# taz.de -- Ganz Europa kauft russische Energie: Moskaus fleißige Zahlmeister
       
       > Nicht nur die Slowakei und Ungarn kaufen Energie aus Russland. Auch
       > andere europäische Staaten, darunter Deutschland, füllen Putins
       > Kriegskasse.
       
 (IMG) Bild: Frierende Frauen stehen in der Schlange einer Essensausgabe
       
       Die bittersten Minusgrade scheinen nach den Prognosen der Meteorologen in
       der Ukraine erst einmal vorbei zu sein. Dennoch soll das Thermometer auch
       in den kommenden Nächten auf Minusgrade fallen. [1][Und Russland greift mit
       Raketen und Drohnen weiter gezielt die Energieinfrastruktur der Ukraine
       an]. Immer wieder muss die Stromversorgung ganzer Städte unterbrochen
       werden.
       
       Parallel dazu drohten Ungarn und die Slowakei, die Lieferungen von Strom,
       Gas und Diesel in die Ukraine abzustellen und ein 20. EU-Sanktionspaket
       gegen Russland zu blockieren, das am 4. Jahrestag der russischen
       Vollinvasion in der Ukraine in Kraft treten sollte. Am Montag machte
       Budapest seine Drohung wahr und legte beim EU-Außenminister sein Veto sein.
       
       Ausgerechnet Ungarn: Mit 4,3 Milliarden Euro stand die Regierung in
       Budapest voriges Jahr an der Spitze der europäischen KäuferInnen von Erdöl
       und Erdgas aus Russland. Gefolgt von der Slowakei mit Käufen im Wert von
       2,8 Milliarden Euro.
       
       Zwar sind die Käufe von russischem Öl, Gas, verflüssigtem Erdgas (LNG) und
       Ölprodukten wie Benzin, Kerosin und Diesel durch die Mitgliedstaaten der
       Europäischen Union gesunken: von Beschaffungen im Wert von 23,2 Milliarden
       Euro 2024 auf 16 Milliarden Euro im Jahr 2025. Das belegen die Zahlen der
       finnischen Nichtregierungsorganisation Centre for Research on Energy and
       Clean Air (Crea), die die taz vorab vorlagen.
       
       ## Kindergärten und Krankenhäuser
       
       Zum Vergleich: Die 16 Milliarden Euro, die europäische KundInnen
       vergangenes Jahr für russisches Öl und Gas an Moskau überwiesen haben, sind
       500 Millionen Euro mehr, als die EU laut dem Europäischen Auswärtigen
       Dienst (EEAS) Kyjiw 2025 an Haushaltshilfen gegeben hat – zur Bezahlung von
       Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern und ziviler Infrastruktur.
       
       Öl und Gas sind die wichtigsten Einnahmequellen Russlands. 1,022 Billionen
       Euro wurden durch die Verkäufe fossiler Brennstoffe seit der russischen
       Vollinvasion in der Ukraine am 24. Februar 2022 laut Crea-Berechnungen in
       die Kriegskasse des Kremls gespült. Allein aus den 27 Mitgliedstaaten der
       EU kamen davon mehr als 220 Milliarden Euro. Davon stammten jeweils knapp
       die Hälfte aus Öl- und Gaskäufen, drei Prozent vom Kauf von russischer
       Kohle. Die Kohleimporte wurden im August 2022 gestoppt.
       
       Diese 220 Milliarden Euro sind deutlich mehr, als das Kiel Institut für
       Weltwirtschaft laut seinem „Ukraine Support Tracker“ sowie der EEAS an
       europäischen Ukrainehilfen verzeichnen: Demnach haben EU-Institutionen und
       Mitgliedstaaten dem kriegsbedrängten Land finanzielle Hilfen in Höhe von
       103,3 Milliarden Euro geleistet. Hinzu kamen Militärhilfen im Umfang von
       69,3 Milliarden Euro, 17 Milliarden für die Unterstützung ukrainischer
       Geflüchteter in der EU sowie 3,7 Milliarden Euro Zinserlöse aus in der EU
       eingefrorenen Vermögen an die Ukraine.
       
