# taz.de -- Landtagswahl in Baden-Württemberg: Langt das?
> Cem Özdemir zielt im Wahlkampf auf die Mitte, Konkurrenz bekommt er
> erstmals von links. Gegen sie setzt der Spitzenkandidat eine Geheimwaffe
> ein.
(IMG) Bild: Links, aber Özdemir-kompatibel: Ricarda Lang darf auftreten im Wahlkampf
Eine Plattitüde und drei Forderungen sind an diesem Februarsonntag im
Angebot. „Machen, was zu tun ist“, steht auf einem Wahlplakat, von dem Cem
Özdemir auf den Stuttgarter Marienplatz blickt. Über ihm hat an der
gleichen Laterne die Linkspartei plakatiert (Mieten runter!), unter Özdemir
hängen die Freien Wähler (Renten hoch!). Ein paar Meter weiter steht
Ricarda Lang, leibhaftig, und spricht in eine Handykamera der Grünen
Jugend. Die Parteijugend hat sie um einen Hot Take gebeten. Eine steile
Aussage also, Thema egal, Hauptsache kurz genug für Social Media.
Lang macht es in drei Worten: „Elon Musk enteignen!“
So sieht sie aus, die Antwort der baden-württembergischen Grünen auf Heidi
Reichinnek. Bei der Landtagswahl am 8. März wollen die Grünen die
Staatskanzlei verteidigen. Es läuft gut, laut der letzten Umfrage haben sie
die CDU fast eingeholt, und eigentlich haben sie ihren Wahlkampf auch auf
Unions-Wähler*innen ausgerichtet. [1][Spitzenkandidat Özdemir zielt auf die
Mitte] und will dort nicht anecken. Er verfolgt den konservativen Kurs, mit
dem Winfried Kretschmann drei Wahlen gewonnen hat.
Eines ist dieses Jahr aber anders: Erstmals haben die Grünen auch auf der
anderen Seite eine ernsthafte Konkurrenz. Die Linke, in Baden-Württemberg
noch nie im Parlament, steht in Umfragen über 5 Prozent. Schon ihr
überraschendes Comeback bei der Bundestagswahl 2025 schlug sich im
Südwesten nieder, in großen Städten verdoppelte die Partei ihre
Stimmanteile. Jetzt will sie wieder Wähler*innen abgreifen, denen der
Kurs der Grünen über die Jahre zu mittig geworden ist. Auf Veranstaltungen
der Linkspartei ist der Applaus am größten, wenn Aussagen von Özdemir
vorgelesen werden – zum Beispiel, dass sein Landesverband so etwas wie „die
CSU der Grünen“ sei.
Die Öko-Partei trifft das immerhin nicht mehr unerwartet. 2025 nahmen
Robert Habeck und sein Team die Stimmen ihrer Stammklientel für
selbstverständlich. Der Auferstehung der Linkspartei wussten sie nichts
entgegenzusetzen. Cem Özdemir und seine Leute haben dagegen bedacht, dass
Gefahr von links droht. Sie sind schlicht zu dem Schluss gekommen, dass die
Grünen im Zweifel bei anderen Wählergruppen mehr rausholen können.
Inhaltlich lässt sich das an der Frage des Wohnraums festmachen: Mieten und
Kaufpreise sind auch im Südwesten enorm gestiegen, in Heidelberg zum
Beispiel. Özdemir überlässt das Thema nicht den Linken, er spielt es in
seinem Wahlkampf prominent. Seine Forderungen bleiben aber moderat. Er will
die Mietpreisbremse in mehr Städten gelten lassen als die Union. Insgesamt
sei sein Konzept aber „nicht grundlegend anders“ als das der CDU, sagte er
im TV-Triell des SWR.
## Ricarda Lang mit 20 Terminen in 6 Tagen
Doch Inhalte sind ja nicht alles. Auf Instagram und Tiktok hat Özdemir eine
Ansprache gewählt, die an die erfolgreichen Auftritte der Linken
heranreicht. Selbstironisch gibt er dort den Brezel-Influencer, unterlegt
mit Bad Bunny und anderer Junge-Leute-Musik. Und dann hat der Oberrealo
eben noch personell eine Geheimwaffe gezogen: Die Parteilinke Ricarda Lang,
Bundestagswahlkreis Backnang – Schwäbisch Gmünd, ist in seinem Auftrag als
Wahlhelferin unterwegs.
