# taz.de -- Jüdische Sportler: Tischtennis, um zu überleben
       
       > Der Film „Marty Supreme“ ist für neun Oscars nominiert. Es wird an die
       > jüdische Biografie der Hauptfigur und Auschwitz-überlebende Sportler
       > erinnert.
       
 (IMG) Bild: Training für die Weltmeisterschaft: Marty Reisman 1948 in London
       
       Fünf Bronzemedaillen hat Marty Reisman bei Weltmeisterschaften gewonnen.
       Der amerikanische Tischtennisspieler ist das Vorbild für den Film
       „[1][Marty Supreme]“, der für neun Oscars nominiert ist. Es ist ein
       Tischtennnisfilm, der auch viel über jüdisches Leben in den 1950er Jahren
       berichtet. Und er erzählt damit auch viel über Juden, oft
       Holocaust-Überlebende, die das Tischtennis geprägt haben.
       
       Eine wichtige Rolle nimmt etwa Béla Kletzko ein, im Film ein Freund von
       Marty Mauser. Das reale Vorbild Kletzkos ist der dreifache jüdische
       Vizeweltmeister Alojzy Ehrlich aus Polen, der Auschwitz überlebte – davor
       und danach spielte er in der Weltklasse. Mit Reisman war er befreundet. Der
       Film-Marty macht über Kletzko/Ehrlich einen besonders geschmacklosen
       antisemitischen Witz. „Ich darf das, ich bin Jude“, lautet seine
       Begründung.
       
       Marty Reisman hat eine Autobiografie geschrieben. Der Untertitel verrät,
       wie er sich selbst gesehen hat: „The Confessions Of America's Greatest
       Table Tennis Champion And Hustler“, Bekenntnisse von Amerikas größten
       Tischtennis-Champ und Gauner. Jenseits von dieser Übertreibung war Reisman
       wirklich ein Tischtennistalent: Als Neunjähriger kam er zum Sport, als er
       sich von einem Nervenzusammenbruch erholen musste. Mit 13 war er New Yorker
       Juniorenmeister. Mit 15 erlebte er diese Anekdote, die freilich nicht
       hundertprozentig verbürgt ist: Bei einem Turnier in Detroit wollte er 500
       Dollar auf sich selbst setzen, was strikt verboten ist. Der Mann, den er
       für den Buchmacher hielt, war aber der Verbandspräsident. Er ließ Reisman
       von der Polizei abführen.
       
       Tischtennis wurde im damaligen Amerika oft im halb professionellen und kein
       bisschen seriösen Milieu gespielt. Es waren Kneipen und Spielhallen wie das
       legendäre „Lawrence’s“ in Manhattan, wo viel Geld auf Tischtennismatches
       gewettet wurde.
       
       ## „Besten Stoppball aller Zeiten“
       
       Reisman war gut. Bälle seiner Vorhand erreichten eine Geschwindigkeit von
       185 Kilometer pro Stunde, „Atomic Blast“ wurde das genannt. Im Magazin
       Forbes war einmal die Rede davon, er habe den „besten Stoppball aller
       Zeiten“ beherrscht. Im Alter von 18 Jahren gewann er mit dem US-Team Bronze
       im Mannschaftswettbewerb der WM. Ein Jahr später schlug Reisman bei der WM
       den 22-fachen Weltmeister Viktor Barna aus Ungarn – auch er übrigens ein
       Holocaust-Überlebender. Juden waren damals sehr präsent im
       Weltklasse-Tischtennis.
       
       1952 reiste Reisman als Favorit zur WM nach Indien, doch er verlor gegen
       Hiroji Satō aus Japan. Die Niederlage ist für die Sportgeschichte von
       Bedeutung: Satō, der bei dem Turnier erster japanischer Weltmeister wurde
       und eine später von China fortgesetzte [2][asiatische Dominanz] begründete,
       gehörte zu den ersten Spielern, die einen Schläger mit gummierter
       Schaumstoffschicht benutzten, einem Schwamm. Der Spiegel nannte den
       modernen Schläger eine „Wunderwaffe, mit der allein angeblich die
       fernöstlichen Wichtelmännchen 1952 in Bombay und 1954 in London
       erschreckende Verheerungen unter der Weltelite anrichteten“.
       