       [2][90 Milliarden Euro sollten jetzt an Finanzhilfen für 2026/27 nach Kyjiw
       überwiesen werden], hatte der Europäische Rat der Staats- und
       RegierungschefInnen Anfang Februar beschlossen. Zur Auszahlung dieses
       Ukrainekredits kommt es nun erst einmal doch nicht – wegen Ungarn und der
       Slowakei.
       
       ## Budapest und Bratislava als Buhmänner
       
       Sie blockieren die Auszahlung laut Angaben der dortigen Regierungen so
       lange, bis die Ukraine wieder russisches Rohöl durch die Pipeline
       „Druschba“ (Freundschaft) fließen lässt. Mehrfach hatte die Ukraine 2025
       die Rohrleitung mit Drohnen auf russischem Territorium beschädigt.
       
       Nun aber soll ein russischer Angriff die Röhre auf ukrainischem Gebiet
       getroffen haben, heißt es im Außenministerium in Kyjiw. Für diesen Schaden
       wolle das Land nicht aufkommen angesichts der Milliardenschäden an der
       eigenen Energieinfrastruktur. Budapest und Bratislava wollen indes erst
       nach Reparatur und Ölfluss die EU-Gelder freigeben.
       
       Die beiden russlandfreundlichen Regierungen gelten in der EU als Buhmänner,
       doch andere Staaten können ihre trotz umfangreicher EU-Sanktionen
       anhaltenden Moskau-Connections dahinter verstecken: Während Ungarn und die
       Slowakei über die Turkstream-Pipeline aus der Türkei 17 Milliarden
       Kubikmeter (bcm) Erdgas bezogen, wurden voriges Jahr 20 Milliarden
       Kubikmeter russisches LNG nach Europa geliefert. Im Jahr vor dem Überfall
       hatte Russland noch 155 bcm und damit 45 Prozent des gesamten europäischen
       Gasverbrauchs gepumpt.
       
       Frankreich (8 bcm), Belgien (5,8 bcm) und Spanien (3,7 bcm) waren die
       größten europäischen KundInnen von russischem Flüssiggas. Doch auch nach
       Deutschland, das direkt keine russischen LNG-Lieferungen bezieht, kam
       russisches Flüssiggas: 0,54 bcm für 212 Millionen Euro, wie Crea exklusiv
       für die taz berechnet hat. Das LNG sei über die Flüssiggasterminals im
       französischen Dünkirchen oder dem belgischen Zeebrugge nach Deutschland
       gekommen.
       
       ## Verschleierung russischer LNG-Importe
       
       Es könnte auch deutlich mehr sein, obwohl die Bundesregierung behauptet, es
       werde kein russisches Gas mehr eingeführt. „Die Herkunft des Gases geht
       verloren, sobald es in das europäische Netz gelangt“, erklärt Angelos
       Koutsis vom belgischen Umweltverband Bond Beter Leefmilieu die
       Verschleierung russischer LNG-Importe. Zudem würde Belgien die Importzahlen
       aus dem Terminal Zeebrugge nur mit anderthalbjähriger Verzögerung
       veröffentlichen.
       
       Auch Ölprodukte, wie Benzin oder Diesel, sind in die EU (und teilweise in
       die USA) gekommen – ohne dass dies direkt als russische Lieferungen
       erkennbar wäre: 82 Prozent der per Tanker gelieferten russischen
       Öllieferungen an die Türkei (13,1 Millionen Tonnen Rohöl für 7,5 Milliarden
       Euro) sollen allein an türkischen Raffinerien verarbeitet und als
       Treibstoff in der EU gelandet sein – zumeist in Griechenland. Hinzu kommen
       große Benzinmengen aus Indien.
       
