# taz.de -- Kampagne gegen Linke in Bremen: Ein Podium für den Verfassungsschutz
       
       > SPD und CDU lassen den Verfassungsschutzchef über Männlichkeit
       > diskutieren. Eine ähnliche Diskussion war angeblich wegen Drohungen
       > abgesagt worden.
       
 (IMG) Bild: Hat sich wegen eines V-Mann-Einsatzes bei Linken unmöglich gemacht: Bremens oberster Verfassungsschützer Thorge Koehler
       
       Noch regiert in Bremen die SPD mit Linken und Grünen, aber für kommenden
       Dienstag lädt sie mit der CDU zu einer Podiumsdiskussion in die
       Bürgerschaft. So ungewöhnlich wie die Zusammenarbeit der beiden Fraktionen
       ist das Thema: „toxische Männlichkeit“. Damit beschäftigen sich SPD und CDU
       – nicht nur in Bremen – eher selten.
       
       So nennt die CDU Bremen auf ihrer Website Tierschutz als wichtiges Thema,
       aber nicht Gleichstellung. Anders sieht es bei Linken und Grünen aus, und
       eigentlich sollte Parteipolitik bei dem Thema keine Rolle spielen, könnte
       man angesichts der [1][aktuellen Diskussion um sexuelle Gewalt] mithilfe
       digitaler Medien denken.
       
       Aber um Gleichstellung geht es auch gar nicht, das geht aus dem knappen
       Ankündigungstext hervor. Sondern um „klare Worte, offene Fragen und eine
       starke Demokratie“. Auch der Blick auf die Podiumsgäste offenbart, dass SPD
       und CDU ein anderes Ziel verfolgen.
       
       Einer der Gäste ist der Leiter des Bremer Verfassungsschutzes, Thorge
       Koehler. Ihm zur Seite gestellt sind ein Bielefelder Autor, der sich mit
       der Psyche von Männern beschäftigt, Bremens Landesfrauenbeauftragte und, so
       steht es in der Ankündigung, eine Mitarbeiterin von Schattenriss, einer
       Beratungsstelle für von sexueller Gewalt betroffene Mädchen.
       
       ## Männlichkeit heute
       
       Das Podium ist offenbar mit heißer Nadel zusammengestrickt worden. Denn
       tatsächlich handelt es sich bei der Mitarbeiterin um eine Bremer
       Schauspielerin, die ehrenamtlich im Förderverein von Schattenriss tätig
       ist. Sie hatte zugesagt, als Privatperson über das Thema zu sprechen. Weil
       SPD und CDU das in der Ankündigung falsch dargestellt hatten, hat sie ihre
       Zusage am Donnerstag wieder zurückgezogen, wie Schattenriss per Email
       mitteilte.*
       
       Laut Einladungstext sollen die Podiumsgäste Fragen beantworten: „Was
       bedeutet Männlichkeit heute? Wann wird aus Stärke Dominanz? Und wie
       begegnen wir als Gesellschaft Strömungen, die Gleichberechtigung und
       Vielfalt ablehnen?“
       
       Was den Verfassungsschützer Koehler für seine Teilnahme qualifiziert? Die
       Vorgeschichte der Veranstaltung, das schreiben SPD und CDU in ihrer
       Pressemitteilung. Ursprünglich hatte Koehler am 12. März in der
       Bürgerschaft sprechen sollen, auf Einladung der Landesfrauenbeauftragten.
       Da lautete der Titel der Podiumsdiskussion „Macht, Männlichkeit und
       Frauenhass“. Aus dem Ankündigungstext wird offensichtlich, dass der
       Verfassungsschützer dazu etwas zu sagen hat.
       
       „Wenn sich ein Geschlecht über ein anderes stellt, geht es um Macht,
       Kontrolle und die gezielte Ablehnung der Geschlechtergleichheit – ein
       verfassungsrechtlich garantiertes Grundrecht und Fundament unserer
       Demokratie“, heißt es darin.
       
       Und weiter: „Antifeminismus wendet sich pauschal gegen Gleichstellung und
       Vielfalt in der Gesellschaft und ist fester Bestandteil rechter sowie
       extremistischer religiöser Ideologien. Spätestens, wenn dieses Gedankengut
       in der Mitte der Gesellschaft ankommt, wird es brandgefährlich.“
       
       Diese Veranstaltung hatte die Landesfrauenbeauftragte abgesagt. Sie
       begründete dies mit einem „polarisierten politischen Klima“, das bei der
       Planung im Dezember nicht abzusehen war.
       
       Gemeint ist: Ende Januar hatte eine linke Gruppe in Bremen einen [2][V-Mann
       des Verfassungsschutzes in den eigenen Reihen enttarnt]. Dieser soll
       rechtswidrig intime Beziehungen mit seinen Spitzel-Objekten geführt haben.
       Kurz darauf [3][begannen Medien und Opposition eine Kampagne] gegen die
       angeblich von Linksextremen unterwanderte rot-rot-grüne Koalition.
       
       „Dieser Stimmung möchten wir die Veranstaltung und die Referent*innen
       nicht aussetzen“, heißt es in einem Statement der Frauenbeauftragten. Das
       ist missverständlich formuliert, denn zu diesem Zeitpunkt hatten die
       Referent:innen mit Ausnahme Koehlers von sich aus abgesagt.
       
       Ein Beispiel für die „Stimmung“ lieferten der Weser-Kurier und Radio Bremen
       mit ihrer Berichterstattung über die Absage. Sie deuten sie als weiteren
       Beleg für eine gefährliche linksextreme Szene in Bremen – nach Recherchen
       der taz mithilfe falscher Tatsachenbehauptungen.
       