Die 32-Jährige ackert. Allein in der Woche um Aschermittwoch absolviert sie
übers Land verteilt 20 Termine in 6 Tagen. Sie ist nicht mehr im
Elektro-Van mit Entourage unterwegs, wie früher als Parteichefin, sondern
reist alleine im Regionalexpress. Bevor sie am Montag wieder im Bundestag
sitzen muss, verteilt sie hier in Stuttgart noch für eine Stunde Flyer mit
der Grünen Jugend.
„Ich glaube, du machst gerade mehr Termine als Cem“, sagt Jaron Immer, der
Landessprecher der Parteijugend, zur Begrüßung auf dem Marienplatz.
„Ich glaube, Cem ist der Einzige, bei dem das nicht stimmt“, antwortet
Lang.
Knapp 20 Jung-Grüne stehen auf dem Platz herum. Fragt man sie, was bei der
Wahl für ihre Partei spricht, schwärmen sie nicht vom Spitzenkandidaten.
Einer guckt erst betreten und erklärt dann, dass Cem Özdemir als
Ministerpräsident immer noch besser wäre als sein Konkurrent Manuel Hagel.
Die Grüne Jugend fährt eine eigene Wahlkampagne, auf ihren Flyern fordert
sie den Mietendeckel. „Wir wollen unsere eigenen grün-linken Themen pushen
und zeigen, dass es im Wahlkampf nicht nur um Einzelpersonen geht“, sagt
Jaron Immer. Dann kommt die Social-Media-Beauftragte und bittet auch den
Landessprecher noch um einen Hot Take. Ob er vielleicht sagen könnte:
„Milliardäre verbieten“?
Was Lang mit ihrer Wahlkampfreise zumindest schafft: den linken Teil der
Basis bei Laune zu halten, den es auch in Baden-Württemberg gibt und der in
Özdemir nur das kleinere Übel sieht. Es ist eine einsame Aufgabe. Den
Großteil der Bundesprominenz, speziell aus dem linken Parteiflügel, hat
Özdemir gebeten, seinem Wahlkampf fernzubleiben. Auch aus der Ferne sollen
sie ihm bitte nicht dazwischenfunken.
Daran halten sie sich. Grüne im Bund lassen linke Initiativen im Moment in
den Schubladen. Widerworte gegen Özdemir schlucken sie herunter. Der
Kandidat darf sich dafür aussprechen, Asylverfahren in Drittstaaten
auszulagern und das Verbrenner-Aus herauszuzögern. Aus Berlin wird noch
nicht mal Kritik daran öffentlich, [2][dass Özdemir mit einem
Kabinettsplatz für Boris Palmer kokettiert] – dem Tübinger
Oberbürgermeister, der nach rassistischen Ausfällen nur deshalb nicht aus
der Partei geschmissen wurde, weil er selber austrat.
Die Beinfreiheit hat mit der Bedeutung der Wahl für die Zukunft der Grünen
zu tun. Wohlwollend interpretiert: Weil mit dem Verlust der Staatskanzlei
der Traum von der grünen Volkspartei am Ende wäre, will niemand Özdemirs
Siegeschancen zerstören. Weniger wohlwollend: Der Ausgang der Wahl kann die
Strategiedebatte der Grünen im Bund entscheiden. Verliert Özdemir, soll die
Niederlage mit ihm und seinem Kurs nach Hause gehen. Den linkeren Grünen im
Bund soll er die Schuld nicht zuschieben können.
Ricarda Lang hat in der Strategiefrage eigentlich einen festen Standpunkt.
Der Kurs, den die Grünen auch im Bund unter Robert Habeck fuhren, erklärte
sie nach der Bundestagswahl für überholt. Der Gedanke, alle Parteien
müssten in der Mitte zusammenkommen, habe tatsächlich nur dazu geführt,
dass alle miteinander nach rechts gerückt sind. Die Grünen müssten „viel
konfliktfähiger“ werden, [3][sagte sie vor einem Jahr im taz-Interview.]
Gewinnt Özdemir seine Wahl noch, würde er dadurch den Gegenbeweis liefern.