       „Alle Schlupflöcher müssen endlich geschlossen werden“, fordert Crea. Das
       Zentrum berechnet seit der Vollinvasion detailliert die russischen
       Energieexporte und die inzwischen daraus erwachsenen Erlöse von über einer
       Billion Euro. Der Löwenanteil kommt aus China und Indien, dann folgen die
       Türkei und die EU als Moskaus Zahlmeister.
       
       Die EU will nach dem Stopp des Imports von Ölprodukten Mitte Januar bis zum
       Jahresende die russischen LNG-Importe beenden und bis Frühjahr 2027 auch
       die ungarischen und slowakischen Pipelinegaseinfuhren aus Russland und die
       Ölimporte. Ungarn hatte zuletzt seine Abhängigkeit von russischem Öl von 61
       Prozent vor dem Überfall auf die Ukraine auf 92 Prozent erhöht.
       
       ## Falsche Behauptungen
       
       „Österreich und Tschechien haben bewiesen, dass auch Länder ohne
       Meereszugang nicht auf russisches Pipelineöl angewiesen sein müssen“, sagt
       der deutsche Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Benjamin Hilgenstock
       von der Kyiv School of Economics, die ebenfalls russische Ölverkäufe
       detailliert verfolgt.
       
       Auch Crea rechnet vor, dass Ungarn und die Slowakei ausreichend Öl über die
       aus Kroatien kommende Adria-Pipeline aus anderen Quellen beziehen könnten.
       Anderslautende Behauptungen aus Bratislava und Budapest seien falsch.
       
       Ebenfalls ein Skandal sei, sagt Sebastian Rötters von der
       Umweltschutzorganisation urgewald, dass noch immer nicht die
       LNG-Lieferungen von der russischen Halbinsel Jamal gestoppt worden seien:
       Wie die oft unter falscher Flagge fahrenden, veralteten und oft nicht
       versicherten Öltanker, die russisches Rohöl durch dänische Gewässer der
       Ostsee, den Ärmelkanal und die Straße von Gibraltar durch EU-Hoheitsgebiet
       befördern, müssten auch die modernen LNG-Tanker lahmgelegt werden.
       
       „Jede Form von Wartung und Unterstützung muss diesen LNG-Tankern versagt
       werden“, fordert Rötters. Diese 16 modernen, in Südkorea gebauten
       Spezialtanker gehören zumeist der britischen Reederei Seapeak oder der
       griechischen Dynagas – und sie befördern Flüssiggas von Yamal LNG. Neben
       Gazprom, chinesischen Firmen und der französischen Total Energies, sind
       daran zwei Oligarchen beteiligt, die enge Kontakte zum Kremlherrscher
       Wladimir Putin haben.
       
       ## Warnung vor wachsendem Haushaltsdefizit
       
       „Es ist zu begrüßen, dass russische Energieimporte endlich bald zu Ende
       gehen sollen“, meint Rötters, „aber angesichts der täglichen russischen
       Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur ist jeder Tag einer zu
       viel.“ Immerhin: „Die Sanktionen wirken“, sagt Hilgenstock. „In diesem
       Januar hatte Russland die niedrigsten Öleinnahmen seit der Coronapandemie.“
       
       2025 hat die russische Wirtschaft laut Schätzungen der Analysten der
       Gazprombank 33 Milliarden Dollar an Öl- und Gas-Exporteinnahmen verloren.
       Im laufenden Jahr würden die Erlöse um weitere 20 Milliarden Dollar sinken,
       erwartet Russlands Zentralbank. Das seien aber immer noch 399 Milliarden
       Dollar Gesamteinnahmen für 2026.
       
       Die Notenbank warnt vor einem stark wachsenden Haushaltsdefizit und einer
       bereits beginnenden Bankenkrise. Erste russische Ölfirmen haben bereits
       Insolvenz angemeldet. Und die staatliche Gazprombank prognostiziert, dass
       der vor dem Überfall 2022 mit etwa 800 Milliarden Dollar aufgefüllte
       Staats-Reservefonds bis Ende des Jahres aufgebraucht sei.
       
       24 Feb 2026
       
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