       Die Zeitung schreibt: „Nach Informationen des [4][Weser-Kuriers] wurden
       Teilnehmer der Podiumsdiskussion privat kontaktiert und so unter Druck
       gesetzt, dass sie ihre Zusage für die Veranstaltung zurückzogen.“ Eine
       Person sei „bei einer Begegnung in einem Supermarkt“ bedroht worden.
       
       Radio Bremen berichtet von [5][„Einschüchterungsversuchen“] und nennt die
       Absage in einem Kommentar „fatal“. Das würde den „Protestlern“
       signalisieren: „Ihr habt euch mit eurer Lautstärke, eurer Aggressivität und
       eurer Ideologie durchgesetzt.“
       
       ## Informationen aus dritter Hand
       
       Beide Medien nennen keine Quelle. Es handelt sich um Informationen aus
       dritter Hand – die sich nicht verifizieren lassen. Das Mädchen*zentrum, das
       mit einer Mitarbeiterin an der Podiumsdiskussion hatte teilnehmen wollen,
       [6][schreibt auf Instagram], sie seien „zu keinem Zeitpunkt bedroht oder
       gedrängt“ worden. Die Teilnahme hätten sie zurückgezogen, weil das geplante
       Thema Antifeminismus nicht mehr im Mittelpunkt der Veranstaltung gestanden
       hätte.
       
       Dies sagt auch die Geschäftsführerin der Gewitterziegen sowie eine weitere
       Person, die als Gast geladen war. Die vierte und damit letzte Person äußert
       sich nicht – dafür teilt die Staatsanwaltschaft mit, diese habe ausgesagt,
       sie sei ebenfalls nicht bedroht worden.
       
       Dennoch würde wegen Bedrohung gegen unbekannt ermittelt, sagt der Sprecher
       der Staatsanwaltschaft. Es sei jemand im Supermarkt angesprochen worden
       sein – in welchen Zusammenhang das mit der Veranstaltung steht, kann er
       nicht sagen. Zudem habe eine Person eine anonyme E-Mail bekommen.
       
       Tatsächlich hatten alle an der Veranstaltung beteiligten Personen und
       Institutionen drei Wochen vorher eine Rundmail bekommen, unterzeichnet von
       „Kolleg:innen, Freund:innen, Queers, Feminist:innen, People of Color,
       Blacks aus Bremen“. Diese fordern darin die Ausladung des
       Verfassungsschutzleiters, weil er den Einsatz des V-Manns erlaubt habe.
       
       ## Manipulative und machtvolle Beziehungen
       
       Patriarchale Gewalt finde in einem gesellschaftlichen System statt. Koehler
       sei „ein Mitwisser, der mindestens billigend in Kauf genommen hat, dass
       Frauen* sich auf eine manipulative und machtvolle Beziehung eingelassen
       haben“, heißt es in der Mail. Sie seien fassungslos, dass sich
       Feminist:innen angesichts dessen mit ihm über Macht und Männlichkeit
       austauschen wollten.
       
       Das Schreiben ist sachlich, hat keinen drohenden Charakter; es betont die
       Verwundbarkeit derjenigen, die bespitzelt worden sind. Sie bekämen kein
       Podium und würden weiter „stigmatisiert und kriminalisiert“ – etwa als
       [7][„knallharte Extremisten“], als die sie der Weser-Kurier in einem
       Kommentar bezeichnet hatte.
       
       3 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Juristin-ueber-Deepfakes/!6166462
 (DIR) [2] /Verfassungsschutz-ueberwacht-Bremer-IL/!6147879
 (DIR) [3] /Bremer-V-Mann-Skandal/!6150978
 (DIR) [4] https://www.weser-kurier.de/bremen/abgesagte-podiumsdiskussion-in-bremen-spd-und-cdu-einig-in-bewertung-doc84taivbn6mf1iyppa96n
 (DIR) [5] https://www.butenunbinnen.de/videos/verfassungsschutzchef-absage-podiumsrunde-buergerschaft-100.html
 (DIR) [6] https://www.maedchenhaus-bremen.de/social-media/weiterleitung-instagram.php
 (DIR) [7] https://www.weser-kurier.de/bremen/politik/kommentar-die-bremer-linken-verharmlosen-den-linksextremismus-doc84omrlk69b4a3lwx372
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eiken Bruhn
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Verfassungsschutz
 (DIR) Bremer V-Mann-Skandal
 (DIR) Antifeminismus
 (DIR) Sexismus
 (DIR) Bremen
 (DIR) Collien Fernandes
 (DIR) Kolumne Materie
 (DIR) Podcast „Bundestalk“
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Jurist:in über Deepfakes: „Wir haben ein massives Durchsetzungsproblem“
       
       Der Fall Fernandes sei untypisch für die Opfer digitaler Gewalt, sagt die
       Jurist:in Petra Sußner. Nun gelte es, die Aufmerksamkeitskonjunktur zu
       nutzen.
       
 (DIR) Verfassungsschutz: Gefährlich und überflüssig
       
       In den letzten Jahren inszenierte sich der Verfassungsschutz angesichts der
       AfD als unverzichtbar. Heute hat er jegliches Vertrauen verspielt.
       
 (DIR) Der Verfassungsschutz rückt näher: Alles durchleuchtet?
       
       Der Verfassungsschutz prüft immer mehr: NGOs, Bewerber:innen,
       Buchhandlungen. Ein politischer Trend und seine Folgen.