# taz.de -- Podcast „Stalino.“: Östlich unserer Erinnerung
       
       > Ein Podcast von Dekoder widmet sich dem Vernichtungskrieg der deutschen
       > Wehrmacht in der Donbass-Region der Ukraine – und den Parallelen zur
       > Gegenwart.
       
 (IMG) Bild: Stalino, das heutige Donezk, im Jahr 1942
       
       Wowa ist noch keine zehn Jahre alt, als an einem heißen Sommertag, am
       [1][22. Juni 1941, eine Stimme im Radio den Überfall Nazideutschlands auf
       die Sowjetunion] verkündet. Der Moment der Verkündigung hat sich ihm
       eingebrannt. Jahrzehnte später erinnert er sich: „Tja, was sollen sich da
       die Jungs denken? Man macht sich keine Vorstellung. Jetzt ist also Krieg.
       Die Kinder sind damals auch rumgerannt und haben Krieg gespielt.“
       
       In seiner Heimatstadt hat Wowa die brutale Realität der deutschen Besatzung
       von Oktober 1941 bis September 1943 hautnah miterlebt. Stalino: Von 1929 an
       trug die von Kohlebergbau und Metallurgie geprägte Industriemetropole im
       Osten der Ukraine diesen Namen – zu Ehren von Stalin, der ab 1927 der
       Sowjetunion als Diktator vorstand. Acht Jahre nach dessen Tod wurde Stalino
       1961 dann in Donezk umbenannt, nach dem Fluss Siwerskyj Donez. [2][Seit
       2014 steht Donezk erneut unter Besatzung, seither durch Russland].
       
       Was bedeutete der Alltag im Zweiten Weltkrieg und unter deutscher Besatzung
       für die halbe Million Einwohner:Innen von Stalino? Und inwiefern lassen
       sich Parallelen aus dieser brutalen Geschichte von einst zur brutalen
       Gegenwart heute ziehen? Diesen Fragen geht das neue Projekt „Stalino.
       Geschichten einer besetzten Stadt“ des Onlinemediums dekoder nach, das sich
       auf wissenschaftlich fundierten Journalismus aus und über Osteuropa
       spezialisiert hat.
       
       ## Fünfteiliger Podcast und Scroll-Doku
       
       In Kooperation mit Forscher:innen vom Historischen Seminar der
       Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der [3][Journalistin und
       Historikerin Jasmin Lörchner] hat dekoder einen fünfteiligen Podcast und
       eine begleitende, mit aufwendigen Animationen und Kartenmaterial gestaltete
       Scroll-Doku erstellt, die das Erzählte vertieft.
       
       Dort kann man etwa nachlesen, dass sich nach dem Überfall von Hitlers
       Wehrmacht auf die UdSSR nur etwa jeder zehnte Bewohner auf dem Territorium
       der heutigen Ukraine vor den heranrückenden deutschen Truppen in Sicherheit
       bringen konnte. Offiziell evakuiert hat die sowjetische Führung nur ihre
       eigenen Leute, kriegswichtige Fabriken und spezialisiertes Personal.
       Anlagen, die man nicht rechtzeitig ins Hinterland verlegen konnte, wurden
       wie auch Bergwerke und die Infrastruktur gesprengt, um sie nach der
       Strategie der verbrannten Erde nicht dem Feind zu überlassen.
       
       Die Bevölkerung blieb schutzlos zurück: ohne Strom, Gas, Heizung und Wasser
       und mit wenigen Nahrungsvorräten. Die Rote Armee hatte sich vor dem
       Einrücken der Deutschen in Stalino am 20. Oktober 1941 zurückgezogen.
       
       ## „Stalino“: Projekt der Erinnerungen
       
       Unter denen, die in Stalino bleiben mussten, war auch der kleine Wowa.
       Seine schrecklichen Erfahrungen hat er später Historiker:Innen
       geschildert. Dekoder greift für das Projekt „Stalino“ auf insgesamt fünf
       solcher Erinnerungen von und an Zeitzeug:Innen zurück und verleiht
       damit der abstrakten Geschichte ein menschliches Antlitz.
       
       Umso grausamer erscheinen die Verbrechen der deutschen Militärangehörigen
       an der sowjetischen Zivilbevölkerung von Stalino, die sie entsprechend der
       antislawischen und antisemitischen Überzeugungen für unterlegen hielt.
       Hungrigen Kindern, die etwas gestohlen haben sollten, wurden Hände
       abgehackt. Jüdinnen und Juden aus Stalino haben die deutschen Besatzer
       systematisch ermordet.
       
       Nicht immer sind die Berichte der Zeitzeug:innen zuverlässig, es tun
       sich beim Geschilderten Lücken und Widersprüche auf. Bei der Einordnung des
       historischen Materials wird im Podcast auch immer wieder eine Metaebene
       eingenommen. Die Historiker:innen erklären ihre Arbeitsmethoden und
       was es bei der Oral History zu beachten gilt – etwa den Abgleich mit
       anderen Quellen. Und sie machen deutlich, dass die Geschichten der Menschen
       nicht schwarz-weiß sind.
       
       Die [4][Historikerin Tanja Penter] sagt, sowohl Kollaboration als auch
       Widerstand seien eigentlich Randerscheinungen gewesen. „Die meisten
       Menschen bewegten sich eher in den Grauzonen dazwischen. Und ihr Handeln
       war geprägt von Anpassungsbemühungen, von Überlebensstrategien, von
       fließenden Übergängen zwischen dem Arrangement mit den Besatzern, der
       unfreiwilligen Mitwirkung, aber auch dem punktuellen Widerstand gegen die
       Besatzer.“
       
       ## Kooperation und Kollaboration mit den Deutschen
       
       Ein gewisses Maß an Kooperation mit den Deutschen sicherte das nackte
       Überleben. Wowas Mutter wusch für die deutschen Soldaten Wäsche, im
       Gegenzug bekam sie für sich und ihre Familie kleine Mengen an
       Nahrungsmitteln oder geringe Geldsummen. Andere kollaborierten
       umgreifender.
       
       So etwa der Protagonist Andrej Eichman in der zweiten Episode des Podcasts.
       Eichman gehörte zur deutschen Minderheit in der Sowjetunion. Aufgrund
       seiner deutschen Sprachkenntnisse wurde er von den Besatzern als
       Bürgermeister installiert. Ein überzeugter Nazi war er wohl dennoch nicht,
       eher ein Opportunist.
       
       In den anderen Episoden erfährt man von einem jüdischen Mädchen, das in
       einem Versteck den Holocaust überlebt, von einer jungen Balletttänzerin,
       die für die Deutschen tanzt, und von einer Familie, die sich am Widerstand
       beteiligt. Viele Orte, die die Wehrmacht in der Ukraine besetzt und
       vernichtet hatte, seien nie zum Bestandteil unserer Erinnerung geworden,
       schreibt dekoder.
       
       ## Propagandistische Narrative aus der SU
       
       Es stimmt, dass der Vernichtungskrieg in Osteuropa nach wie vor „östlich
       unserer Erinnerung“ bleibt. Er ist zudem überlagert von propagandistischen
       Narrativen aus der Sowjetunion, die wiederum von Putins Russland
       instrumentalisiert wurden.
       
       So hat sich in der deutschen Erinnerung ein Verantwortungsbewusstsein
       gegenüber Russland, nicht aber gegenüber der Ukraine und anderen
       postsowjetischen Staaten herausgebildet – was Auswirkungen auch auf unser
       Handeln hat. Das Stalino-Projekt füllt eine Leerstelle, die schon viel zu
       lange besteht.
       
       21 Mar 2026
       
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