       Auch Reisman, obwohl er sich selbst als Hustler sah, war empört über die
       Innovation. „Das moderne Spiel wird mit Betrug und Täuschung gespielt“,
       schimpfte er und lobte sein altes Sportgerät aus Holz mit Gummibelag:
       „Dieser Schläger spiegelt das Können eines Spielers am besten wider.“ Dem
       blieb er auch treu. Im Alter von 67 Jahren gewann Reisman noch die
       US-National Hardbat Championships. 1998 sagte er zur New York Times: Früher
       hätte jedes Kind den Unterschied zwischen Angriff und Verteidigung
       verstanden, „heute wird ein Punkt mit einer kaum merklichen Drehung des
       Handgelenks gewonnen oder verloren“.
       
       Von Beginn an versuchte Reisman, mit Tischtennis reich und berühmt zu
       werden. Zusammen mit seinem Kumpel Douglas Cartland trat er im Vorprogramm
       der Harlem Globetrotters auf, der afroamerikanischen Show-Basketballtruppe:
       Tischtennis mit Bratpfannen oder Schuhsohlen und auf zu kleinen Tischen. Im
       Film wird diese Partnerrolle Béla Kletzko/Alex Ehrlich zugeordnet. Als sie
       1954 in Deutschland spielten, gehörte auch Jesse Owens, der
       Leichtathletik-Olympiasieger von 1936, zum Rahmenprogramm. Viel
       Erniedrigung, wenig Gage, aber Show.
       
       ## Trick mit der Zigarette
       
       Auch später liebte Reisman den großen Auftritt. Forbes schrieb von einem
       „Reisman-Mythos“. 2008 trat er in der TV-Late-Night-Show von David
       Letterman auf, um seinen berühmtesten Trick vorzuführen: Eine Zigarette
       wird aufrecht hingestellt, und Reisman durchtrennt sie mit einem scharf
       geschlagenen Tischtennisball, zwei halbe Zigaretten fliegen durch die Luft.
       Mit schrillen Klamotten lief er in New Yorker Clubs rum, und als die
       Schauspielerin Susan Sarandon in Manhattan das „SPiN“ eröffnete, einen
       exklusiven Promiclub für Tischtennis, tauchte er mal mit Leopardenhose, mal
       in limettengrünem Beinkleid auf. Als Reisman 2012 starb, war das vielen
       Blättern einen Nachruf wert.
       
       Marty Riesman war 1930 in New York geboren worden, Alojzy Ehrlich 1914 in
       Komańcza in den polnischen Karpaten. Sehr unterschiedliche Herkünfte.
       Tischtennis lernte Ehrlich in dem jüdischen Sportverein Hasmonea Lwów. In
       Polen gab es eine starke [3][jüdische Sportbewegung], sowohl bürgerliche
       als auch Arbeiterclubs. Etwa die Hälfte aller polnischen Tischtennisvereine
       in den 1930er Jahren war jüdisch. Dort wurde er zum Weltklassespieler, und
       zwar einer, der Sportgeschichte schrieb: Bei der Weltmeisterschaft 1936 in
       Prag spielte er gegen den Rumänen Farkas Paneth, auch er einer der vielen
       jüdischen Weltklassespieler der damaligen Zeit, auch er wurde nach
       Auschwitz deportiert.
       
       [4][Das Spiel] dauerte 132 Minuten, niemand von den beiden wollte in die
       Offensive gehen. Beide wechselten immer mal wieder den Schläger von der
       einen in die andere Hand. Ehrlich berichtete: „Dieser Farkas konnte
       überhaupt nicht angreifen. Der hatte nur einen guten Schnitt. Ich hatte
       zwei Schläger, einen mit dem heute üblichen Format für den Angriff und
       einen dreimal so großen nur aus Holz für die Abwehr, weil ich ja nicht
       angreifen wollte. Nach einer Stunde Löffelei mit links und rechts kam mein
       Freund und fragte, ob ich nicht mit ihm Schach spielen wollte. Ich tat's
       nebenbei und er zog die Figuren.“
       
