# taz.de -- „Marty Supreme“ mit Timothée Chalamet: Um Ballsport geht es bloß am Rand
       
       > Im rastlos-übermütigen Sportlerdrama „Marty Supreme“ von Josh Safdie
       > verkörpert der Star Timothée Chalamet einen Tischtennisprofi mit
       > charakterlichem Defizit.
       
 (IMG) Bild: Immer in Bewegung: Marty Mauser (Timothée Chalamet) in „Marty Supreme“
       
       Marty Mauser ist ein elendiger Mistkerl. Ein Mensch jener Sorte, die keinen
       Anstand, keine Moral und keine Integrität besitzen. Obendrein ist er ein
       Charmebolzen sondergleichen und mit einem Selbstbewusstsein gesegnet, das
       verblüfft. Warum auch Bescheidenheit an den Tag legen? Marty ist
       schließlich der beste Tischtennisspieler der Welt. Zumindest ist er davon
       überzeugt. Die Welt müsse es nur noch erfahren.
       
       Dafür sind lediglich die 700 Dollar nötig, die ihm sein Onkel für die
       Mitarbeit in dessen Schuhladen in der Lower East Side in New York
       versprochen hat. Die braucht er für das Flugticket nach London, wo 1952 die
       English Open im Tischtennis stattfinden. Und wenn er das Geld nicht
       bekommt, holt er es sich eben. Das ist der Startschuss für diesen
       durchgeknallten und wahnwitzigen Marathon, in den der Regisseur Josh Safdie
       seinen Protagonisten in den zweieinhalb Stunden seines so rastlosen wie
       übermütigen Films hineinwirft.
       
       Marty ist nicht nur ein talentierter Tischtennisspieler (sein Ego ist nicht
       unberechtigt), sondern auch ein notorischer Betrüger und Sprücheklopfer.
       Aus Europa kommt er zwar nicht mit dem Turniersieg nach Hause – er verliert
       im Finale gegen seinen japanischen Kontrahenten – dafür mit einer Rechnung
       von über 1.200 Dollar, da er sich auf Kosten des englischen
       Tischtennisverbands im luxuriösen Hotel Ritz einquartiert hat.
       
       Auf der Suche nach dem schnellen Geld ist Marty jedes Mittel recht. Als
       vermeintlicher Amateursportler zieht er andere Tischtennisspieler über den
       Tisch. Einem älteren Gangster verspricht er, dessen Hund zum Tierarzt zu
       bringen. Beides endet in einem fürchterlichen Desaster.
       
       ## Entfremdung der Brüder Safdie
       
       „Marty Supreme“ trägt zweifelsohne die Handschrift eines der Safdie-Brüder.
       Hier ist die gleiche Anspannung und Impulsivität am Werk wie schon in den
       beiden New-York-Filmen [1][„Good Time“ (2017]) und [2][„Der schwarze
       Diamant“ (2019)]. Erst am Ende des Films wird Marty wirklich zur Ruhe
       kommen.
       
       Es ist der erste Film, den Josh Safdie ohne seinen Bruder Benny
       inszenierte, der wiederum letztes Jahr mit [3][„The Smashing Machine“ als
       Solo-Regisseur] reüssierte. Bis vor Kurzem wurde die Entscheidung,
       gemeinsam keine Filme mehr zu drehen, als kreative Weiterentwicklung beider
       begründet. Ende Januar erschien ein Artikel der amerikanischen Journalistin
       Tatiana Siegel, in dem als Grund ihrer Entfremdung eine damals
       minderjährige Schauspielerin genannt wird, die beim Dreh einer Szene von
       „Good Time“ sexuell ausgebeutet wurde. Der verantwortliche Regisseur an dem
       Drehtag war Josh Safdie.
       
       Derlei Vorwürfe wurden zu „Marty Supreme“ bisher nicht laut. Dass der
       Protagonist dieses Films ein zumindest gleichgültiges und eigennütziges
       Verhältnis zu Frauen an den Tag legt, ist eine Sache. Dass Safdie aber
       keinerlei Interesse zeigt, aus jenen Frauenfiguren mehr zu machen als reine
       Verfügungsmasse für Marty, eine andere.
       
       In London schmeißt er sich an den einstigen Hollywoodstar Kay Stone
       (Gwyneth Paltrow) ran. Für ihn ist sie Prestige- und Sexobjekt
       gleichermaßen. Zudem ermöglicht sie ihm Zugang zu ihrem Ehemann, dem so
       einflussreichen wie schwerreichen Unternehmer Milton Rockwell (Kevin
       O’Leary), der ihm letztlich eine Möglichkeit offeriert, wie er an der
       Weltmeisterschaft in Japan teilnehmen kann. Die Tatsache, dass er seine
       verheiratete Affäre Rachel (Odessa A’zion) geschwängert hat, ignoriert
       Marty zunächst geflissentlich.
       
       ## Grandios pubertäre Kaltschnäuzigkeit
       
       Auf seine Unverfrorenheit blickt man mit großer Abscheu. Gleichzeitig ist
       man auch fasziniert davon, wie er sich von einem Schlamassel ins nächste
       reitet und sich doch immer wieder hinauswindet. Timothée Chalamet spielt
       dieses überhebliche Bübchen sensationell. Seine schmächtige Figur, das
       zarte Oberlippenbärtchen, die filigrane Brille und nicht zuletzt die
       Fake-Akne im Gesicht verleihen diesem ewigen Aufschneider eine grandios
       pubertäre Kaltschnäuzigkeit.
       
       Man könnte Marty Mauser, der auf der wahren Biograpfie des
       Tischtennisspielers Martin Reisman beruht, einerseits als Sinnbild einer
       gewissen amerikanischen Überheblichkeit verstehen. Als Ausdruck einer
       narzisstischen Selbstbespiegelung, einer Großkotzigkeit, die mit einer
       Regellosigkeit einhergeht, wie sie auch Marty an den Tag legt.
       
       Soziale Bindungen sind für ihn rein funktional. Seinen Kumpel Wally
       (gespielt von Rapper Tyler, the Creator) braucht er nur, um das nächste
       krumme Ding zu drehen. Auch Rachels Bedürftigkeit als hochschwangere Frau
       ist lediglich ein Vehikel, um sich den nächsten Ärger vom Hals zu schaffen.
       Als er es endlich nach Japan geschafft hat, sagt er einmal den einen,
       entscheidenden Satz: „Da wo ich herkomme, sind wir uns selbst am nächsten.“
       
       Andererseits steckt in Marty noch eine zweite, tiefere Ebene. Als Nachfahre
       jüdischer Migrant:innen will er sich mit seinem Talent aus der Armut
       herauskämpfen. Und warum sich an Regeln halten, wenn es andere auch nicht
       tun? Wie hier, nebenbei bemerkt, Antisemitismus verhandelt wird, ist so
       irritierend wie beeindruckend gleichermaßen.
       
       Josh Safdie ist mit „Marty Supreme“ großes Unterhaltungskino gelungen. Der
       actiongeladene und auf 35 mm gedrehte Wahnsinn, bei dem es schnell nicht
       mehr um den Ballsport geht, lebt von einer visuellen Haptik, wie man sie im
       Kino nicht mehr oft zu sehen bekommt. Unterlegt wird das Ganze mit einem
       wogenden, leicht verträumten 80er-Synthie-Sound, der im 1950er-Setting
       anachronistisch wirkt, aber doch zu Martys aufgeblasenem Ego passt. Denn
       wie sangen Tears For Fears 1985 so passend: „Everybody Wants to Rule the
       World“.
       
       25 Feb 2026
       
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