# taz.de -- Verfassungsschutz: Gefährlich und überflüssig
> In den letzten Jahren inszenierte sich der Verfassungsschutz angesichts
> der AfD als unverzichtbar. Heute hat er jegliches Vertrauen verspielt.
(IMG) Bild: Protest gegen den Verfassungssschutz in Hamburg 2025
Einmal lernte ich den Verfassungsschutz persönlich kennen, und das kam so:
2022 war die taz zu einer Veranstaltung in Bremen eingeladen. Es ging um
„Politische Gewalt damals und heute“. Ich sollte von unseren Recherchen
erzählen, zu Rechtsextremen bei [1][Polizei und Bundeswehr].
Auf dem Podium saß auch eine Vertreterin des Bremer Verfassungsschutzes.
Von dem, was sie erzählte, ist wenig hängen geblieben. Es waren
Allgemeinplätze zur Gefahr durch Extremisten, und wenn es konkret wurde,
antwortete sie: dazu könne sie nichts sagen, man müsse verstehen,
Geheimhaltung.
Der Auftritt war Teil einer Strategie der Behörde, die Öffnung in Richtung
der Zivilgesellschaft. Und sie funktionierte, zumindest bei mir. Aus Berlin
kommend, sah ich Bremen durch eine rot-rot-grüne Brille und dachte: Toll,
die sind alle so nett hier, sogar der Verfassungsschutz!
Mit meiner Naivität war ich zuletzt nicht allein. Nach dem [2][Auffliegen
des NSU] war es lange ein linker Allgemeinplatz, die Abschaffung des
Geheimdienstes zu fordern. Doch nun hat der Verfassungsschutz es geschafft,
sich als unverzichtbar zu inszenieren. Schuld ist die AfD. Selbst Menschen,
die skeptisch auf Geheimdienste schauen, warteten darauf, dass der
Geheimdienst die Partei als „gesichert rechtsextrem“ einstuft – als sei der
Verfassungsschutz ein TÜV-Siegel für Demokratiefeindlichkeit. Dann, so die
Hoffnung, würden auch SPD und CDU ein Verbotsverfahren unterstützen.
## Zerstörtes Vertrauen
Der Verfassungsschutz wurde mit mehr Finanzen und Personal ausgestattet. Es
schien glaubhaft, dass er sich vor allem auf die Bekämpfung von Islamismus
und Rechtsextremismus konzentrierte. Und dieses Ziel teilte man doch, oder?
Nun ist es mit der Naivität vorbei. Aktuell ist der Verfassungsschutz in
mehrere Skandale verwickelt. Und zeigt, dass mit ihm kein liberaler Staat
zu machen ist.
Am erschütterndsten ist der Skandal in Bremen, ausgerechnet. Über Jahre hat
der [3][Geheimdienst die Interventionistische Linke] ausspioniert. Er
bezahlte einen psychisch labilen Aktivisten, der mit anderen Mitgliedern
befreundet war und sexuelle Beziehungen führte. Er zerstörte das Vertrauen
von Menschen, die nichts Schlimmeres getan hatten, als sich gegen
Faschismus zu engagieren.
Als die Gruppe den Spitzel enttarnte, rächte sich offenbar der
Verfassungsschutz. Als hätte man noch nicht genug kaputt gemacht,
diskreditierte der Geheimdienst mutmaßlich einen Richter des Bremer
Verfassungsgerichts, der der Gruppe nahe gestanden haben soll. Und der
[4][Spiegel] ließ sich dabei willfährig vor den Karren des Geheimdienstes
spannen.
## Autoritäre Versuchungen
Nicht nur die Vorgänge in Bremen, auch die Absage des Preises für linke
[5][Buchhandlungen] zeigt: Je autoritärer Teile des Staates werden, je
größer die Versuchung des Autoritarismus für Konservative wie Wolfram
Weimer werden, desto gefährlicher wird der Geheimdienst.
Der Verfassungsschutz musste nicht einmal transparent machen, was er
vorliegen hat, um die Auszeichnung der Buchläden zu verhindern. Und in
Rheinland-Pfalz, wo am Sonntag gewählt wird, nennt der
Verfassungsschutzbericht einige „offene antifaschistische Treffen“. Die
kurze Erwähnung reichte aus, dass lokale Antifas ihren Treffpunkt im
Jugendzentrum verloren – zu groß die Angst der Betreiber, sonst
Fördergelder zu verlieren.
So skandalös diese Skandale für die demokratische Kultur sind, ist eines
zumindest wieder klargestellt: Der Verfassungsschutz ist gefährlich und
überflüssig. Für Bekämpfung von Terrorismus gibt es die Polizei, die
reformbedürftig ist, aber zumindest nicht im Dunkeln arbeitet. Und für
Aufklärung über extreme Rechte braucht man keinen Geheimdienst – da reicht
ein taz-Abo.
21 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Kersten Augustin
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