# taz.de -- Grüne-Jugend-Chef zum grünen Wahlsieg: „Uns hat niemand gezwungen, die Klappe zu halten“
       
       > Der Sprecher der Grünen Jugend, Luis Bobga, stellt trotz Kritik weiterhin
       > öffentlich Forderungen an Cem Özdemir. Der dürfe sich gern mal bei ihm
       > melden.
       
 (IMG) Bild: Will das progressive Lager an sich vergrößern: Luis Bobga, Bundessprecher der Grünen Jugend
       
       taz: Herr Bobga, seit Sonntag um 18 Uhr können Sie wieder frei sprechen.
       Wie fühlt es sich an? 
       
       Luis Bobga: Gut. Aber uns hat auch vorher niemand gezwungen, die Klappe zu
       halten. Cem wollte seinen Wahlkampf alleine führen und das haben wir ihn
       machen lassen. Wir haben die Grüne Jugend Baden-Württemberg unterstützt.
       Ihre Kampagne hat dazu beigetragen, dass die Grünen bei jungen Menschen
       wieder stärkste Kraft geworden sind. Das freut uns.
       
       taz: Dass dem Spitzenkandidaten im Wahlkampf niemand dazwischenfunkt, war
       also eher ein stilles Übereinkommen als eine formelle Vereinbarung? 
       
       Bobga: Wir mussten nichts unterschreiben. Hätten wir auch nicht gemacht.
       
       taz: Leicht kann es Ihnen aber nicht gefallen sein, wochenlang zu
       schweigen? 
       
       Bobga: Mir ist so einiges durch den Kopf gegangen, als Boris Palmer im
       Wahlkampf auftauchte oder [1][als Cem mir in einem Interview vorgeworfen
       hat,] ich würde Menschen mit dem Hintern ins Gesicht springen. Am Ende sind
       wir aber immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass er seinen Wahlkampf
       führen soll und wir alles Weitere danach klären.
       
       taz: Noch am Wahlabend [2][haben Sie ihn dann öffentlich kritisiert und ihm
       einen Forderungskatalog für die Koalitionsverhandlungen geschickt.] Das kam
       in der Partei nicht gut an. 
       
       Bobga: Wir haben bewiesen, dass wir mit der Partei zusammenarbeiten können.
       Sie darf für sich eigene Strategien entwickeln. Am Ende muss man aber
       kritisch prüfen, ob die Strategie richtig war. Einige Punkte konnten wir
       nicht unwidersprochen stehen lassen, weil uns junge Menschen innerhalb und
       außerhalb des Verbands immer wieder gefragt haben: „Leute, was geht
       eigentlich ab?! Ich erkenne hier die Grünen nicht wieder.“
       
       taz: Den Ärger über Ihre Kritik können Sie nicht verstehen? 
       
       Bobga: Wir waren verwundert darüber, wie viele sich über uns beschweren und
       sagen, der Wahlabend sei für den Jubel reserviert. Damit kann ich nicht
       viel anfangen. Ein gutes Wahlergebnis ist kein Wert für sich. Natürlich
       freut uns ein starkes grünes Ergebnis, aber es muss auch in eine Politik
       übertragen werden, die den Menschen nützt. Schauen wir uns an, warum Cem
       Özdemir Ministerpräsident wird: Im Kopf-an-Kopf-Rennen mit Manuel Hagel
       haben sich in den letzten Tagen vor allem progressive Wählerinnen und
       Wähler von Linken und SPD hinter ihm versammelt. Daraus ergibt sich ein
       Auftrag.
       
       taz: Welcher? 
       
       Bobga: Cem sagt selbst, dass er eine Regierung im Interesse der Bürgerinnen
       und Bürger Baden-Württembergs führen möchte. Das ist gut. Was ist deren
       Interesse? Beispielsweise eine Vermögenssteuer. Dafür gibt es in Umfragen
       eine Zustimmung von 70 Prozent und das könnte man im Bundesrat
       vorantreiben. Das führt uns auch zur Frage von 2029.
       
       taz: Die wäre? 
       