       Dass [5][Ehrlich gewann], lag laut Farkas an einer Bananenschale, die ein
       Zuschauer geworfen hätte. „Obendrein traf mein Gegner den Ball mit der
       Schlägerkante, der Ball kam aus einer anderen Richtung und ich konnte ihn
       nicht mehr treffen. Der Punkt ging an Alex, der Satz und schließlich auch
       das Spiel.“
       
       ## Vom SS-Mann als Weltklassesportler erkannt
       
       Im Jahr 1943 wurde Alojzy nach [6][Auschwitz] deportiert, ins
       Vernichtungslager Birkenau. Er überlebte, so wird es von verschiedenen
       Quellen berichtet, weil ihn ein SS-Mann als Weltklassesportler erkannt
       haben soll. Statt in die Gaskammer wurde er in an das KZ angrenzende Wälder
       geschickt, um Bomben zu entschärfen. Einmal soll er bei einem dieser
       lebensgefährlichen Ausflüge einen Bienenstock entdeckt haben. Er bestrich
       seinen Körper dick mit Honig, kehrte in die KZ-Baracke zurück und ließ
       seine Mitgefangenen seinen Oberkörper ablecken, damit sie auf diese Weise
       für sie so wichtige Nahrung erhielten. Die Szene hat auch Eingang in den
       „Marty Supreme“-Film gefunden. Einzige Quelle für sie ist Marty Reismans
       Autobiografie, und dennoch erscheint sie authentisch.
       
       Nach der Befreiung von Auschwitz 1945 ging Ehrlich nicht nach Polen zurück,
       sondern nach Frankreich, wo er sich Alex nannte. Weil er im Ausland lebte,
       erklärte ihn die polnische Regierung zur Persona non grata. Doch Alex
       Ehrlich arbeitete sich wieder in die Weltklasse zurück. Von 1952 bis 1963
       spielte er im französischen Nationalteam, 1957, da war er schon 43 Jahre
       alt, erreichte er noch das WM-Viertelfinale.
       
       Vor allem aber richtete Ehrlich sein Leben auf das Vermitteln von
       Tischtennis aus. Er schrieb Lehrbücher, erfand einen Tischtennisroboter,
       entwickelte einen Schläger und gründete an der Côte d’Azur eine
       Ferienanlage, in der Tischtenniskurse abgehalten wurden. Und er war
       gefragter Trainer und Lehrer. Die Nordwest-Zeitung aus Oldenburg schrieb
       1964 über einen seiner Auftritte in Deutschland: „Er hat sich dem schnellen
       Spiel so sehr verschrieben, dass seine Schüler nicht nur von seinen reichen
       Erfahrungen profitieren, sondern auch von Ehrlichs Begeisterung angesteckt
       werden.“ 1992 starb Alojzy/Alex Ehrlich in Frankreich.
       
       Marty Reisman und Ehrlich waren sich Zeit ihres Lebens immer wieder
       begegnet, nicht nur bei Turnieren. Beide waren sehr unterschiedliche
       Charaktere, doch beide waren Juden, die in je ihrer Gesellschaft, in den
       USA und in Polen, Zurückweisung und Diskriminierung erlebten – bis hin zum
       Versuch, das europäische Judentum zu vernichten. Beide waren exzellente
       Tischtennisspieler, die zwar nie ganz oben ankamen, die zugleich aber
       versucht hatten, ihren geliebten Sport mit neuen Methoden und Geräten
       weiterzuentwickeln. Und sie waren Profis zu einer Zeit, als man mit
       Tischtennis eigentlich kein Geld verdienen konnte. Aber sie haben von
       Tischtennis gelebt. Im Grunde haben sie durch Tischtennis überlebt.
       
       13 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Oscar-Kanditat-Marty-Supreme-mit-Timothee-Chalamet-Actiongeladener-Wahnsinn/!6157150
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 (DIR) [3] /Sporthistoriker-ueber-juedischen-Sport/!5218000
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 (DIR) [5] /Episches-Pingpong/!604955/
 (DIR) [6] /Fussball-und-Boxen-in-Auschwitz/!5653659
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Martin Krauss
       
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