# taz.de -- Soldat über vier Jahre Krieg: „Wir sprechen jetzt anders über Angst, Hoffnung oder Wut“
       
       > Serhij Zhadan ist Autor und Soldat. Ein Gespräch darüber, wie der Krieg
       > Gesellschaft und Zeitwahrnehmung verändert – und die Sprache präzisiert.
       
 (IMG) Bild: Zhadan im Februar in Charkiw
       
       taz: Herr Zhadan, Russlands vollumfänglicher Angriffskrieg in der Ukraine
       dauert nunmehr seit fast vier Jahren an. Haben Sie noch ein Gefühl für
       Zeit? 
       
       Serhij Zhadan: Die Zeit verläuft für die Ukraine nicht mehr linear. Das
       Zeitgefühl ist ein anderes geworden, etwas ist zerbrochen. Die vier Jahre
       sind wie ein langer Tag, wie eine Verdichtung der Zeit. Ich kann mich noch
       an ganz kleine Details von vor vier Jahren erinnern. Auch das Gefühl für
       die Zukunft hat sich verändert. Wir alle sind komplett im gegenwärtigen
       Moment gefangen. Das ist, als ob du in einem Strom steckst, hinein gesaugt
       wirst und nicht heraus kannst.
       
       taz: Als [1][Schriftsteller] sind Sie ein Mann des Worts. Wie hat sich die
       Sprache verändert?
       
       Zhadan: Die Sprache der Ukrainer, ja die ukrainische Sprache an sich, ist
       viel präziser geworden. Ein bisschen mehr schwarz-weiß würde ich sagen.
       Wenn du über den Feind sprichst oder den, der dir gegenübersteht, versuchst
       du nicht, versöhnliche Worte zu finden, sondern nennst die Dinge beim
       Namen. Die Worte sind offener und ehrlicher geworden, ganz schonungslos und
       sehr emotional. Besonders das aber ist sehr ermüdend und zermürbend.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Zhadan: Weil du ständig in einer Stresssituation bist, auf einer
       emotionalen Schaukel. Ja, die Welt ist vom Krieg in der Ukraine müde
       geworden, aber auch die ukrainische Gesellschaft ist es, sehr sogar. Dabei
       geht es nicht um physische, sondern emotionale Müdigkeit. Rein physisch
       hält unsere Armee weiter die Front. Auch im Hinterland läuft es – Kultur,
       Business, aber alle sind müde. Das schlägt sich eben auch in der Sprache
       nieder. Ich glaube, dass wir jetzt auf der Suche sind – nach einer neuen
       Intonation, einem neuen Narrativ.
       
       taz: Gilt das auch für die Literatur?
       
       Zhadan: Auch die Literatur ist auf der Suche, aber wir haben diese Sprache
       noch nicht gefunden, das ist noch im Werden.
       
       taz: Wie fühlt sich das an?
       
       Zhadan: Es ist ein sehr schmerzhafter Prozess, weil vieles neu
       wahrgenommen, gedacht und überdacht werden muss. Wir sprechen jetzt ganz
       anders über Angst, Hoffnung oder Wut. Das sind elementare Emotionen, die
       jetzt aber eine ganz andere Bedeutung haben. So über diese Emotionen zu
       sprechen, wie vor 2022, geht nicht, das kann nicht das ausdrücken, was wir
       jetzt fühlen. Das gilt besonders für Schriftsteller, aber auch andere
       Kulturschaffende.
       
       taz: Gibt es Themen in der neueren [2][Literatur jenseits des Kriegs]?
       