       Bobga: Reicht es uns mit Blick auf die nächste Bundestagswahl, dass sich
       das progressive Lager hinter den Grünen versammelt, oder müssen wir nicht
       das progressive Lager an sich vergrößern? Ich bin bei Letzterem. Sonst
       streiten sich weiter nur CDU und AfD um den ersten Platz.
       
       taz: Wie wollen Sie neue Gruppen ansprechen? 
       
       Bobga: Man traut den Grünen nachweislich nicht zu, für soziale
       Gerechtigkeit zu sorgen. Uns wählen vor allem Menschen, denen es
       wirtschaftlich gut geht. Das gilt es zu ändern.
       
       taz: Gewonnen hat Özdemir doch auch, weil er mehr konservative
       Wähler*innen gebunden hat als die Grünen im Bund. Lässt sich daraus gar
       nichts lernen? 
       
       Bobga: Man kann seinen Kurs nicht auf die Bundesebene ummünzen. Franziska
       Brantner spricht davon, dass man aus der Wahl den Pragmatismus mitnehmen
       müsse. Dafür bin ich grundsätzlich offen, aber ich verstehe darunter etwas
       Anderes als sie: Wenn sich Menschen in diesem Land den Einkauf nicht mehr
       leisten können, müssen wir dafür sorgen, dass ihr Leben wieder bezahlbar
       wird. Das geht nicht, indem man einfach nur den Mindestlohn um 30 Cent
       erhöht oder die Mietpreisbremse verlängert. Es braucht gravierende
       Lösungen. Was ist eigentlich mit einem Mietendeckel und warum stehen wir
       Grüne dafür noch nicht bundesweit ein?
       
       taz: Cem Özdemir hat [3][mit der Mietpreisbremse Wahlkampf gemacht, dem
       moderateren Instrument also.] Das hat mittige Wähler*innen offenbar
       nicht verschreckt und linke Wähler*innen trotzdem angesprochen. 
       
       Bobga: Befragungen zufolge haben 50 Prozent wegen des Kandidaten Özdemir
       die Grünen gewählt. Daraus können wir vor allem mitnehmen, dass
       Personalisierung in Wahlkämpfen nützt. Das hat am Sonntag genauso in
       München funktioniert, wo der grüne Kandidat Dominik Krause bei der
       Oberbürgermeisterwahl mit 30 Prozent sehr erfolgreich in die Stichwahl
       gekommen ist – gerade im Bereich Mieten mit deutlich klareren Forderungen.
       Wenn die Inhalte zur Person passen, funktioniert Personalisierung also auch
       mit linkeren Kandidaten.
       
       taz: Der Mietendeckel steht auch in Ihrem Forderungskatalog an Cem Özdemir
       vom Sonntag. Ist das für Sie der wichtigste Punkt? 
       
       Bobga: Es gibt da keine Rangfolge. Mich hat am Sonntag aber stark
       beschäftigt, dass sich die AfD in Baden-Württemberg im Vergleich zur
       letzten Wahl fast verdoppelt hat. In all den Wahlbewertungen aus unserer
       Partei kommt das nicht vor und das finde ich fahrlässig.
       
       taz: Im Papier fordern Sie konkret, Baden-Württemberg müsse „zum Motor für
       die Prüfung eines AfD-Verbotsverfahrens im Bundesrat werden“. 
       
