# taz.de -- Landtagswahl in Baden-Württemberg: Sie können alles, außer bislang Wahlrecht
       
       > Bei der Landtagswahl am Sonntag gilt in Baden-Württemberg erstmals ein
       > neues Wahlrecht. Warum das alte so kompliziert war und was sich nun
       > ändert.
       
 (IMG) Bild: Wähler:innen in Baden Württemberg werden immer jünger
       
       Zugegeben: Wahlrecht ist ein nerdiges Thema. Wer interessiert sich schon
       für Details, wenn viele Wahlberechtigte gar nicht erst zur Wahl gehen. Beim
       vergangenen Mal lag die Wahlbeteiligung in Baden-Württemberg bei 63,8
       Prozent. Mehr als ein Drittel haben also gar keine Stimme abgegeben. Ob
       sich diesmal mehr an der Wahl beteiligen werden?
       
       Durch die Senkung des Wahlalters haben auf jeden Fall mehr Menschen als
       bisher die Chance dazu. Was übrigens alleine schon zeigt, dass es nicht
       unrelevant ist, was für ein Wahlrecht gilt. Insgesamt gibt es dieses Mal
       rund 7,7 Millionen Wahlberechtigte – so viele wie noch nie. Darunter sind
       etwa 650.000 potentielle Erstwähler:innen.
       
       Bis zur letzten [1][Landtagswahl 2021] hatte Baden-Württemberg noch ein
       Wahlsystem, das sich deutlich von denen im Rest der Republik unterschied.
       Zwar war es insofern wenig anspruchsvoll, dass es nach Monty Pythons
       Das-Leben-des-Brian-Motto funktionierte: Jede:r nur ein Kreuz!
       
       Aber kniffelig wurde es, wenn es um die Auswirkungen der Stimmabgabe ging.
       Dass nur eine Stimme bei einer Landtagswahl abgegeben werden kann, gibt es
       ansonsten nur noch im Saarland. Dort wird damit jedoch die Landesliste
       einer Partei gewählt. Das ist profan. Im Ländle, oder wie der noch
       amtierende Ministerpräsident [2][Winfried Kretschmann] sagen würde: The
       Länd, war das anders. Denn der Landtag setzte sich nach einem recht
       unübersichtlichen Zählverfahren zusammen.
       
       ## Alte Mandatsverteilung über Regierungsbezirke
       
       Gewählt werden konnte nicht eine Landesliste einer Partei, sondern nur
       ein:e Wahlkreiskandidat:in. Wer in einem der 70 Wahlkreise die meisten
       Stimmen erhielt, kam in den Landtag. Das ist noch einfach. Anspruchsvoller
       war jedoch die Berechnung der restlichen Sitze. Denn insgesamt hat der
       Landtag mindestens 120 Sitze. Welche Partei welchen Anteil hat, errechnete
       sich danach, wie viel ihre jeweiligen Wahlkreisbewerber:innen
       zusammengezählt landesweit an Stimmen erhalten haben – was kleine Parteien,
       die nicht in allen Wahlkreisen antreten konnten, benachteiligte.
       
       Wenn eine Partei die Fünf-Prozent-Hürde überwinden konnte, kam sie ins
       Parlament. So weit, so gut. Aber die Sitzverteilung erfolgte nicht auf
       Landesebene, sondern über die vier Regierungsbezirke. Für mögliche
       Überhang- und Ausgleichsmandate war dann auch nicht das landesweite,
       sondern nur das jeweilige Bezirksergebnis ausschlaggebend.
       
       Das bedeutete: Wenn eine Partei in einem Regierungsbezirk mehr
       Direktmandate gewinnen konnte, als ihr hier zustanden, behielt sie diese
       zusätzlichen Sitze als Überhangmandate. Auch die Ausgleichsmandate für die
       anderen Parteien wurden auf der jeweiligen Regierungsbezirksebene verteilt.
       Wenn einer Partei in einem Bezirk hingegen mehr Sitze zustanden, als sie
       hier Direktmandate gewinnen konnte, wurden ihre weiteren Sitze ebenfalls
       innerhalb des entsprechenden Regierungsbezirks an unterlegene
       Wahlkreisbewerber:innen der entsprechenden Partei zugeteilt.
       