       Zhadan: Wir sind ja schon seit 2014 im Krieg, und es ist mittlerweile eine
       ganze Bibliothek ukrainischer Literatur entstanden, die vom Krieg erzählt.
       Viele Bücher wurden von Leuten geschrieben, die unmittelbar am Krieg
       beteiligt waren. Literatur der Frontkämpfer, Frontowiki, hieß das bis 2022.
       Heute passt dieser Terminus nicht mehr, denn die gesamte Literatur ist auf
       irgendeine Weise mit dem Krieg verbunden.
       
       taz: Nicht nur in der Ukraine, sondern generell in den Staaten des
       postsowjetischen Raums war und ist die russische Sprache ein Politikum. Ein
       bulgarischer Übersetzer hat einmal gesagt, die meisten Menschen hätten ein
       Haus, womit er die Muttersprache meinte. Wie viele Häuser haben Sie? 
       
       Zhadan: Ich habe nur ein Haus, Ukrainisch. Diese Sprache spreche ich seit
       meiner Kindheit, und ich habe immer auf Ukrainisch geschrieben. In der Tat
       ist Sprache immer politisch. Das gilt vor allem für Imperien, wo mit
       Sprache versucht wird, Identitäten zu unterdrücken. Und natürlich wird
       Sprache unter solch einem Druck zu einem Ausdruck von Identität.
       
       taz: Finden Sie es übergriffig, wenn Sie auf Russisch angesprochen werden,
       weil es keine andere Möglichkeit der Verständigung gibt?
       
       Zhadan: Ganz ehrlich, fernab von Ideologie und Propaganda: Wenn mich jemand
       auf Russisch anspricht, werde ich angespannt. Höre ich Ukrainisch, weiß ich
       sofort, dass das einer von uns ist und auf welcher Seite des Kriegs er
       steht. Es gibt natürlich viele Menschen, die in der Ukraine weiterhin
       Russisch sprechen. Auch sie kämpfen an der Front für die Ukraine, aber sie
       sprechen eben untereinander Russisch. Und das ist jetzt eine Trennlinie,
       die sehr deutlich zu spüren ist.
       
       taz: Seit 2024 gehören Sie der 13. Brigade der ukrainischen Nationalgarde
       an, die Brigade Khartia ist in der Region [3][Charkiw] aktiv. Wie ist es
       für Sie bei dieser Einheit, und was sind Ihre Aufgaben?
       
       Zhadan: Ich werde nicht direkt bei Kampfhandlungen an der Front eingesetzt.
       Im Hinterland bin ich für Kommunikation, Medien, aber auch die
       psychologische Arbeit mit unseren Soldaten zuständig.
       
       taz: Was konkret kann man sich unter dieser psychologischen Arbeit
       vorstellen?
       
       Zhadan: Es geht um Bildung in Form von Vorlesungen, Gesprächen. Es ist ein
       ständiges Miteinander, ein ständiges Sprechen. Die ukrainische Armee ist
       ein sehr großer komplexer Mechanismus, hier sind alle Berufe vertreten, von
       Businessleuten, Bankern bis zu Handwerkern und Bauern. Unterschiedliche
       Menschen mit ganz unterschiedlichem kulturellem Hintergrund und einem
       unterschiedlichen Level an Motivation. Viele, die einberufen werden, haben
       Angst und große Barrieren. Psychologisch machen sie harte Zeiten durch.
       Wenn sie in die Armee kommen, ist es wichtig, ihnen sofort klarzumachen, wo
       sie gelandet sind: An einem Ort, an dem sie als Menschen geschätzt werden
       und wo versucht wird, für ihre Sicherheit zu sorgen.
       
       taz: Sind Sie immer noch bei Radio Khartia tätig, dem ersten Radiosender
       der ukrainischen Armee?
       
       Zhadan: Ja. Als wir den Sender 2024 gegründet haben, wollten wir zu einer
       Brücke zwischen der Armee und der Gesellschaft werden.
       
       taz: Hat das funktioniert? 
       
