut
verdientermaßen als eines von drei Büchern für den Preis der Leipziger
Buchmesse in der Kategorie Sachbuch nominiert.
Calic, Professorin für die Region in München, hat für ihr Buch tief graben
müssen und bisher nicht bearbeitete Quellen recherchiert wie
Tagebucheinträge und Briefe der Geflüchteten, behördliche Protokolle
jugoslawischer und österreichischer Zollbeamte und deutscher Nazis.
## Einzelne Personen im Mittelpunkt
Herausgekommen ist eine herausragend elegant geschriebene Geschichte, die
sich so spannend wie ein Krimiroman liest. Das liegt daran, dass Calics
Buch in Aufbau und inhaltlichem Fokus der Technik des „narrative
nonfiction“ folgt. Die Geschichten werden in relativ kurzen Sequenzen
erzählt, in deren Mittelpunkt einzelne Personen stehen, dessen Schicksal
uns das ganze Buch über begleiten. Erzählt wird so lebensnah, als säße man
als Leserin selbst am Cafétisch mit den Emigranten im Belgrader Hotel
Srpski Kralj oder auf dem Badehandtuch am Strand von Zaton Mali.
Die heute bekanntesten Namen, die wir in Calics Buch begleiten, sind der
[2][Theaterstar Tilla Durieux] und der Schriftsteller Manès Sperber. Die
weniger bekannten Namen sind gleichzeitig auch die spektakuläreren
Ausgrabungen Calics wie zum Beispiel der Berliner Onkologe und
Krebsforscher Ferdinand Blumenthal, der 1933 Berufsverbot erhält. Während
Kollegen wie der Zahnmediziner Hans Moral in der gleichen Lage Selbstmord
begehen, erhält Blumentahl einem Ruf an die Belgrader Uni, wo er bei seiner
Antrittsvorlesung wie ein Popstar empfangen wird.
Wir verfolgen den turbulenten Weg des Schauspielers Ado von Achenbach, der
bei seiner Flucht aus Berlin nur eine Sache ins dalmatinische Fischerdorf
mitbringt: ein Baby-Krokodil. Wir lernen Menschen wie den Verkäufer Walter
Stein aus Wien kennen, der wie tausende andere mit Schiffen auf der Donau
Richtung Palästina flüchtet und im serbischen Flussdorf Kladovo strandet.
## „Schleppermillionäre“ und „Judenretter“
Auch der weltbekannte [3][Beatdichter William S. Burroughs] taucht in
Dubrovnik auf, damals Hotspot queerer Tourist*innen. Dort heiratet er die
deutsche Emigrantin Ilse Klapper, die mit dem berühmten Berliner Dandy und
Arzt Heinrich Klapper hierher geflüchtet war und als Ilse Burroughs auf ein
Visum für die USA hofft. Wir lernen, dass der Konsul von Paraguay in Zagreb
gefälschte Visa ausstellte, weswegen der Breslauer Kommunist Ernst Kroch,
der in Jugoslawien eine jüdische Agrarschule besuchte, am Ende in Uruguay
landet.
Calic porträtiert aber auch das Personal auf der anderen Seite, wie die
atemberaubende Karriere des österreichischen Lebe- und windigen
Geschäftsmanns Josef Schleich, der „Schleppermillionär“, der mit Gestapo
und jüdischen Organisationen zusammenarbeitet, um Flüchtlinge über die
Grenze nach Jugoslawien zu bringen. Aber auch unermüdliche „Judenretter“
wie den Chef der jüdischen Kultusgemeinde Šime Spitzer oder den kroatischen
Textilfabrikanten Marko Rosner.
Die literarisch erzählten Lebensgeschichten unterbricht Calic immer wieder,
um den historischen Kontext zu erläutern. Selbst das gelingt ihr kompakt,
umfassend und unterhaltsam. Dazu sind großartige Fotos abgedruckt, wie das
von 1939, auf dem der Schauspieler Ado von Achenbach (als Mussolini
verkleidet) in Zagreb mit seinen jugoslawischen Freunden, dem Physiker
Zvonimir Rihtman (als Hitler), der Psychiaterin Vera Šaric (als
Chamberlain) und dem Chemiker Rikard Podhorsky (als Daladier) die Münchner
Konferenz nachspielen.
In den ersten Jahren werden aus den Tagebuchaufzeichnungen und Briefen oft
die Worte „Paradies“ und „Glück“ zitiert. Doch mit der Besetzung von
Serbien durch die Nazis, der Einsetzung der faschistischen Regierung in
Kroatien und der italienischen Besetzung Albaniens wird Südosteuropa
genauso zur Todeszone wie andere Regionen Europas. Calics Buch endet damit
jäh und grauenvoll.
Dafür kann die Autorin freilich nichts. Das einzige, was man ihrem Buch
vorwerfen kann: Man möchte über jede einzelne Figur noch viel mehr
erfahren. Die Geschichte von Thomas Mann oder Stefan Zweig im politischen
Exil ist reichlich bearbeitet. Eine Serie mit dem Personal und den
Schauplätzen aus Calics Buch hätte noch Potenzial.
9 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Doris Akrap
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