       Da es keine landesweite Verrechnung gab, führte dieses Verfahren zum einen
       dazu, dass im aktuellen Landtag nicht 120, sondern 154 Abgeordnete sitzen.
       Zum anderen sind dort jene Regierungsbezirke überproportional vertreten, in
       denen es die meisten Überhang- und damit verbundene Ausgleichsmandate gab.
       Das verzerrt die regionale Vertretung im Parlament. So kommt der
       Regierungsbezirk Stuttgart auf 18 zusätzliche Mandate, Karlsruhe auf 12,
       Freiburg auf 4 und Tübingen auf 0. Klingt kompliziert? Ja, das ist es auch.
       
       ## Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre
       
       Am 8. März wird alles anders sein. Denn im April 2022 hat der
       baden-württembergische Landtag ein neues Wahlgesetz beschlossen. Es sieht
       nicht nur eine Herabsetzung des Mindestwahlalters von 18 auf 16 Jahre vor,
       sondern auch die Einführung einer Zweitstimme.
       
       Damit zieht jetzt bundesrepublikanische Normalität in das Spätzle-Land ein.
       Wie bereits in der großen Mehrzahl der anderen Bundesländer und auch bei
       der Bundestagswahl kann nun eine Landesliste gewählt werden. Das heißt,
       dass wie bisher mit der ersten Stimme ein:e Wahlkreiskandidat:in
       gewählt werden kann, der oder die im Falle einer Stimmenmehrheit ins
       Parlament einzieht.
       
       Wie stark eine Partei, die die Fünf-Prozent-Hürde schafft, im Parlament
       vertreten sein wird, entscheidet sich allerdings nunmehr über die
       Zweitstimme. Hat eine Partei Anspruch auf mehr Sitze als sie landesweit per
       Direktmandat gewonnen hat, zieht die Landesliste. Erhält sie mehr
       Direktmandate als ihr zustehen, erhalten die anderen Parteien
       Ausgleichsmandate, die ebenfalls über deren Landeslisten besetzt werden.
       
       Nur eine Besonderheit ist geblieben: Ein Wahlvorschlag kann neben dem oder
       der Bewerber:in auch eine:n Ersatzbewerber:in enthalten. Das gilt
       sowohl für den Wahlkreis als auch die Landesliste. Das dürfte jedoch nur
       selten relevant werden, zum Beispiel wenn jemand vor der Annahme der Wahl
       stirbt oder das gewonnene Mandat ablehnt. Wobei ohnehin nur die SPD als
       einzige Partei auch Listenersatzbewerbungen eingereicht hat.
       
       ## Wird der Landtag größer?
       
       Interessanter wird sein, wie sich die Einführung des Zweistimmensystems auf
       die Größe des kommenden Landtags auswirken wird. Die beiden derzeitigen und
       wohl auch künftigen [3][Koalitionspartner] [4][Grüne] und [5][CDU] dürften
       als größte Parteien auch den Großteil der Direktmandate gewinnen. Bei der
       vergangenen Wahl holten sie sogar zusammen alle Wahlkreise. Das führte
       damals zu 13 Überhangmandaten für die Grünen. Werden es diesmal weniger
       oder mehr sein? Und wird es diesmal auch Überhangmandate für die CDU geben?
       Wie viele werden es insgesamt sein?
       
       Einerseits gibt es zwar nicht mehr das verzerrende Regierungsbezirksmodell.
       Andererseits könnten Wähler:innen jetzt verstärkt taktisch wählen. Ein
       extensives Stimmensplitting könnte zu noch mehr Überhang- und
       Ausgleichsmandaten führen. Es gibt verschiedene Studien und Berechnungen,
       wonach der Landtag auf 180 bis zu 220 Abgeordnete anwachsen könnte.
       
