# taz.de -- Gedenken nach 4 Jahren Krieg: Trauer und Pragmatismus
> Am 24. Februar gedenken Ukrainer:innen ihrer Lieben, die im Krieg
> gestorben sind. Über ein nahes Kriegsende macht sich keiner Illusionen.
(IMG) Bild: Hoher Besuch aus Europa: Besuch einer provisorischen Gedenkstätte für gefallene Soldaten in Kyjiw
Während EU-Vertreter sich beim offiziellen Solidaritätsbesuch in der
Ukraine zeigen, kniet die 62-jährige Halyna Tarasjuk in einem Schneehaufen.
Sie legt Blumen nieder und wischt Schnee vom Porträt ihres Sohnes. Der
lächelnde junge Mann auf dem Foto in der Uniform der ukrainischen
Streitkräfte starb vor einem Jahr im Osten des Landes. Halyna stellte sein
Foto auf den Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz im Herzen der ukrainischen
Hauptstadt.
Die Bilder getöteter Zivilisten und gefallener Soldaten, Flaggen ihrer
Einheiten und Kerzen an diesem Gedenkort sind an diesem Tag mit Rosen und
Nelken mit schwarzen Bändern geschmückt, die zwischen Tausenden brennender
Kerzen liegen. Die Ukrainer besuchen Friedhöfe, Denkmäler und
symbolträchtige Orte. Auch die Köchin Halyna Tarasjuk ist nach ihrer
Schicht in einem Kyjiwer Restaurant zum Porträt ihres Sohnes gekommen.
„Schauen Sie, wie viele Bilder von jungen Männern und Frauen hier sind, wie
jung und schön sie sind. Und alle wurden von Russland getötet. Das heutige
Datum und der Todestag meines Sohnes sind für mich die zwei dunkelsten Tage
in meinem Leben. Heute ist ein Tag voller Schmerzen“, sagt Halyna. Nur
mühsam hält sie die Tränen zurück.
Ein paar Hundert Meter vom Maidan entfernt finden heute im Büro des
ukrainischen Präsidenten Treffen mit europäischen Diplomaten und Politikern
statt. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen,
und mehrere Staats- und Regierungschefs aus nordeuropäischen und baltischen
Ländern sind nach Kyjiw gekommen, um ihre Unterstützung zu bekunden. Aber
Halyna rechnet nicht wirklich mit deren Hilfe.
„Ich erwarte nichts mehr von den europäischen Staats- und Regierungschefs
und habe keine Hoffnungen mehr“, sagt sie. „Wir sind dankbar für die Hilfe,
aber diesen Krieg müssen die Ukrainer gewinnen, nicht die Menschen aus
anderen Ländern“, fügt sie mit Tränen in den Augen hinzu. Aber eines sei
klar: „Die Familien, die Angehörige verloren haben, werden niemals einen
Waffenstillstand mit Russland akzeptieren. Sonst wären unsere Kinder
umsonst gestorben.“
## Europa hilft sich selbst
Andriy Serhienko aus Odessa ist zum ersten Mal in der Hauptstadt. Er
besucht die Gedenkstätte auf dem Maidan und die Gedenkwand des
St.-Michael-Klosters in Kyjiw. Der 19-Jährige geht an der Klostermauer
entlang, an der Hunderte Fotos von Kriegsopfern angebracht wurden.
„Ich studiere an der Militärakademie und möchte Drohnenpilot werden. Ich
glaube nicht, dass der Krieg in den nächsten Jahren enden wird, wir müssen
bereit sein, weiterzukämpfen“, sagt der junge Mann. An seiner Hose im
Tarnfleckmuster hängt eine Erste-Hilfe-Tasche.
Andrij ging noch zur Schule, als die Großinvasion begann. Die Bombardierung
seiner Heimatstadt war für ihn der Grund, sich für den Soldatenberuf zu
entscheiden. „Ich verfolge die Nachrichten und weiß, dass wir heute neue
Waffen für die Luftabwehr erhalten haben. Das ist sehr gut. Ich bin kein
Politiker, aber ich denke, wir sollten uns jetzt nicht auf die Hilfe der
USA verlassen, denn Trump könnte sich jeden Moment von uns abwenden“, ist
der Student überzeugt.
„Die europäischen Politiker verstehen, dass Russland nach der Ukraine auch
andere Länder angreifen könnte, zum Beispiel die baltischen Staaten. Wenn
sie uns helfen, helfen sie also auch sich selbst“, meint der angehende
Soldat.
## Grab ohne Leichnam
140 Kilometer östlich von Kyjiw, auf dem Friedhof in
Korsun-Schewtschenkivskyj im Gebiet Tscherkassy, besucht die 31-jährige
Alina Otsemko das leere Grab ihres Mannes, der vor zwei Jahren in der
Region Luhansk gefallen ist. „Ich glaube nicht mehr daran, dass ich seine
sterblichen Überreste in die Ukraine zurückholen kann“, sagt sie.
„Mein Mann ist in den besetzten Gebieten gefallen. Und ich glaube auch
nicht wirklich daran, dass wir diese Gebiete in den nächsten Jahren
zurückerobern können“, meint Alina. „Deshalb habe ich diesen Winter einen
Kenotaph einrichten lassen, ein Scheingrab ohne Leichnam. Damit ich an
einem Tag wie heute einen Ort zur Erinnerung an meinen Mann habe“, sagt die
junge Witwe.
Vor dem Krieg war ihr Mann Geschichtslehrer. Auf den Grabstein ist ein
Zitat des Verstorbenen eingraviert: „Wie können wir Kindern Geschichte
beibringen, die gerade jetzt geschrieben wird – wenn wir nur daneben
stehen?“
Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey
24 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Julia Surkowa
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Kyjiw
(DIR) Opfer
(DIR) Gedenkort
(DIR) Jahrestag
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Jahrestag der russischen Invasion: Sehen wir uns nächstes Jahr?
Tausende Menschen ziehen zum Jahrestag der russischen Invasion zum
Brandenburger Tor. Es ist ein Ruf nach Freiheit, ohne die es keinen Frieden
gibt.
(DIR) 4 Jahre Verhandlungen im Ukraine-Krieg: Immerhin, man trifft sich
Bereits wenige Tage nach dem russischen Überfall im Februar 2022 kam es zu
Verhandlungen über ein Kriegsende. Sie scheiterten – wie auch alle danach.
(DIR) Vier Jahre Krieg in der Ukraine: Was man nicht erobern kann
Unsere Autorin denkt an ihr Dorf nahe Dnipro, an vergangene Winter auf dem
zugefrorenen Fluss. Sie erinnert sich an Momente von Verlust und Hoffnung.
(DIR) Autor Zhadan und Historiker Schlögel: Die Menschen in der Ukraine ertrotzen sich einen Alltag
Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan und der Osteuropa-Historiker
Karl Schlögel trafen sich in Berlin zu einem Gespräch über die Situation in
der Ukraine.