Er spart sich Attacken auf die CDU. [4][Selbst am Politischen
Aschermittwoch mahnte er,] man müsse auch nach der Wahl „dem politischen
Mitbewerber in die Augen schauen“ können. Habeck reloaded also – mit dem
Unterschied, dass der damalige Vizekanzler in den Ampeljahren seine
Popularität verloren hatte, während Özdemir laut Umfragen beliebt ist. Mit
Abstrichen sogar unter Anhänger*innen der Linken, trotz allem.
Zwei von ihnen sind am Vormittag zum „Brunch mit Ricarda“ gekommen, einer
Wahlveranstaltung der Stuttgarter Grünen in einem veganen Café in der
Innenstadt. Seit einem Jahr sind die beiden ein Paar, er ist 40, sie 35.
Sie würden gerne zusammenziehen, aber die Wohnungssuche läuft schlecht,
trotz sicherer Jobs im öffentlichen Dienst.
Sie wählen oft die Linke, erzählen die beiden. Aber wenn man den Umfragen
glaube, komme die Linke eh in den Landtag. Und auch sie mögen Özdemir: Der
könne gut reden und habe Charme. Das Paar schwankt und ist gekommen, um
sich von Lang überzeugen zu lassen.
## Kritik an „ultrareichen Männern“ kommt an
Es ist kein Zufall, dass Özdemir ausgerechnet Ricarda Lang für seinen
Wahlkampf eingespannt hat. Sie ist eine der wenigen Parteilinken, die von
den Hardcore-Realos ihres Landesverbands geschätzt wird. Das hat mit dem
öffentlichen Zuspruch zu tun, den sie bekommt, seitdem sie die Last des
Parteivorsitzes los ist: Erfolg gibt recht. Es gibt aber auch eine
strategische Gemeinsamkeit. Trotz linker Positionen zielt Lang nicht nur
auf Stammwähler*innen ab. Auch sie will weitere Milieus erreichen. Im
Habitus zeigt sie das mit Interviews, die sie der Bunten über ihren
Kinderwunsch gibt. Inhaltlich dadurch, dass sie genau abwägt, in welche
Konflikte sie zieht.
Ihre Rede im Stuttgarter Café beginnt wie ihr Hot Take auf dem Marienplatz.
„Ultrareiche Männer“ in den USA strebten zusammen mit Donald Trump ein
System an, in dem man „als Milliardär ganz gut leben kann“. Im Penthouse
werde die Klimakrise nicht Musk, Zuckerberg und Bezos als Erste treffen.
„Aber was heißt das für normale Menschen, wie Sie heute morgen hier
sitzen?“ Eine Dosis Linkspopulismus, aber Özdemir-kompatibel: Die Tech-Bros
aus den USA sind in Baden-Württemberg nicht wahlberechtigt.
Weniger klar formuliert Lang, als es um die Krise der Autoindustrie geht.
Es werde nicht alles gut, wenn „wir uns einfach an die alten Technologien
ketten“. Es mache sie wütend, wenn sie so etwas von Leuten höre, „die es
besser wissen müssten“. Sie sagt aber nicht, wer in Baden-Württemberg alles
gegen das Verbrenner-Aus kämpft. Der CEO von Bosch zum Beispiel, dem
größten Arbeitgeber in ihrem Wahlkreis.
Worüber Lang gar nicht redet: die Beschlüsse, die die CDU tags zuvor auf
ihrem Parteitag gefasst hat. Dabei sind die eigentlich eine Steilvorlage
für Linke. Die Union will weniger Steuern für Gutverdiener*innen (von
denen es in Baden-Württemberg viele gibt) und weniger Mindestlohn für
Erntehelfer*innen (die in der Regel nicht hier wählen, sondern in
Rumänien). Langs Rede dauert aber auch nur zehn Minuten. Danach geht sie
durch den Raum, setzt sich an diesen und jenen Tisch, um ins Gespräch zu
kommen.
Das Paar auf Wohnungssuche wartet eine halbe Stunde, steht dann aber auf.
Die beiden wollen noch spazieren gehen. Wie sie den Auftritt fanden? „Das
mit den Milliardären war gut“, sagt der Mann. Wen sie nun wählen werden?
„Mal schauen. Am Ende ist es das Bauchgefühl.“
27 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
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