       Bobga: Da haben die Grünen in Rheinland-Pfalz in ihrem Landtagswahlkampf,
       der gerade noch läuft, einen wahnsinnig guten Job gemacht. Sie sagen: Für
       uns ist das eine Koalitionsbedingung. Cem Özdemir wäre gut beraten, das
       auch mit in seine Koalitionsverhandlungen zu nehmen. Die andere Ebene sind
       für mich die Wählerinnen und Wähler der AfD. Es gibt Gründe, warum sie
       anderen Parteien nicht mehr vertrauen. Und das führt wieder zu den
       materiellen Fragen: Sie haben oft das Gefühl, dass sie sich ihr Leben nicht
       mehr leisten können und der Staat für sie nicht funktioniert.
       
       taz: Eine Gegenthese: Dass die Grünen gewinnen konnten und die AfD unter
       den eigenen Erwartungen blieb, hatte auch damit zu tun, dass Migration
       nicht im Zentrum des Wahlkampfs stand. Cem Özdemir hat seinen Kontrahenten
       keine Angriffsfläche geboten, weil er sich bei dem Thema rechts der eigenen
       Partei positioniert hat.
       
       Bobga: Ich glaube nicht, dass es mit der fehlenden Angriffsfläche zu tun
       hat. Es liegt eher daran, dass sich Cem bewusst auf Themen fokussiert hat,
       die er einbringen wollte, und selbstbewusst bei diesen Themen geblieben
       ist, auch wenn Markus Frohnmaier und Manuel Hagel in Diskussionsrunden die
       Migrationspolitik aufgemacht haben. Das war ein Unterschied zum
       Bundestagswahlkampf, wo Robert Habeck dem Druck rechter Narrative nicht
       standhielt.
       
       taz: Sie spielen auf den Zehn-Punkte-Plan zur Sicherheitspolitik an, [4][in
       dem Robert Habeck 2025 kurz vor der Wahl mehr Abschiebungen forderte.] Was
       war für Sie schwerer zu ertragen: dieser Plan damals oder Cem Özdemirs
       Auftritte mit Boris Palmer? 
       
       Bobga: Robert Habeck hat bewährte und gut begründete inhaltliche Positionen
       der Partei verschoben. Das ist noch mal ein Unterschied zu Boris Palmer,
       der als einzelne Person auftritt. Intern erlebe ich in der Partei eine sehr
       große Einigkeit darüber, dass für ihn kein Platz ist – schon gar nicht in
       einem Regierungsamt. Fragwürdig finde ich, dass sich die Parteispitze dazu
       öffentlich nicht klar positioniert.
       
       taz: Finden Sie es richtig, dass Mitglieder der Grünen Jugend Boris Palmer
       angeblich von der Wahlparty in Stuttgart werfen wollten? 
       
       Bobga: Ich wüsste nicht, warum Boris Palmer auf einer Grünen-Party
       herumlaufen sollte. Daher finde ich es legitim, falls das vor Ort auch so
       ausgesprochen wurde.
       
       taz: Zu Ihrer Forderung, Palmer keinen Posten zu geben, [5][hat Cem Özdemir
       im SWR gesagt:] „Das entscheiden die nicht. Punkt. Ende der Durchsage.“
       Vielleicht war Ihr Forderungskatalog ein Eigentor und in Stuttgart heißt
       es: jetzt erst recht. 
       
       Bobga: Von einem Ministerpräsidenten erwarte ich so viel Charakterstärke,
       dass er sich nicht davon leiten lässt, ob die Grüne Jugend recht bekommt –
       sondern dass er tatsächlich tut, was im Interesse der Bürgerinnen und
       Bürger ist. Ein Ministerposten für Boris Palmer, der wiederholt mit
       rassistischen Aussagen aufgefallen ist, gehört meines Erachtens nicht dazu.
       
       taz: Freut es Sie zumindest, dass mit Cem Özdemir erstmals ein Politiker
       aus einer türkischen Einwandererfamilie Ministerpräsident wird? 
       
       Bobga: Ich erkenne an, dass das für viele Menschen mit Migrationsgeschichte
       ein wichtiges Zeichen ist und sie berührt. Doch Repräsentation allein
       reicht nicht, wenn Häuser wie die Staatskanzlei nach wie vor vor allem von
       unterbezahlten migrantischen Frauen gereinigt werden.
       
       taz: Im SWR hat Özdemir auch beklagt, dass es viele junge Wähler*innen
       gebe, die die Grünen gut finden, aber nicht selbst eintreten, da sie den
       linken Kurs der Grünen Jugend ablehnen. 
       
