# taz.de -- Drohnenangriff auf Lwiw: Unesco-Welterbe unter russischem Beschuss
> Eine russische Drohne schlug Dienstag im historischen Stadtzentrum von
> Lwiw ein. Es gab 27 Verletzte, ein Wohnhaus neben der St.-Andreas-Kirche
> stand in Flammen.
(IMG) Bild: Ein Wohnhaus neben der St.-Andreas-Kirche im historischen Stadtzentrum von Lwiw brennt nach russischem Drohnenangriff, 24. März 2026
Es war ein Novum für das westukrainische Lwiw: Zum ersten Mal seit Beginn
des Krieges in der Ukraine hat Russland das historische Zentrum der
Großstadt mit Drohnen angegriffen. Am Dienstagmittag traf eine russische
Drohne vom Typ Shahed ein dreistöckiges Wohnhaus auf dem Gelände des
historischen Bernhardinerklosters, während sich Hunderte Menschen in den
umliegenden Straßen aufhielten.
Sie wurden Zeugen, wie die Drohne über eine Straße mit Universitäts- und
Krankenhausgebäuden flog und dann ein Haus neben der St. Andreas Kirche
traf – eine der bekanntesten und beliebtesten Kirchen der Stadt. Sie gehört
zum architektonischen Ensembles des historischen Stadtzentrums, das bereits
1998 in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen wurde.
Eine Trümmerwolke fiel auf in der Nähe parkende Autos und den Markt, nur
etwa 300 Meter vom Rathaus entfernt. Während die Rettungskräfte den Brand
löschten und den Verletzten halfen, waren in der Stadt weitere Explosionen
zu hören, wodurch die Zahl der Verletzten auf 27 stieg.
## Erster Angriff auf das historische Stadtzentrum
„Lemberg wurde bereits Dutzende Male mit Raketen und Drohnen angegriffen,
aber heute wurde zum ersten Mal das Stadtzentrum getroffen“, erklärte
Bürgermeister Andrij Sadowyj gegenüber der taz und fügte hinzu, dass die
Stadt begonnen habe, Informationen an das Unesco-Büro weiterzuleiten.
„Die Welt soll wissen, dass Russland gezielt Wohnhäuser und
Weltkulturerbestätten angreift. Das sind Barbaren“, betonte der
Bürgermeister inmitten einer für dieses sonst so lebhafte Viertel
ungewöhnlichen Stille.
Die meisten der historischen Glasfenster der Kirche, die aus dem frühen 17.
Jahrhundert stammen, blieben dank der Holzpaneele, mit denen sie seit
Beginn der Invasion geschützt werden, unversehrt. In einem benachbarten
Wohnhaus hingegen wurden Dutzende Wohnungen zerstört.
## Einwohner helfen sich gegenseitig
„Die Menschen sind unter Schock, aber konzentrieren sich jetzt gleichzeitig
darauf, einander zu helfen“, sagt die 21-jährige Nastya Jufan. Mit einer
Thermoskanne heißen Tees und einer Tüte Kekse ist sie zum Angriffsort
gekommen, kaum dass der Luftalarm vorbei war, um den Anwohnern zu helfen.
„Trotz der Raketen und Angriffe ist Lemberg eine sehr schöne Stadt“, betont
die junge Frau. Sie träume davon, dass ihre ausländischen Freunde einmal
die Stadt besuchen und ihre Architektur bewundern können, die dank des
jahrhundertelangen Zusammenlebens verschiedener ethnischer und kultureller
Gruppen entstanden ist.
„Ich mache mir Sorgen, dass, je länger der Krieg dauert, immer mehr Schönes
verschwindet und es immer weniger gibt, was sie sich dann anschauen
können“, sagt Nastya.
## Fast tausend russische Drohnen an einem Tag
Der Bürgermeister sagt, das Militär könne besser erklären, wie russische
Drohnen überhaupt bis ins Stadtzentrum gelangen konnten. Die ganze Ukraine
habe an diesem Tag [1][einen der größten Angriffe des ganzen Krieges
erlebt] und fast tausend Drohnen abgewehrt, betont er.
Der Angriff am helllichten Tag kam für die Menschen in Lwiw etwas
überraschend. Meistens gibt es nur nachts Luftalarm. Zwar gab es auch
früher tödliche Raketenangriffe, doch allgemein wird Lwiw weit weniger
häufig angegriffen [2][als etwa Kyjiw] oder die Städte im Osten, Norden und
Süden der Ukraine.
## Eine zerbrechliche Welt
„Für mich ist die Stadt wie ein Mensch. Und dieser Mensch wurde heute
verletzt“, sagt die Englisch-Lehrerin Zoreslava Tarach, die während des
Angriffs versuchte, sich in ihrer Wohnung möglichst weit weg von den
Fenstern aufzuhalten und sich mit einem Podcast von den Explosionen
abzulenken.
„Es tut mir weh, weil ich diesen Ort sehr liebe. Jetzt wird er davon
zeugen, dass man nirgends mehr sicher ist, und dass die Welt, die ich
kannte, sehr zerbrechlich ist“, erklärt sie ihre aktuelle Gefühlslage.
Zoreslava sieht die jüngsten Angriffe als Racheakt für die ukrainischen
Angriffe auf die russische Ölinfrastruktur, vor allem aber als Versuch, die
Bevölkerung zu demoralisieren: „Während wir ihrer Wirtschaft Schaden
zufügen, betreiben die Russen Terror“, fasst sie zusammen.
Dennoch glaubt sie, dass solche Angriffe die Ukrainer nicht „brechen“
können und dass sie „keine andere Wahl haben, als zu siegen“. Schon am
Morgen nach dem Beschuss waren wieder Dutzende Besucher in der Kirche, und
auch die Blumenverkäufer auf dem benachbarten Markt waren wieder da.
„In all den Jahren hat Russland es nicht geschafft, uns richtig
kennenzulernen, oder ist einfach nicht fähig dazu, uns zu verstehen“,
betont Zoreslava.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
25 Mar 2026
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