# taz.de -- Künstler Gurzhy über russischen Krieg: „Für viele Deutsche bleibt die Ukraine eine Parallelwelt“
> Yuriy Gurzhy über beißende Kälte in der Ukraine, das Schwirren russischer
> Angriffsdrohnen und Songwriting-Camps mit Kindern und Jugendlichen.
(IMG) Bild: Motiviert ukrainische Kinder zur Musik im Krieg: Yuriy Gurzhy
taz: Yuriy Gurzhy, seit den 1990er Jahren leben Sie in Berlin, reisen
allerdings immer noch regelmäßig für verschiedene Projekte in die Ukraine,
so auch Mitte Januar. Woran haben Sie dort gearbeitet?
Yuriy Gurzhy: Ich war Mentor in der Musikwerkstatt eines Ferienlagers der
Organisation „Art Therapy Force“. Die Kids kommen meistens aus dem Osten
der Ukraine. Das Camp fand in den Karpaten im Südwesten des Landes statt,
wo es ein bisschen ruhiger ist und, wo es weniger Stromausfälle gibt. Die
anderen beiden Mentoren sind der Dichter und Musikproduzent Grigory
Semenchuk und der Musiker Ruaraidh Osborne. Die Kids wurden in drei
Altersgruppen geteilt, die ganz jungen, die Mittleren und die Teenager ab
14. Zuerst haben wir mit jeder Gruppe jeweils eigene Songs entwickelt und
dann auch wie am Fließband mit den einzelnen Teilnehmer:innen.
taz: Wie haben die Kids reagiert?
Gurzhy: Sie sagten, „lass Songs über unsere Stadt, über die Freundschaft
und über die Sonne schreiben!“ Wie eine Hit Factory. Die sind so fröhlich,
aber man merkt auch, dass sie nicht das gewöhnlichste Leben haben. Zu ihrer
Realität im Krieg gehören Dinge, die kein Kind erleben sollte. Und die
Selbstverständlichkeit, mit der sie darüber sprechen, ist herzzerreißend.
taz: Wie viel haben Sie und die Kinder von den massiven Angriffen der
russischen Armee auf die Energieinfrastruktur mitbekommen?
Gurzhy: Wir bekamen das vor allem aus den Nachrichten und natürlich von
Freunden in Kyjiw und Charkiw mit. Bei uns im Dorf wurde der Strom täglich
für fünf, sechs Stunden pro Tag abgestellt, dann gab es einen eigenen
Generator, der eingeschaltet wurde. Wobei es trotzdem nicht unproblematisch
war. Denn wir durften manche Räume nicht beheizen, was sich bei
Außentemperaturen von minus 10 Grad leider bemerkbar macht. Aber es war
weniger krass als die Kältekatastrophe, die wir gerade in Kyjiw erleben.
taz: Sie haben bereits früher Projekte mit Kindern aus frontnahen Gebieten
realisiert, auch vor der Großinvasion. Ende 2020 haben Sie das Album „Nova
Symfonia Donbasu“, „New Donbass Symphony“ mit ihnen aufgenommen. Wie läuft
der gemeinsame kreative Prozess ab?
Gurzhy: Es gibt Kinder, die bereits Erfahrung mit Musik haben, mehr als
andere. Manche kommen mit eigenen Song- und Textideen. Mit einer Gruppe von
Kids aus der im Norden der Ukraine gelegenen und zeitweise von russischen
Truppen eingekreisten Stadt Chernihiw haben wir beispielsweise eine
musikalische Stadtführung in Form eines Rap-Songs komponiert. Aber es gab
auch ganz normale Popthemen, über Liebe oder „Wir sind jung und sind die
coolsten“. Die Texte waren überwiegend auf Ukrainisch. Manchmal auf
Englisch.
taz: Vor Kurzem ist Ihr neues Buch „Ein Aquarium voller Schlüssel“
erschienen. Es kombiniert Schwarz-Weiß-Fotografien Ihres Vaters mit
humorvollen autobiografischen Erzählungen von Ihnen. Es geht darin
ausführlich um Ihre Heimatstadt Charkiw. Wie hat sie sich seit Kriegsbeginn
verändert?
Gurzhy: Viele Menschen haben die Stadt nach Beginn der Großinvasion 2022
verlassen, das war surreal. [1][Ich weiß noch, wie mir damals im Dezember
2022 während meines ersten Aufenthalts dort seit Kriegsbeginn] meine
Freunde sagten: „Schau mal, es gibt jetzt schon viel mehr Leben, viele sind
zurück!“ Ich schaute mich um und sah ein Auto und zwei Menschen auf der
Sumska-Straße, was sozusagen der Charkiwer Broadway ist. Und das
bezeichneten sie als „mehr Leben“. Es ist dort extrem hart und turbulent,
mit Stromausfällen und täglichen Bombardements. Und jeder geht
unterschiedlich damit um.
taz: Sind Sie selbst auch in Gefahr geraten?
Gurzhy: Nachdem das Buch veröffentlicht war, wurde ich Ende 2025 Zeuge
einer Explosion in nächster Nähe. Zuerst hörte ich den charakteristischen
motorradähnlichen Sound der Drohnen und beobachtete die Reaktionen der
Menschen um mich herum. Manche gingen einfach unbeirrt weiter ihrer
Beschäftigung nach. Andere haben in ihren Handys nach genauen Informationen
gesucht, während wieder andere in Panik geraten und weggerannt sind. Ich
wusste gar nicht, was ich tun sollte.
taz: Und man hat auch kaum Zeit, um in Deckung zu gehen.
