# taz.de -- Landtagswahl in Baden-Württemberg: Happy dank Heidi und trotz der „ganzen Scheiße da draußen“
       
       > Die Linkspartei im Südwesten ist im Aufwind. Bei einem Wahlkampfauftritt
       > in Stuttgart wird Heidi Reichinnek wie ein Popstar gefeiert.
       
 (IMG) Bild: Schafft es, ein großes Wir-Gefühl zu erzeugen: Heidi Reichinnek
       
       Der Saal ist voll. Über tausend Leute sind ins etwas graue
       Willy-Bleicher-Haus in Stuttgart geströmt. Sie mussten sich vorher anmelden
       und stehen nun nach dem Alphabet sortiert an, um den Star der Linkspartei,
       Heidi Reichinnek, zu hören. Oder vielleicht auch vor allem, um nachher ein
       Selfie mit der linken Fraktionsvorsitzenden im Bundestag zu bekommen. Das
       Posing mit Reichinnek nach der Veranstaltung solle bitte nicht mit
       politischen Gesprächen aufgehalten werden, erklärt der Moderator.
       
       Ja, Auftritte von Heidi Reichinnek haben was von Popkonzerten, und die
       Linke ist, „bei aller Scheiße da draußen in der Welt“, wie Reichinnek
       später sagt, von sich und ihrem Erfolg doch ziemlich begeistert.
       Mittlerweile hat die Linkspartei auch in Baden-Württemberg, wo sie in der
       Landespolitik noch nie eine Rolle spielte, über 10.000 Mitglieder – mehr
       als die FDP. Und während die Liberalen in Umfragen seit Monaten bei 5
       Prozent herumkrebsen, liegt die Linke seit Frühjahr letzten Jahres stabil
       [1][bei 8 Prozent]. Vom Einzug in den Landtag geht man daher fest aus,
       vielleicht sogar zweistellig, träumt [2][Luigi Pantisano], der Stuttgarter
       Bundestagsabgeordnete, der durch diesen Abend führt.
       
       Dieser Erfolg, auch im Südwesten, geht wesentlich auf das Konto von Heidi
       Reichinnek, die mit ihrem viral gegangenen [3][Brandmauer-Rant] im
       Bundestag die unerwartete Wiederauferstehung der Linkspartei mit
       eingeleitet hat. Und so läuft sie dann zum Höhepunkt der Veranstaltung ein,
       mitten durch das Publikum, von ihrem Social-Media-Kamera-Team bestens
       ausgeleuchtet, und hüpft mit Pantisano zu dem Remix [4][„Zeit, dass sich
       was dreht“] auf der Bühne herum. Nur ältere Linke hält es da noch auf den
       Sitzen.
       
       ## Zur Landespolitik kein Wort
       
       Dann erklärt Reichinnek mit ihrem Fraktionskollegen als Stichwortgeber im
       gewohnten Reichinnek-Tempo die Rolle der Linkspartei im Bundestag: Warum es
       richtig war, bei der Richterwahl und dem Rentenpaket die CDU zu
       unterstützen. Sie geißelt aber auch die „dummdreisten Ideen der CDU zum
       Sozialabbau“ mit der schönen Pointe, dass es am Ende dann wohl doch nicht
       die Ausländer seien, die den Deutschen die Zahnarzttermine wegnähmen,
       sondern die CDU selbst mit dem Vorschlag, Zahnarztleistungen aus der
       Krankenkasse herauszunehmen.
       
       Das alles ist ziemlich unterhaltsam und wirkt familiär. Die beiden
       Politiker schaffen es, ein großes Wirgefühl zu erzeugen: Als würde ohne das
       Engagement jedes Einzelnen im Saal das Land längst der AfD und den
       Kapitalisten zum Fraß vorgeworfen. Nur um Landespolitik geht es an diesem
       Abend an keiner Stelle.
       
       Die anwesende Spitzenkandidatin Mersedeh Ghazaei, die hier in Stuttgart
       antritt, darf keine fünf Minuten reden. Am Anfang winkt sie kurz mal aus
       der ersten Reihe ins Publikum. Als sie ganz am Ende beim Schlussapplaus ein
       paar Worte sagt, drängt Moderator Pantisano sie „Hopphopp, ’s isch net so
       viel Zeit“ erstaunlich paternalistisch, ein Ende zu finden. Aber wer möchte
       nach so einem linksflauschigen Abend noch etwas über die Details des
       Mietrechts oder Strategien gegen den Krankenhausrückbau hören, oder wie es
       dem einstigen Autoland aus der Krise helfen soll, wenn die Industrie – wie
       im Wahlprogramm gefordert – verstaatlicht wird?
       
       Dabei könnte etwas mehr Bekanntheit dem Linken-Spitzentrio der Linkspartei
       nicht schaden. Neben der 28-jährigen Ghazaei sind das die 26-jährige
       Heidelbergerin Kim Sophie Bohnen und die 22-jährige Amelie Vollmer, die in
       Offenburg antritt. Die drei sind weitgehend unbekannt, und das
       Reichinnek-Hochamt trägt wenig dazu bei, das zu ändern.
       
       Aber bei dieser Besetzung geht es wohl weniger um die einzelnen Personen
       als um ihre Primärmerkmale jung und weiblich. Denn eigentlich wollte die
       Partei mit einer Doppelspitze mit der Kommunalpolitikerin Ellena Schumacher
       Koelsch, 38, in den Wahlkampf ziehen. Doch die Gemeinderätin aus Schwäbisch
       Hall wurde vom Landesvorstand unter der Bundestagsabgeordneten Sahra Mirow
       am Tag vor dem Nominierungsparteitag [5][recht ruppig beiseitegeschoben]
       und konnte nicht einmal einen aussichtsreichen Platz auf der Wahlliste
       ergattern. Sie verzichtete dann ganz.
       
       Und so geht die Linke statt mit kommunalpolitischer Erfahrung jetzt mit
       einem eher blassen Spitzentrio in den Wahlkampf. Was sich aber mit Blick
       auf die jungen Wählerinnen in den Universitätsstädten Freiburg, Heidelberg,
       Tübingen und auch Stuttgart als marktgerechter Schachzug erweisen könnte.
       Hier will die Linkspartei kräftig in grün-linken Milieus wildern, die sich
       von Özdemirs konsequentem Kurs der Mitte nicht abgeholt fühlen. Aber
       vielleicht ist das alles auch ein bisschen egal und sie wählen links, vor
       allem wegen Heidi.
       
       5 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/baden-wuerttemberg.htm
 (DIR) [2] /Moeglicher-neuer-OB-von-Konstanz/!5717727
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=l7bWsE_fMxI
 (DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=oY0ZHLwL29I
 (DIR) [5] https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/linke-bw-waehlt-landesliste-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benno Stieber
       
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