# taz.de -- Migrationsabkommen mit Tunesien: Sicherer Herkunftsstaat mit „regelmäßigen Verhaftungen“
> Deutschland kooperiert mit Tunesien zur Migrationsabwehr. Dabei gesteht
> die Regierung ein, von Menschenrechtsverstößen zu wissen. Zumindest im
> Grundsatz.
(IMG) Bild: Monastir, Tunesien, Febraur 2025: Überreste der Boote, die von Migranten zur Überquerung des Mittelmeers benutzt wurden, liegen verstreut im Hafen
Die schwarz-rote Koalition will Tunesien als sicheren Herkunftsstaat
einstufen, so dass sie Asylbewerber*innen von dort leichter abweisen
kann. Das EU-Parlament hat das nordafrikanische Land schon im Februar
[1][auf eine entsprechende Liste] gesetzt. Und bereits seit 2023 gibt es
zwischen der Europäischen Union und Tunesien ein Abkommen zur Abwehr von
Migrant*innen; auch Deutschland fördert zu diesem Zweck tunesische
Sicherheitsbehörden.
Dabei ist die Menschenrechtssituation in dem Land kritisch, wie sogar die
Bundesregierung in der Antwort auf eine Anfrage der
Grünen-Bundestagsfraktion eingesteht. Der seit 2015 in Tunesien geltende
Ausnahmezustand gestatte den Sicherheitsbehörden „weitreichende Eingriffe
in die Freizügigkeit und Versammlungsfreiheit und dadurch mittelbar in
weitere Grundrechte“, heißt es darin.
Es komme „regelmäßig zu Fällen und Verhaftungen und Verfahren“ gegen
Oppositionelle, Journalist*innen und NGO-Vertreter*innen. Die
Zivilgesellschaft unterliege „zunehmend Einschränkungen und Kontrollen“ bis
hin zu Verurteilungen. Nach dem Arabischen Frühling habe sie sich zwar ab
2011 zunächst „im Grundsatz frei betätigen“ können. Doch „de facto ist
diese Handlungsfreiheit seit 2022 immer stärker unter Druck geraten, bis
hin zur vorübergehenden Suspendierung von Organisationen“, schreibt das
Auswärtige Amt in seiner Antwort, die der taz vorliegt.
Wortkarg gibt sich die Regierung dagegen zum [2][Umgang der tunesischen
Behörden mit Migrant*innen,] der von UN und Menschenrechtsorganisationen
als verheerend beschrieben wird. Zu Berichten über kollektive Abschiebungen
und Pushbacks an der Grenze zu Algerien und Libyen lägen ihr „keine
gesicherten Erkenntnisse vor“. Gleiches gelte für die Ausschiffung von
geretteten Schiffbrüchigen und mutmaßlichen Übergriffen durch
Sicherheitskräfte.
Das Außenministerium beteuert allerdings, das Thema gegenüber der
tunesischen Seite zumindest zu erwähnen: „In ihren Gesprächen mit der
tunesischen Regierung unterstreicht die Bundesregierung regelmäßig
nachdrücklich die Einhaltung menschenrechtlicher Standards.“
## Claudia Roth findet es „falsch und gefährlich“
Die Grünen-Abgeordnete Claudia Roth kritisiert die Haltung der
Bundesregierung. „Sie beschreibt in ihrer Antwort selbst, wie stark
Tunesien unter Präsident Saied autoritär abdriftet“, sagte Roth der taz.
„Umso unverständlicher ist, dass sie bei den schwersten Vorwürfen im
Migrationsbereich immer wieder ausweicht und behauptet, es gebe ‚keine
gesicherten Erkenntnisse‘ zu Pushbacks, Gewalt und den sogenannten Desert
Dumps.“ Wer mit tunesischen Behörden eng zu Migration und Grenzmanagement
kooperiere, dürfe sich nicht in „vermeintliche Unwissenheit“ flüchten.
Tunesische Menschenrechtsorganisationen hätten die Lage „längst sehr
detailliert“ dokumentiert. Schritte zur Einstufung Tunesiens als sicheren
Herkunftsstaat seien vor diesem Hintergrund „falsch und menschlich
gefährlich“. Wer Repression benenne, könne nicht gleichzeitig so tun, als
sei das Land grundsätzlich sicher.
Zu Ampel-Zeiten hatte sich die grüne Außenministerin Annalena Baerbock
ebenfalls dagegen ausgesprochen, [3][Tunesien als sicheren Herkunftsstaat
einzustufen.] Auf eine Anfrage der Linken-Fraktion antwortete das
Auswärtige Amt aber auch schon damals zu Berichten über
„Wüstendeportationen“: „Der Bundesregierung liegen keine über
Medienberichterstattung hinausgehenden eigenen Erkenntnisse im Sinne der
Fragestellung vor.“ Das Erkenntnisinteresse ist seitdem offenkundig nicht
gewachsen.
2 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /EU-Parlament-gibt-gruenes-Licht-fuer-Auslagerung-von-Asylverfahren/!6139489
(DIR) [2] /EU-Liste-sicherer-Staaten/!6083067
(DIR) [3] /Einstufung-als-sichere-Herkunftsstaaten/!5969783
## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
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