# taz.de -- Sowjetische Nostalgie: Lenin – ewig lebendig
       
       > In der Perestroika schien es, als wäre Russland bereit für einen Abschied
       > vom Lenin-Kult. Doch Putin nutzt ihn wieder für seine Erinnerungspolitik.
       
 (IMG) Bild: Lenin im Mausoleum am Roten Platz in Moskau
       
       Vor 102 Jahren balsamierten sowjetische Ärzte den Körper des verstorbenen
       Führers des Weltproletariats ein. Am 23. Januar wurde der Sarg mit Lenins
       Leichnam aus dem Moskauer Umland in die Hauptstadt gebracht. Innerhalb
       weniger Tage nahmen über eine Million Menschen an dem feierlichen Abschied
       teil. Daraufhin wurden in den Zeitungen Briefe „der Werktätigen“
       publiziert, die forderten, Lenins Körper für kommende Generationen zu
       bewahren.
       
       Tatsächlich waren diese Briefe [1][von Stalin initiiert]. Er bestand
       darauf, Lenin „mit modernsten Methoden für viele Jahre zu konservieren“ und
       ihn in einem speziell errichteten gläsernen Grabmal unterzubringen.
       
       Dagegen sprachen sich Lenins Weggefährten aus – Leo Trotzki und Nikolai
       Bucharin nannten dies eine „Beleidigung des Andenkens Lenins“. Auch
       Nadeschda Krupskaja war dagegen. Doch Stalin setzte sich durch: Die
       Sakralisierung des toten Lenin war für ihn politisch nützlich und verlieh
       der Parole „Stalin ist Lenin heute“ zusätzliches Gewicht.
       
       Das anstelle des provisorischen Grabmals errichtete marmorne Mausoleum
       wurde zum wichtigsten sakralen Ort des Landes. Von hier aus begrüßten
       Stalin und seine Nachfolger jubelnde Menschenmassen, nahmen Militär- und
       Sportparaden ab.
       
       Für ein halbes Jahrhundert wurde Lenin zu einem Symbol, auf das sich sowohl
       Täter als auch ihre Opfer beriefen. Im Großen Terror appellierten viele an
       den „guten Lenin“ im Gegensatz zu seinem vermeintlichen Antipoden Stalin,
       der die Ideale der Revolution „usurpiert“ habe. Dieses Bild des gütigen
       Lenin, des Volksbeschützers, hielt sich lange. Nach Stalins Tod wurden die
       Veränderungen im Land – der Verzicht auf den Massenterror, die Auflösung
       des GULAG, die Rehabilitierung von Opfern – in der Parteisprache als
       „Rückkehr zu den leninschen Normen“ bezeichnet. Diese Formel diente jedoch
       der Bewahrung des Partei- und Staatssystems.
       
       ## Die Ehrenwache wurde abgeschafft
       
       In den 1990er Jahren schien es, als sei die Gesellschaft bereit für einen
       Abschied. Die Schlange vor dem ersten McDonald’s in Moskau war deutlich
       länger als die vor dem Mausoleum – und das war ein Zeichen. Eine
       Entsakralisierung begann: Die Ehrenwache wurde abgeschafft, Lenins Figur
       verwandelte sich in ein Touristensouvenir – in eine Matrjoschka, aus der
       Stalin „herauskam“, gefolgt von weiteren sowjetischen Führern.
       
       Mit Beginn der Perestroika erhielt Lenins Bild neue Konturen.
       Veröffentlichte Archivdokumente zeigten die Brutalität, mit der Lenin von
       Beginn der Machtübernahme an vorging – im Bürgerkrieg ebenso wie bei der
       Schaffung des Systems, auf dem später der Stalinismus errichtet wurde. Es
       schien, als habe endlich der wirkliche Abschied begonnen. Doch dazu kam es
       nicht.
       
       Nicht nur aus Boris Jelzins Angst vor Protesten der Kommunisten. Mitte der
       1990er Jahre wurde eine wachsende Nostalgie nach der Sowjetzeit sichtbar –
       und mit ihr belebte sich auch die leninistisch-stalinistische Tradition.
       Auf dieser Nostalgie beruht auch die historische Mythologie Putins.
       
       ## Bestandteil eines imperialen Konstruktes
       
       Putin, der sich als orthodoxer Christ inszeniert, den Oktoberumsturz 1917
       verurteilt und den Kult um die Zarenfamilie unterstützt – also all das
       bejaht, wogegen Lenin kämpfte –, hätte eine Entfernung Lenins aus dem
       Mausoleum unterstützen müssen. Doch Lenin ist – wenn auch in geringerem
       Maße als Stalin – Teil jener sowjetischen Erinnerung, die Putin heute
       wiederherstellt, als Bestandteil eines national-imperialen Konstruktes.
       
       Deshalb ist das Mausoleum kein Museum, sondern bleibt als Symbol der
       [2][mythologischen sowjetischen Erinnerung] das wichtigste – wenn auch
       [3][nicht das einzige] – Lenindenkmal in Russland: Insgesamt gibt es rund
       30.000.
       
       4 Feb 2026
       
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