       Das Schöne an Wahlen ist jedoch: Es kann auch ganz anders kommen. Jegliche
       Voraussagen, wie sich die neue Zweistimmenvariante auf das konkrete
       Wahlverhalten auswirken wird, sind reine Spekulation.
       
       Die Auswahl ist jedenfalls groß: Insgesamt bewerben sich 1.184 Personen am
       Sonntag um ein Landtagsmandat, 301 weniger als vor fünf Jahren. Mit rund 33
       Prozent liegt der Frauenanteil etwa auf dem gleichen Niveau wie 2021. 531
       kandidieren nur in einem Wahlkreis als Bewerber:in oder
       Ersatzbewerber:in, 177 nur auf einer Landesliste und 476 sowohl in einem
       Wahlkreis als auch auf einer Landesliste.
       
       ## Jüngste Kandidat:innen kommen von links
       
       Für die Landeslisten der zugelassenen 21 Parteien liegen insgesamt 657
       Kandidaturen vor: 410 Männer, 246 Frauen und eine diverse Person. Insgesamt
       treten 4 diverse Personen an. [6][Grüne], [7][CDU], SPD, FDP, [8][AfD] und
       die [9][Linkspartei] haben in allen 70 Wahlkreisen Kandidat:innen
       aufgestellt. Den höchsten Frauenanteil hat mit 57,7 Prozent [10][die
       Linke], den niedrigsten die [11][AfD] mit 11,7 Prozent.
       
       Die Klimaliste, die Partei der Humanisten, die Partei für
       Verjüngungsforschung, die Partei der Rentner und die Partei des
       Fortschritts treten nur mit einer Landesliste und nicht in den Wahlkreisen
       an. Die übrigen zehn Parteien, deren Landeslisten zugelassen wurden, treten
       nur in einzelnen Wahlkreisen an – von 45 Wahlkreisen (Volt) bis zwei
       Wahlkreisen (Die Gerechtigkeitspartei – Team Todenhöfer). Das [12][Bündnis
       Sahra Wagenknecht (BSW)] tritt in 26 Wahlkreisen an.
       
       Zwei Parteien sind ohne Landesliste dabei: das rechte Bündnis Deutschland
       in fünf und die Piratenpartei in drei Wahlkreisen. In Böblingen,
       Heidelberg, Mannheim und Weinheim gibt es darüber hinaus noch insgesamt 5
       Einzelbewerber:innen.
       
       Zwar darf erstmals mit 16 Jahren gewählt werden, um kandidieren zu dürfen,
       muss man jedoch weiterhin volljährig sein. So sind die beiden jüngsten
       Kandidat:innen 18 Jahre alt. Beide treten für [13][die Linkspartei] an.
       
       5 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/amtliches-endergebnis-der-landtagswahl-2021-1
 (DIR) [2] /Gruene-vor-Landtagswahl-Baden-Wuerttemberg/!6138160
 (DIR) [3] /Landtagswahl-Baden-Wuerttemberg/!5763952
 (DIR) [4] /Landesparteitag-der-Gruenen-in-BaWue/!6090461
 (DIR) [5] /Vor-der-Wahl-in-Baden-Wuerttemberg/!6155293
 (DIR) [6] /Wahlkampf-in-Baden-Wuerttemberg/!6142250
 (DIR) [7] /CDU-Politiker-Manuel-Hagel/!6154479
 (DIR) [8] /Landesparteitag-in-Baden-Wuerttemberg/!6091105
 (DIR) [9] /Landtagswahl-in-Baden-Wuerttemberg/!6151564
 (DIR) [10] /Linkspartei-in-Baden-Wuerttemberg/!6156759
 (DIR) [11] /Forscher-ueber-AfD-in-Baden-Wuerttemberg/!6153633
 (DIR) [12] /BSW-in-Baden-Wuerttemberg/!6157564
 (DIR) [13] /Linke-Wahlkampf-in-Baden-Wuerttemberg/!6153572
       
       ## AUTOREN
       
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