# taz.de -- 1.496 Tage Krieg in der Ukraine: Habsburger Kachelöfen im Kampf gegen die Kälte
       
       > Russland zerbombt die ukrainische Energieinfrastruktur. Im
       > westukrainischen Lwiw, das einst in Österreich-Ungarn lag, werden alte
       > Öfen reaktiviert.
       
 (IMG) Bild: Rostyslav Kusyk am schneeweißen Kachelofen in der Kunstbibliothek von Lwiw
       
       Mit dem Beschuss des ukrainischen Energiesystems versucht Russland, wie
       seine Propagandisten behaupten, „die Ukraine in die Steinzeit
       zurückzujagen“. Trotz Milliardenausgaben und verlorener Menschenleben ist
       ihnen das allerdings bislang nicht gelungen.
       
       Moderne Geräte wie Akkumulatoren in den Wohnungen und Dieselgeneratoren auf
       den Straßen, aber auch gewöhnliche Taschenlampen, Powerbanks und
       Campingzelte haben den Ukrainern geholfen, den schwersten Winter in der
       jüngsten Geschichte zu überstehen.
       
       Aber manchmal kommen auch alte und fast vergessene Dinge zu Hilfe. Für
       Hunderte von Familien und Einrichtungen in Lwiw wurden zum Beispiel alte
       Kachelöfen zu einem Faktor der Stabilität in den langen dunklen und kalten
       Winterstunden. Solche Öfen findet man noch zu Tausenden in den Häusern, die
       zu der Zeit gebaut wurden, als die Stadt noch zum Habsburger Reich gehörte,
       also bis 1918.
       
       ## Die Öfen bei der Renovierung sicherheitshalber überprüft
       
       „Als wir die Räume 2023 restaurierten, haben wir begriffen, dass Russland
       unser Energiesystem wieder angreifen könnte. Statt moderne Geräte
       einzubauen, haben wir die Öfen überprüft und uns vergewissert, dass man
       noch mit ihnen heizen kann“, erzählt Rostyslav Kusyk, Dichter und Leiter
       der Kunstbibliothek, während das Feuer im schneeweißen Ofen prasselte, der
       wohl schon 120 Jahre alt ist.
       
       Die Bibliothek wurde in einer Wohnung eingerichtet, in der die
       Restauratoren so viele Originaldetails wie möglich wiederhergestellt haben.
       In jedem Zimmer steht ein Ofen. Und jeder von ihnen hat seine eigene
       Geschichte.
       
       Damals wurden sie in lokalen Betrieben hergestellt, darunter auch dem von
       [1][Iwan Lewynskyj, einem Pionier des industriellen Bauens in der Ukraine].
       Nicht wenige stammen jedoch aus Böhmen und anderen Teilen des
       Habsburgerreiches. Die Vielfalt an Farben, Formen und Mustern der Kacheln
       zeugt davon, dass die Öfen neben der praktischen stets auch eine dekorative
       Funktion hatten.
       
       ## Kachelöfen als Konstante
       
       Im Laufe der Zeit und mit den verheerenden Auswirkungen der Kriege änderten
       sich die Sprache der Wohnungsinhaber und die Straßennamen, in denen sich
       diese Wohnungen befanden. Nur die Öfen blieben die gleichen – als stumme
       Zeugen einer vergangenen Zeit, erfüllten sie bescheiden ihre Rolle.
       
       Noch immer ragen Tausende von Schornsteinen in den Himmel über Lwiw und in
       den Innenhöfen finden sich uralte Vorrichtungen, mit denen Kohle und
       Brennholz in die einzelnen Stockwerke befördert wurden.
       
       Später wurden die Öfen auf billiges Gas umgestellt, das zunächst aus
       Lagerstätten im Westen der Ukraine und später aus Russland kam. Und dann
       wurde auch diese Variante zu teuer, sodass die Öfen hauptsächlich zur
       Dekoration in den Wohnungen blieben.
       
       Aber nichts hinderte daran, den Ofen wieder mit Holz zu heizen.
       
       ## Die besondere Wärme des Feuers
       
       „Kachelöfen geben nicht nur eine ganz besondere Wärme, sondern
       unterstreichen auch unsere langjährige Verbundenheit mit dem Rest Europas“,
       sagt mein Vater, der Herzchirurg Vitalij, während er Holzscheite in den
       Ofen schiebt, dessen Farbe je nach Lichteinfall von Blau zu Graugrün
       changiert.
       
       Einige Eimer mit Brennholz stehen im ehemaligen Kinderzimmer. In den 1990er
       und Nullerjahren, als ich noch Kind war, schien es trotz der
       wirtschaftlichen Schwierigkeiten, dass „die Geschichte ein Ende findet“ und
       ihr ständiger Strudel sich in diesen Ländern endlich in einen Weg der
       Entwicklung und eines friedlichen Lebens verwandeln würde. Wie naiv dieser
       Gedanke doch war!
       
       Manche erlagen der Versuchung, bei der Renovierung ihrer Wohnungen die Öfen
       zu entfernen, um mehr Platz zu haben. Darum haben heute nicht mehr alle
       diese zusätzliche Option, sich vor der Kälte zu schützen.
       
       Mein Vater hingegen erinnerte sich an die Worte seiner Eltern, die die
       schrecklichen Jahre des Zweiten Weltkrieges miterlebt hatten und immer
       sagten, wie wichtig es sei, Notfalllösungen für alle Fälle zu haben.
       
       Darum blieben unsere Öfen, selbst dann, als in der Wohnung ein modernes
       Heizungssystem installiert wurde, das mit Strom und Gas betrieben wurde.
       Und wenn das Feuer jetzt hinter den edlen Ofenklappen leuchtet wie schon
       ein Jahrhundert zuvor, gibt das die Hoffnung darauf, dass die Stadt und
       ihre Bewohner mit dieser Wärme die Kälte und den Zynismus des Feindes
       besiegen werden.
       
       Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
       
       31 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=6_loztz9hTA
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rostyslav Averchuk
       
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