# taz.de -- Migrationsdeals zwischen EU und Tunesien: Geld gegen Absperrung
> Weniger Geflüchtete um jeden Preis: Die EU bezahlt Tunesien, um Migranten
> an der Überfahrt zu hindern. Menschenrechtsverletzungen sind dabei
> zweitrangig.
(IMG) Bild: Die tunesische Küstenwache blockiert Flüchtlingsboote vor der Küste und bringt die Insassen wieder ans Festland
Der Zeitpunkt hätte nicht symbolischer gewählt sein können: Als im Sommer
2023 EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, die italienische
Premierministerin Giorgia Meloni und ihr damaliger niederländischer
Amtskollege Mark Rutte in die tunesische Hauptstadt reisten, ging gerade
eine Welle der Empörung durch die [1][dortige Zivilgesellschaft]. 250
Kilometer südlich von Tunis waren [2][zuvor Tausende Migrant:innen aus
der Hafen- und Handelsstadt Sfax gejagt worden]. Sie lebten nun sich selbst
überlassen in Zeltstädten in den Olivenhainen nördlich der Stadt, direkt am
Mittelmeer.
Die Regierungschefs aus der EU waren nach Tunis gereist, um ein
Wahlversprechen einzulösen: Die Zahl der neuen Asylbewerber drastisch zu
senken. Am 15. Juli 2023 unterzeichnete die EU in Tunis das Abkommen, mit
dem die strategische Partnerschaft mit Tunesiens Präsident Kais Saied
begann. Das Drama bei Sfax wurde bei den Verhandlungen laut Teilnehmern mit
keinem Wort erwähnt. Saied hatte zuvor die [3][Migration als Angriff
fremder Mächte auf die arabische Identität Nordafrikas bezeichnet] und
damit eine Welle von Verhaftungen von Menschen aus Subsahara-Afrika
ausgelöst.
Bis dahin hatten viele Migranten als Tagelöhner in Cafés, Restaurants oder
bei Bauern gearbeitet. Von dem Geld konnten sie sich meist nach wenigen
Monaten einen Platz in einem der Boote leisten, die in Richtung der
italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa ablegten. Als billige Arbeitskräfte
hatten sie viele tunesische Betriebe durch die Coronakrise gerettet.
## Schnelle Ergebnisse
Doch dann begann die Splitterbewegung „Nationale Partei Tunesiens“ in den
sozialen Medien, die Migranten aus West- und Zentralafrika als „Kriminelle“
und vermeintliche Überträger von ansteckenden Krankheiten zu brandmarken.
Die Propaganda fiel auf fruchtbaren Boden, wohl auch, weil die Zahl der
Migranten seit Ende 2022 stark angestiegen war. Die Regierung nutzte die
Kampagne, um den allgemeinen Unmut über Wirtschaftsmisere und ausbleibende
Reformen stattdessen auf die Durchreisenden zu lenken.
Die [4][„Sicherheitsallianz“ zwischen der EU und Präsident Saied zeigte
schnell Ergebnisse]: Die tunesische Nationalgarde erhielt Drohnen und
Fahrzeuge aus der EU, Berlin spendierte der Küstenwache eine
Ausbildungsakademie, Italien neue Patrouillenboote. Von der US-Armee
geschenkte, einmotorige Aufklärungsflugzeuge patrouillieren nun rund um die
Uhr vor der 1.200 Kilometer langen Küste.
Bis zum EU-Tunesien-Pakt war Migration in Tunesien meist ein
Kavaliersdelikt. Heute werden bei Razzien Außenbordmotoren konfisziert.
Fischer, die Migranten unter Deck in internationale Gewässer schmuggeln,
müssen mit langen Haftstrafen rechnen. Auf Lampedusa sind in diesem Jahr
nur ein Dutzend Boote angekommen, aus Sicht der EU-Kommission ist die
Partnerschaft ein voller Erfolg.
## Die Schmuggler bauen weiter
Das neue Selbstbewusstsein von Sicherheitsapparat und Justiz bekommt auch
die Zivilgesellschaft zu spüren, die seit dem Arabischen Frühling massiv
mit EU-Mitteln gefördert wurde. Die populäre TV-Kommentatorin [5][Sonia
Dahmani] wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie die
Migrationsstrategie der Regierung kritisierte und darauf hinwies, dass auch
die junge Generation Tunesiens nach Europa emigrieren wolle. Einheimische
Journalisten wagen es seither kaum, über das Thema zu berichten.
[6][Aktivisten der Menschenrechtsorganisation Terres d'Asile] verbrachten
mehr als ein Jahr ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis. Die
Staatsanwaltschaft sagt: wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten. Die
Aktivisten sagen: [7][wegen ihrer Hilfe für Migranten].
In den Zeltstädten bei Sfax ist unterdessen der Wille ungebrochen, Tunesien
in Richtung Europa zu verlassen. Es fehle an Neustartprogrammen für
Rückkehrer in die Herkunftsländer, sagen diejenigen, für deren Reise die
Angehörigen daheim manchmal das gesamte Hab und Gut verkauft haben.
In den Hinterhofwerkstätten des Fischerdorfes Jebianna bauen die Schmuggler
weiterhin die acht Meter langen Metallboote, in die sich später bis zu 50
Menschen zwängen. Doch viele in den Camps vermuten, dass die Schmuggler die
Küstenwache oft selbst über Abfahrtszeiten und -orte informieren, nachdem
sie ihr Geld erhalten haben. Sie würden sich dadurch Straffreiheit
erhoffen. Neuerdings kaufen deshalb Vermittler aus Westafrika die Boote und
Motoren, verstecken sie in Strandnähe und legen die Abfahrtszeiten selbst
fest - [8][so wie bei dem Zyklon „Harry“, nach dem 380 Migranten vermisst
werden.]
Seit dem Abkommen von 2023 hat Tunesien 164 Millionen Euro von der EU
erhalten, dazu 150 Millionen Budgethilfe. Die noch ausstehende Überweisung
von 900 Millionen ist offenbar daran geknüpft, wie erfolgreich die
Absperrung des Mittelmeers ist. Im Vergleich zum [9][Flüchtlingsabkommen
mit der Türkei 2016,] das die Route über die Ägäis vor allem für syrische
Flüchtlinge schließen sollte, viel zu wenig, kritisieren einige Abgeordnete
und TV-Kommentatoren und fordern Nachverhandlungen mit der EU. Die versucht
unterdessen, Tunesien mit Wirtschaftsprogrammen zufriedenzustellen.
1 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Zivilgesellschaft-in-Tunesien/!6129851
(DIR) [2] /Migration-nach-Lampedusa/!5958536
(DIR) [3] https://www.tagesschau.de/faktenfinder/kontext/tunesien-desinformation-100.html
(DIR) [4] /EU-Migrationsdeal-mit-Tunesien/!5944945
(DIR) [5] https://www.amnesty.de/briefmarathon-2025-sonia-dahmani-tunesien
(DIR) [6] https://www.lemonde.fr/afrique/article/2026/01/06/tunisie-des-responsables-de-terre-d-asile-juges-pour-aide-aux-migrants-ont-ete-liberes_6660704_3212.html
(DIR) [7] https://www.hrw.org/news/2024/05/17/tunisia-deepening-civil-society-crackdown
(DIR) [8] /Nach-Zyklon-Harry/!6148564
(DIR) [9] https://www.bpb.de/themen/migration-integration/kurzdossiers/517150/eu-tuerkei-fluechtlingsvereinbarung-bestandsaufnahme-und-menschenrechtliche-bewertung/
## AUTOREN
(DIR) Mirco Keilberth
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