# taz.de -- Flüchtlingsleichen in Italien angespült: Ein Massensterben, das niemanden kümmert
       
       > Nach dem Zyklon „Harry“ werden immer mehr Leichen an Italiens Küsten
       > angespült. Die Berichterstattung bleibt aus – und mit ihr das öffentliche
       > Interesse.
       
 (IMG) Bild: Wo bleibt der Aufschrei?
       
       Waren es 380 Menschen, die im Januar im Mittelmeer ertranken? Oder gar
       1.000? Diese Frage stellt sich erneut, seitdem in den letzten Tagen immer
       wieder Leichen an den italienischen Stränden angeschwemmt wurden.
       
       Als am Dienstag die Schüler*innen eines direkt am Strand gelegenen
       Gymnasiums im kalabrischen Tropea aus dem Fenster ihres Klassenzimmers
       schauten, sahen sie einen leblosen Körper im Wasser treiben, wie lokale
       Onlinemedien berichtet haben. Wegen des rauen Seegangs brauchten die
       herbeigerufenen Einsatzkräfte Stunden, um ihn und später eine weitere Tote
       zu bergen.
       
       Schon vom 6. Februar an waren immer wieder Leichen gefunden worden. Fünf
       wurden an die Strände der südlich Siziliens gelegenen Insel Pantelleria
       getrieben oder von der Küstenwache auf dem offenen Meer geborgen, zwei
       weitere an die sizilianische Westküste, und in vier Orten Kalabriens
       wiederholten sich die schrecklichen Szenen. Insgesamt werden bisher 15
       Leichenfunde gezählt.
       
       Dass das furchtbar ist, ist klar. Noch viel schlimmer aber ist, dass einen
       großen Teil der italienischen Bevölkerung diese Nachricht nicht mal
       erreicht und die Toten somit niemanden scheren. Denn mit an Sicherheit
       grenzender Wahrscheinlichkeit waren sie alle Migrant*innen.
       
       ## Tote zwar nicht an Land, aber auf dem Meer
       
       Sie wollten von der Südküste des Mittelmeers Richtung Italien übersetzen
       und fielen dann dem [1][Zyklon „Harry“] zum Opfer, der in den Tagen vom 16.
       bis zum 23. Januar im westlichen und zentralen Mittelmeer wütete, der
       Spanien ebenso wie Tunesien und die italienischen Regionen Sardinien,
       Sizilien und Kalabrien heimsuchte.
       
       Schwere Verwüstungen hatte dieser Wintersturm angerichtet, Strandlidos und
       Strandpromenaden weggefegt, nahe am Wasser stehende Häuser in Trümmer
       gelegt, an der Küste entlangführende Straßen und Eisenbahnlinien
       weggespült. Mehrere Milliarden Euro sollen die Schäden in Süditalien
       betragen – doch es herrschte allgemeines Aufatmen darüber, dass in den
       betroffenen Orten keine Toten zu beklagen waren.
       
       Die Erleichterung ist fehl am Platz – denn Tote gab es, zwar nicht an Land,
       aber auf offener See. In unmittelbarer Küstennähe hatten sich in den Tagen
       von „Harry“ die Wellen zu 7 Metern aufgetürmt, doch im offenen Meer, zum
       Beispiel zwischen Malta und Sizilien, waren Monsterwellen von bis zu 16
       Meter Höhe registriert worden, und sie haben womöglich Dutzende Boote mit
       Migrant*innen an Bord zum Kentern gebracht.
       
       ## Wenn überhaupt, wird nur lokal berichtet
       
       Schon am 24. Januar setzte der bei Radio Radicale tätige Journalist
       [2][Sergio Scandura] einen Post auf X ab, in dem er von 380 Opfern sprach.
       Er stützte sich dabei auf einen Rettungsaufruf der italienischen
       Küstenwache „an alle Schiffe“, der acht Boote, allesamt in den Tagen vom
       14. bis zum 21. Januar vom tunesischen Sfax in See gestochen, als vermisst
       meldete, mit genauen Angaben zur Abfahrtsstunde und den Zahlen der
       Passagiere an Bord (zwischen 36 und 54 in den verschiedenen Booten).
       
       Genaue Angaben lieferte die Küstenwache auch zur Bauart der Nachen. Sieben
       waren aus Metallplatten zusammengeschweißte Kähne, die wegen geringer
       Seetauglichkeit besonders berüchtigt sind, hinzu kam ein Schlauchboot.
       Allerdings verzichtete die Rettungsleitstelle ihrerseits völlig darauf, mit
       einer Pressemitteilung die Öffentlichkeit über das Drama zu informieren.
       
       Die Zahl von einem möglichen Massensterben schaffte es denn auch nicht, die
       italienische Öffentlichkeit zu erschüttern – die Medien nahmen Scanduras
       Post auf X schlicht höchstens am Rande zur Kenntnis. Nicht anders erging es
       der noch höheren Schätzung der in Italien aktiven [3][NGO Refugees in
       Libya], die in den kritischen Tagen des Sturms 38 Abfahrten zählt – doch
       nur ein Boot sei in Italien eingetroffen und eines nach Sfax umgekehrt. Die
       Zahl der Opfer betrage etwa 1.000, so die NGO.
       
       Italiens Öffentlichkeit aber schaut weiterhin weg. Genauso ergeht es jetzt
       den Nachrichten von den an den Stränden aufgefundenen Leichen – sie finden
       medial, wenn überhaupt, nur in der Lokalpresse statt. La Repubblica, eine
       der wichtigsten Tageszeitungen des Landes, berichtete in ihrer
       Mittwochs-Printausgabe gar nicht, und dem Corriere della Sera war der Tote
       von Tropea nur ein kleiner Artikel hinten im Blatt, auf Seite 23, wert.
       Kein Wort auch fiel in den TV-Nachrichten. Auch so lässt sich das Thema
       Massensterben im Mittelmeer erledigen: durch Nichtbefassung.
       
       18 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Nach-Zyklon-Harry-in-Italien/!6148412
 (DIR) [2] https://x.com/scandura
 (DIR) [3] https://www.refugeesinlibya.org/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Braun
       
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