       Zhadan: Wir arbeiten weiter, und ich kann sagen, dass unser Auditorium
       wächst. Als ich noch nicht in der Armee war, habe ich ein Problem erkannt:
       dass zu wenig über die Armee gesprochen wurde, und wenn doch, wie das
       geschah. Entweder wird die ukrainische Armee heroisiert. Oder aber sie wird
       dämonisiert, was dem Einfluss der russischen Propaganda geschuldet ist. Es
       fehlt an einer ehrlichen, menschlichen Intonation in diesem Gespräch. In
       dieser Armee kämpfen ganz normale Bürger, keine Superhelden oder
       Außerirdischen. Das sind Menschen wie du und ich, die gestern noch
       Zivilisten waren. Sie brauchen jetzt Unterstützung und Verständnis und das
       umso mehr in der Zukunft, wenn sie wieder nach Hause zurückkehren. Wir
       versuchen, in genau diesem Ton über die Armee zu sprechen.
       
       taz: Was hat dieser Krieg seit 2022 persönlich mit Ihnen gemacht? 
       
       Zhadan: Grundsätzlich hat sich bei mir nichts verändert. Ich tue das, was
       ich vorher getan habe. Auch mein persönliches Umfeld ist dasselbe
       geblieben. Dennoch blicke ich auf bestimmte Dinge jetzt anders, zum
       Beispiel Karriere oder Materielles. Aber ich bin ja auch nicht mehr 20.
       Deshalb ist das für mich keine allzu große Erschütterung. Bei vielen
       Bekannten bemerke ich aber, dass dieser Krieg sie verändert hat. Die einen
       haben an sich ungeahnte Kräfte und Resilienz entdeckt, die anderen sind
       gebrochen. Der Krieg ist eine Zäsur für unsere gesamte Gesellschaft, jeder
       ist davon betroffen.
       
       taz: In Genf hat in dieser Woche gerade eine weitere Runde von
       [4][Gesprächen zwischen der Ukraine, Russland und den USA] stattgefunden,
       um den Krieg in der Ukraine zu beenden. Wie blicken Sie auf diesen
       Verhandlungsprozess?
       
       Zhadan: Ein Ende des Kriegs ist nicht in Sicht. Aber es muss Verhandlungen
       und ein Format dafür geben, um in der Zukunft etwas unterschreiben zu
       können. Die einzigen wichtigen Verhandlungen laufen derzeit direkt an der
       Front. Solange die Ukrainer die Frontlinie halten, haben die Russen keine
       zusätzlichen Argumente. Da können sie noch so oft fordern, die Ukraine
       solle weitere Gebiete abtreten. An der Frontlinie erreichen sie das nicht.
       Die Verhandlungen sind für mich nichts anderes als Bluff und Erpressung.
       
       taz: Könnte es dennoch einen Diktatfrieden geben? 
       
       Zhadan: Diese große Gefahr besteht, ja. US-Präsident Donald Trump geht es
       nicht um Frieden, sondern um eine Kapitulation der Ukraine.
       
       taz: Derzeit weiß niemand, wann und wie dieser Krieg enden wird. Was wird
       das Erbe sein, vor allem für die junge Generation? 
       
       Zhadan: Ein dramatisches. Wer seine Kindheit und Jugend im Krieg verbringt,
       wird für das ganze Leben geprägt. Vor dem Krieg habe ich viel mit Kindern
       gearbeitet, das mache ich auch jetzt noch. Das ist eine traumatisierte
       Generation, aber zugleich auch eine sehr starke. Deshalb ist es auch so
       wichtig, wie dieser Krieg beendet wird. Nicht durch eine Kapitulation,
       sondern zu fairen Bedingungen. Das wäre eine Motivation und zugleich ein
       wichtiges Signal für diese Generation, dass Menschlichkeit und
       Gerechtigkeit doch noch existieren.
       
       taz: Haben Sie Pläne für ein neues Buch?
       
       Zhadan: Ich habe eine Idee für einen Roman, aber jetzt leider keine
       Möglichkeit dazu. Es geht um den Beginn des Kriegs in Charkiw, wie das
       damals alles angefangen hat. Da gab es viele Dinge, an die ich mich heute
       zum Teil noch sehr gut und scharf erinnere. Das hat viel mit Zeit zu tun
       und dem Gefühl dafür. Darüber möchte ich schreiben.
       
       25 Feb 2026
       
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