       Bobga: Damit stößt er den Hunderten Mitgliedern der Grünen Jugend
       Baden-Württemberg vor den Kopf, die Tag und Nacht für ihn auf der Straße
       waren. Ohne ihre Unterstützung hätte er die Wahl nicht gewonnen, dafür war
       sein Vorsprung zu knapp.
       
       taz: Es gibt junge Grüne, die sich in der Grünen Jugend nicht wiederfinden
       und stattdessen eigene Treffen abhalten. Warum integrieren Sie die nicht? 
       
       Bobga: Wir sind offen für alle jungen Menschen, die zu den Grünen kommen.
       Wir sind basisdemokratisch organisiert. Auf unserem Bundeskongress kann
       jedes Mitglied Anträge einbringen und kandidieren. Die Mehrheiten im
       Verband sind aber, wie sie sind.
       
       taz: Franziska Brantner sagt, sie wünsche sich, dass Cem Özdemir als
       Ministerpräsident auch bundespolitisch mitmischt. Teilen Sie das? 
       
       Bobga: Weil sich Cem richtigerweise um die Interessen der Bürgerinnen und
       Bürger in Baden-Württemberg kümmern möchte, halten sich meine Sorgen in
       Grenzen, dass wir ihn oft in Berlin sehen werden.
       
       taz: Wie oft tauschen Sie sich denn mit ihm aus? 
       
       Bobga: Noch nie.
       
       taz: Wie bitte? 
       
       Bobga: Cem Özdemir ist bisher nicht auf uns zugetreten. Unsere Grüne Jugend
       vor Ort ist regelmäßig mit ihm im Austausch. Das ist so auch normale
       Praxis. Wenn ich zu allen grünen Landesvorsitzenden, Ministerpräsidenten
       und Stellvertretern Kontakt halte, käme ich nicht zu meiner Hauptaufgabe,
       mich um meinen Verband zu kümmern. Mit unseren Bundesvorsitzenden sowie der
       Bundestagsfraktion sind wir im ständigen Austausch.
       
       taz: Der designierte Ministerpräsident von Baden-Württemberg dürfte sich
       aber bei Ihnen melden? 
       
       Bobga: Immer.
       
       13 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://politik.watson.de/politik/interview/718073265-cem-oezdemir-haftbefehl-kollaboration-geplant-kritik-an-gruener-jugend
 (DIR) [2] /Erster-migrantischer-Ministerpraesident/!6161008
 (DIR) [3] /Landtagswahl-in-Baden-Wuerttemberg/!6154429
 (DIR) [4] /Indirekte-Kritik-an-Habeck/!6067711
 (DIR) [5] https://www.swr.de/swraktuell/wahlen/landtagswahl/erster-grosser-tv-auftritt-von-oezdemir-nach-landtagswahl-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tobias Schulze
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Wahl in Baden-Württemberg
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Grüne Jugend
 (DIR) Cem Özdemir
 (DIR) Boris Palmer
 (DIR) GNS
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Grüne Jugend
 (DIR) Wahl in Baden-Württemberg
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Grüne nach der Wahl in Baden-Württemberg: Keine Zeit für den Richtungsstreit
       
       Was können die Grünen von Cem Özdemir lernen? Die Debatte darüber führen
       die Grünen am Tag danach eher subtil. Nur die Grüne Jugend macht Ärger.
       
 (DIR) Erster migrantischer Ministerpräsident: Vorbild oder Verräter?
       
       Nicht alle, die mit Cem Özdemir eine Einwanderungsgeschichte teilen, freuen
       sich über seinen Wahlsieg. Die Grüne Jugend stellt sogar Forderungen.
       
 (DIR) Landtagswahl in Baden-Württemberg: Langt das?
       
       Cem Özdemir zielt im Wahlkampf auf die Mitte, Konkurrenz bekommt er
       erstmals von links. Gegen sie setzt der Spitzenkandidat eine Geheimwaffe
       ein.