Gurzhy: Die Wucht und Lautstärke der Explosion – und plötzlich auch
Flammen. Das Schlimmste aber war, dass das Brummen nicht aufgehört hat. Es
war also klar, dass da noch mehr Drohnen in der Luft sind. Was ihr Ziel
war, habe ich nicht herausgefunden.
taz: Dennoch sind viele Ihrer Freunde dageblieben, auch
Musiker-Kolleg:innen wie Serhij Zhadan und seine Band. Was ist deren
Motivation?
Gurzhy: Natürlich gibt es Menschen, die aus Überzeugung bleiben, dazu
gehören zum Beispiel Serhij und viele andere Freunde von mir. Und natürlich
bleiben diejenigen, die nirgendwo Verwandte oder Freunde haben oder auch
solche, die sich um kranke und alte Familienangehörige kümmern.
taz: Wie haben sich Ihre Freunde durch den Krieg verändert?
Gurzhy: [2][Sie sind zwangsweise zu Fatalisten geworden]. Viele sind
inzwischen beim Militär, einige von ihnen bei der Khartiia-Brigade. Das
sind immer noch dieselben Menschen wie früher, aber sie leben mit dem
Gedanken, dass ihr Alltag extrem gefährlich geworden ist. Sie lieben
Charkiw von ganzem Herzen, und es ist für sie von großer Bedeutung, dort zu
bleiben und zu tun, was sie tun müssen. Ich habe ihnen gegenüber großen
Respekt.
taz: Bald gibt es wieder ein trauriges Jubiläum. Am 24. Februar werden es
vier Jahre seit Beginn der russischen Invasion sein. Glauben die Menschen
noch, dass Frieden möglich sein kann?
Gurzhy: Ich habe kein einziges Mal mit jemandem darüber gesprochen. Niemand
redet gerne darüber. Die Menschen werden sich sicherlich extrem freuen,
wenn es vorbei ist. Aber wenn ich sage, es ist kein Ende in Sicht, dann ist
das buchstäblich zu verstehen.
taz: Hierzulande macht man sich sofort Hoffnungen auf ein Ende des Krieges,
wenn wieder von Friedensverhandlungen die Rede ist. Dabei gibt es kein
Signal, dass der Kreml Frieden will. Im Gegenteil, er versucht gerade, die
Zivilbevölkerung in den Städten zu demoralisieren. Das Ausmaß dieses
Terrors scheint vielen Menschen in Deutschland nicht bewusst zu sein.
Gurzhy: Als es Anfang Januar den Stromausfall in Berlin gab, habe ich mit
mehreren Menschen gesprochen, die meinten, jetzt wüssten sie, wie es den
Ukrainer:innen ergeht. Nur wenn man etwas Ähnliches erlebt oder aber,
wenn man große Empathie aufbringt, kann man seine Denkweise ändern. Für
viele bleibt die Ukraine immer noch eine Parallelwelt, mit der sie
keinerlei Berührungspunkte haben.
taz: Nun ist Ihr neues Minialbum „Schostij Psalom“, Ukrainisch für „Der
sechste Psalm“ erschienen, das Sie zusammen mit Zhadan aufgenommen haben.
Das Thema ist Bertolt Brecht. Wie kommt’s?
Gurzhy: [3][Es ist unser viertes gemeinsames Album.] Es gibt aber auch
Gäste, unter anderem die Sängerin Mariana Sadovska, den Schriftsteller
Jurij Andruchowytsch und Piano Boy, einen sehr bekannten ukrainischen
Musiker und Komponisten. Er hat unter anderem die Titelmelodie zur TV-Serie
„Diener des Volkes“ komponiert.
taz: Das ist die von 2015 bis 2019 in der Ukraine ausgestrahlte Serie, in
der Selenskyj, damals noch Schauspieler und Entertainer, mitwirkte und den
ukrainischen Präsidenten spielte – bevor er tatsächlich Präsident wurde.
Gurzhy: Als Sprecher sind aber auch Jan Müller von Tocotronic und Rüdiger
Linhof von Sportfreude Stiller auf dem Album vertreten. Es sind Vertonungen
von Zhadans Übersetzungen von Brechts Texten ins Ukrainische. Außerdem gibt
es zwei Texte von Zhadan, die mit Brecht zu tun haben.
taz: Was reizte Sie an Brecht?
Gurzhy: Zhadan ist schon immer ein großer Brechtfan gewesen und hat sogar
ein Buch mit eigenen Übersetzungen seiner Texte herausgebracht. Und er
träumte immer davon, etwas Musikalisches damit zu machen. Gut, Brecht
gehört jetzt nicht gerade zu meinen Lieblingsautoren. Aber wie eine
Freundin, die Übersetzerin Tine Hammer, mir auf Ukrainisch geschrieben hat:
„Gut, dass ihr die ukrainischen Übersetzungen vertont. Auf Deutsch geht
vieles verloren.“ Es ist tatsächlich nicht ganz Brecht, aber auch nicht
ganz Zhadan.
taz: Was steht bei Ihnen als Nächstes an?
Gurzhy: Ich habe jetzt wieder eine neue musikalische Konstellation: Yuriy
Gurzhy & The Beetroots, früher bekannt als Jewkrainians. Und wir spielen
unser erstes Konzert in dieser neuen Besetzung am Donnerstag, 19. Februar,
im PalaisPopulaire anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung zum Thema
Macht („Power“).
16 Feb 2026
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(DIR) Yelizaveta Landenberger
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